Chinas Einstieg bei Daimler Der zweite Geheimcoup des Dirk Notheis

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Der Regisseur des EnBW-Deals von Stefan Mappus soll auch beim Einstieg der Chinesen bei Daimler die Strippen gezogen haben. Nach einem beruflichen Absturz ist er inzwischen als Mittelstandsfinanzierer wieder erfolgreich.

Auftritt als Zeuge im Landtag: Notheis vor dem U-Ausschuss  zum EnBW-Deal Foto: dpa
Auftritt als Zeuge im Landtag: Notheis vor dem U-Ausschuss zum EnBW-Deal Foto: dpa

Stuttgart - Winfried Kretschmann vermied jedes Lob für seinen Vorgänger. Einst, wurde der Ministerpräsident gefragt, habe ihm die EnBW schlaflose Nächte bereitet, nun habe der Energiekonzern die Wende geschafft. Ob er Stefan Mappus und dessen Banker Dirk Notheis heute dankbar sei für den Rückkauf der Aktien? Positiv äußerte sich Kretschmann nur über den Vorstandschef Frank Mastiaux, der einen „sehr, sehr guten Job“ mache. Ansonsten verwies er darauf, dass der Milliardendeal komplett kreditfinanziert gewesen sei und die „drückende Schuldenlast“ noch abgebaut werden müsse.

Gut sieben Jahre nach dem EnBW-Deal beschäftigten Mappus und Notheis dieser Tage wieder die Landesregierung, jeder auf seine Art. Der Ex-Premier erschien gut gelaunt im Staatsministerium, um der Enthüllung seines Porträts für die Ahnengalerie beizuwohnen. Sein neuer Job als Vorstand beim Münchner IT-Unternehmen PM one mache ihm viel Freude, berichtete er.

Strippenzieher für den Geely-Chef

Notheis gilt derweil als Strippenzieher hinter einem neuen Milliardengeschäft, das das Land elektrisierte: dem Einstieg des chinesischen Unternehmers Li Shufu beim Daimler-Konzern. Nachdem Li im Februar weitgehend unbemerkt 9,7 Prozent der Anteile an dem Autobauer erworben hatte und damit gleichsam über Nacht zum größten Aktionär geworden war, zeigte sich auch Kretsch­mann irritiert: So wie sich chinesische Firmen an europäischen beteiligen könnten, müssten künftig auch Europäer in China einsteigen können; darauf gelte es stärker zu dringen. Vizepremier Thomas Strobl traf sich mit dem Gründer des Autounternehmens Geely, zu dem unter anderem Volvo gehört, umgehend in Berlin. Man habe „ein interessantes und gutes Gespräch“ geführt, berichtete er hinterher – über den freien Welthandel, die Digitalisierung und den Wandel in der Autoindustrie.

Offiziell wissen weder der Regierungschef noch sein Stellvertreter etwas über die Rolle von Notheis (50) bei dem Überraschungscoup. Er selbst äußert sich nicht dazu, bei Daimler heißt es nur, man kommentiere „Medienspekulationen grundsätzlich nicht“. Doch die Informationen aus Finanzkreisen, über die zuerst die Agentur Reuters berichtete und später diverse Medien, ergeben ein ziemlich einhelliges Bild. Nachdem Li mit einem offiziellen Ansinnen bei Daimler abgeblitzt war, engagierte er zwei einstige Spitzenleute von Morgan Stanley: den früheren Deutschlandchef Notheis und den früheren Chinachef Yi Bao. Verbunden sind beide über Notheis’ neue Firma Rantum Capital, die einen starken Fokus auf China und Asien hat. Das chinesische Gemeinschaftsunternehmen Cedarlake Capital, heißt es auf der Homepage, werde von dem in China geborenen US-Amerikaner geleitet.

Rätseln über die Herkunft der Milliarden

Zusammen mit Banken und Anwälten, so die Berichte, hätten sie den Einstieg eingefädelt. Dank des raffinierten, aber wohl legalen Vorgehens auch mithilfe von Optionen wurde das Geschäft erst publik, als der Geely-Chef bereits über fast zehn Prozent an Daimler verfügte. Woher die dafür nötigen sieben Milliarden Euro genau kamen, wird bis heute gerätselt. Nur in Einzelpunkten gehen die Informationen auseinander: Mal heißt es, die Investmentbanker müssten an dem Deal etliche Millionen verdient haben, mal ist von einer Gefälligkeit die Rede, für die Notheis kein Geld genommen habe. Auch dazu gibt es keine offizielle Auskunft.

Für den gebürtigen Ettlinger war der Coup eine kurze Rückkehr in seine alte Rolle als Investmentbanker, der Übernahmen und Fusionen begleitet. Seit er infolge des EnBW-Deals bei Morgan Stanley ausschied, macht er eigentlich etwas anderes. Seine in Frankfurt ansässige Firma Rantum Capital, benannt nach dem Urlaubsort auf Sylt, mobilisiert Geld für den Mittelstand. Wo Bankfinanzierungen etwa bei Wachstumsinvestitionen oder Nachfolgeregelungen nicht ausreichen, stellt sie Kapital zur Verfügung, aufgebracht von Versicherungen, Pensionskassen oder Stiftungen – und das mit beachtlichem Erfolg. Für den ersten Fonds sammelte sie 125 Millionen Euro ein, beim zweiten, hieß es im März, gebe es schon Kapitalzusagen über 300 Millionen Euro. Die Firma residiert in bester Lage im Maintor-Komplex, die Geschäfte laufen offenbar rund. Notheis ist einer von zwei Geschäftsführern.

„Früher sehr zufrieden, heute glücklich“

„Von Unternehmern für Unternehmer“ lautet die Philosophie von Rantum Capital. Gesellschafter seien „16 erfolgreiche Unternehmerpersönlichkeiten und ehemalige Dax-Vorstände mit langjähriger Branchenkenntnis“. Als begnadeter Netzwerker versammelte Notheis bekannte Wirtschaftsgrößen um sich – etwa den früheren BDI-Präsidenten Michael Rogowski, den einstigen Metro-Lenker Hans-Joachim Körber oder den ehemaligen Merck-Vormann Karl-Ludwig Kley. In dessen aktiver Zeit kam übrigens auch Mappus bei dem Pharmakonzern unter. Doch anstatt wie geplant nach einer Einarbeitungszeit Brasilien-Chef zu werden, ging er nach wenigen Monaten wieder.

Anders als Mappus, der immer wieder einmal Interviews gibt oder Auftritte absolviert, macht sich Notheis in der Öffentlichkeit rar. Gegenüber den Stuttgarter Nachrichten schwärmte er 2016 über die neue Freiheit, die ihm der Umstieg in die Selbstständigkeit beschert habe: „Damals war ich sehr zufrieden, heute bin ich glücklich.“ Das Kapitel um den EnBW-Deal habe er für sich abgeschlossen, mit mancher Lehre. Heute überlege er „sehr genau, wem ich was mit welchen Worten mitteile“ – eine Konsequenz aus den durchgesickerten Mails, in denen er von „Mutti“ Merkel geschrieben hatte. Nach wie vor getroffen zeigte sich Notheis von Attacken, die aus seiner Sicht unberechtigt waren. Doch er sinne nicht auf Vergeltung: „Zum Christsein gehört eben auch Verzeihen.“

Freundschaft mit Mappus ungetrübt

Mappus’ Freundschaft zu Notheis, berichten Weggefährten des Ex-Premiers, sei nach wie vor ungetrübt. Dass der Banker ihn beim EnBW-Deal auch benutzt haben könnte, sehe er bis heute nicht. Mappus als Marionette – das hatte auch Notheis „völlig absurd“ genannt. Bei dem Aktiencoup setzt der Ex-Ministerpräsident auf späte Gerechtigkeit. „Es wird der Tag kommen“, prophezeite er neulich, „wo das Land dankbar sein wird, dass wir die EnBW-Aktien zurückgekauft haben.“