Chinarestaurant in Sillenbuch Der Weg führt über Schweineblut

Von Eveline Blohmer 

Wer in den Urlaub fährt, freut sich meist auf die landestypischen Speisen. Doch auch wer daheim bleibt, kann kulinarisch verreisen. Wohin, davon erzählt unsere Sommerserie. Diesmal: die chinesische Küche im Restaurant CQ Flavour am Sillenbucher Markt.

Juan He (links) und Yu Quan mit einem typisch chinesischen Frühstück Foto: Eveline Blohmer
Juan He (links) und Yu Quan mit einem typisch chinesischen Frühstück Foto: Eveline Blohmer

Sillenbuch - Es gibt bekanntermaßen viele Möglichkeiten der Reisegestaltung: Manche zieht es hauptsächlich wegen des Klimas in ferne Länder, und sie sind ganz dankbar, wenn sie am All-inclusive-Hotelbuffet Wohlbekanntes vorfinden. Andere kämpfen sich lieber individuell durch unbekannte Regionen und begegnen auch den dort dargebotenen Speisen mit unerschrockener Abenteuerlust. Im Chinarestaurant CQFlavour am Sillenbucher Markt gibt es für beide Charaktere etwas.

„Ungefähr die Hälfte der Karte besteht aus angedeutschten Speisen“, sagt der Inhaber Pei Wu und fährt mit dem Finger über die Nummern 1 bis 105. „In China gibt es keine Pekingsuppe. Die Chinesen, die zu uns kommen, bestellen nie etwas aus der ersten Hälfte. Das sind Gerichte, die Chinesen vor 30, 40 Jahren hier eingeführt haben“, erklärt Wu. Individualtouristen sollten für eine kulinarische Reise nach ihrem Geschmack folglich eher ein Gericht wählen, dessen Nummer mit einem C versehen ist.

Wer traut sich, einen Alligator zu erlegen?

Doch auch in der C-Kategorie muss sich der Speisereisende erst einmal fragen, welche Art von Tourist er ist: Für diejenigen, die unter ihrem Tropenhelm zur Sicherheit immer ein Insektenspray verstecken, taugt wohl eher ein vegetarisches Gericht wie die Nummer C 115 (gebratene Aubergine, Kartoffelscheiben und Paprika mit Sojasoße). Wer es sich zutraut, nicht nur Moskitos, sondern auch Alligatoren mit der bloßen Hand zu erlegen, schafft sicher auch die C 331 (knusprig gebackener Schweinedickdarm mit Erdnüssen, Chili und Sichuan-Pfeffer) oder die C 324 (Schweineblut-Topf – extrem scharf). Mit beiden Gerichten begibt sich der Gast immerhin mit den Geschmacksknospen direkt nach Chong Qing, der südwestchinesischen Heimatstadt Pei Wus und Initialengeberin für den Restaurantnamen. „Die Stadt liegt in einem Tal mit viel Gebirge drumherum. Es ist dort sehr heiß im Sommer, aber die Feuchtigkeit geht nicht raus aus dem Tal“, erklärt Wu und begründet damit die Schärfe des Chong Qinger Essens: „Scharf ist gut gegen die Feuchtigkeit im Körper. Das kommt aus der chinesischen Medizin“, sagt Wu, der über die Millionenstadt mit der Fläche Österreichs lapidar sagt, sie sei „wie ein vergrößertes Stuttgart, nur dass sie an zwei Flüssen liegt“.

Bis 1997 gehörte die Megametropole, in deren Einzugsgebiet rund 30 Millionen Menschen leben, zu der Provinz Sichuan. Es kommt also nicht von ungefähr, dass der gleichnamige Pfeffer eine tragende Rolle auf den Tellern spielt. Der zitronig schmeckende Scharfmacher ist denn auch eine der wenigen Zutaten, die Wu nicht vom Großmarkt bezieht, sondern in China bestellt. „Die zeitliche Lebensdauer des Pfeffers ist begrenzt. Man kann ihn zwar noch verwenden, aber nach sechs Monaten ist kein Geruch, kein richtiger Geschmack mehr da, und der Wirkstoff ist verflogen“, sagt Wu, der das Restaurant seit einem Jahr betreibt, weil ihm die Arbeit als Ingenieur zu eintönig war. Dass Essen nach Chong Qinger Art das Gegenteil davon ist, beweist nicht nur der Speiseplan bei Wus zu Hause: „Wir essen nur chinesisch“, sagt der 37-jährige Pei Wu, gibt aber zu, dass es auswärts auch gerne mal ein Schnitzel Wiener Art mit Kartoffelsalat sein dürfe.

Gedämpfte Eier zum Frühstück

Die Vielfalt der Küche Chong Qings lässt sich auch am Mittagsmahl von Juan He und Yu Quan erahnen: Auf einer drehbaren Platte in der Tischmitte stehen diverse Schüsseln und Platten, darin gedämpfte Eier, Schweinefleisch mit eingelegtem Rettich, Tofu mit Sauerkräutern, Reis und Youtiao. „Das ist eigentlich ein typisches Frühstück“, sagt He und zeigt mit ihren Essstäbchen auf die frittierten Teigstücke.

Die 39-jährige Kellnerin kommt ebenfalls aus Chong Qing. Nach Stuttgart kam sie, um ihrer Freundin, Pei Wus Frau, im Restaurant zu helfen. Sie hat Erfahrung und rät den Einheimischen, erst einmal nichts zu bestellen, was mit einem „extrem scharf!!“ versehen ist: „Einmal wollte eine Dame, die davor immer das gleiche bestellte, etwas anderes. Ich habe sie gewarnt, aber sie wollte unbedingt. Dann hat sie einmal probiert – und geweint.“ Wer sich mitten in Sillenbuch aufmacht zur geschmackliche Reise ins Reich der Mitte, sollte tunlichst auf die Ortskundigen hören.

CQ Flavour Kirchheimer Straße 126, Stuttgart, www.cqflavour.de, Tel. 01 75 / 6 28 78 07. Montag bis Samstag 10.30 bis 15 Uhr, 17.30 bis 22.30 Uhr, sonn-/feiertags 10.30 bis 22 Uhr.

 

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