Chinas Wirtschaftswunder Schwäbische Starthilfe

Späth auf dem Rädle: Der Fotograf Burghard Hüdig, der den Ministerpräsidenten auf Reisen begleitete, setzt Späth in Shanghai kurzerhand auf ein Fahrrad. Foto: Burghard Hüdig/Hauptstaatsarchiv Stuttgart

Chinas Wirtschaftswunder ist ohne Beispiel. Deng Xiaoping macht aus dem „Reich der Mitte“ wieder eine Wirtschaftsmacht. Vor allem CDU- und CSU-Politiker aus dem Süden reisen in den 70er Jahren begeistert nach Peking. Doch es ist nicht allein die Suche nach neuen Absatzmärkten, die Strauß, Filbinger und Späth antreibt.

Stuttgart/Peking - Ausgerechnet Deng Xiaoping. Dreimal war der Vertraute Mao Tse-tungs entmachtet worden. Während der Kulturrevolution wird er geschlagen und gedemütigt. Seinen Sohn werfen die von Mao entfesselten Roten Garden kurzerhand aus dem Fenster. Er bleibt sein Leben lang gelähmt. Und doch wird Deng Xiaoping zum Vater des modernen Chinas, öffnet sich das Reich der Mitte unter seiner Führung dem Rest der Welt – und entwickelt sich innerhalb von 40 Jahren vom Armenhaus zur kommenden Weltmacht. „1980 war Chinas Wirtschaft kleiner als die der Niederlande, in jüngster Zeit entsprach allein das jährliche Wachstum Chinas der niederländischen Wirtschaftsleistung“, schreibt Theo Sommer in „China First“.

 

Auch der Südwesten leistet dabei fleißig Starthilfe. „Ich sage nur Kina, Kina, Kina“, hatte Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger 1969 in Honoratioren-Schwäbisch noch gewarnt. Seine Nachfolger dagegen hoffen auf gute Geschäfte. Bereits unter Mao hatte sich eine Annäherung an den Westen abgezeichnet. Was die ungleichen Partner zusammenschweißt, ist die Angst vor der Sowjetunion.

„Kommunistenfresser“ wie Straus und Dregger treffen auf überzeugte Maoisten

Vor allem die Granden der CDU und CSU reisen in den 70er Jahren begeistert nach China: „Kommunistenfresser“ wie Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und Alfred Dregger werden von den kommunistischen Machthabern hofiert. Strauß wird – zu seiner großen Genugtuung – vom „Großen Steuermann“ persönlich empfangen. Bundeskanzler Helmut Schmidt trifft 1975 ebenfalls auf Mao, nach Strauß wohlgemerkt. Dass Mao für den Tod von 50 Millionen Menschen verantwortlich ist, interessiert nur am Rande, der Umgang mit Diktaturen ist damals wie heute eher pragmatisch.

1977 fliegt auch der baden-württembergische Ministerpräsident Hans Filbinger nach China, trifft führende Politiker und preist den Unimog als für China perfektes Vielzweckfahrzeug. Mao ist seit einem halben Jahr tot, der Kampf um seine Nachfolge in vollem Gange. Konkrete Vertragsabschlüsse erwarte er nicht, erklärt Filbinger. Die Reise sei eine „Goodwill-Aktion“, um die Beziehungen zu verstärken. Auch Filbinger wird wie ein Staatsgast empfangen. Die Pekinger Volkszeitung widmet seinem Treffen mit Maos Nachfolger Hua Guofeng – von Deng 1980 kaltgestellt – die Hälfte der ersten Seite. Denn Peking geht davon aus, dass die CDU den nächsten Kanzler stellt, und sieht in den Konservativen ein Bollwerk gegen die Sowjetunion, vor der sich Peking nach dem Ende des Vietnamkriegs mehr fürchtet als vor den USA.

Auf Brandts Ostpolitik reagiert die CDU mit einer Fernostpolitik

Auch Strauß, Filbinger und Co. treibt nicht nur die Aussicht auf neue Absatzmärkte. „Das offensive Eintreten für China hatte Anfang der 70er Jahre vor allem das Ziel, die Ostpolitik der sozialliberalen Regierung zu attackieren und ihr eine Alternative gegenüberzustellen“, schreibt der Historiker Frank Bösch in „Zeitenwende 1979“. Fernost- statt Ostpolitik – was bei SPD und Liberalen auf wenig Gegenliebe stößt, da dies die Annäherung an die Sowjetunion gefährden könnte. Zumindest offiziell. „In gewisser Weise betrieben Regierung und Opposition so arbeitsteilig ein Vorgehen, das die doppelte Öffnung gen Osten ermöglichte: Während die Bundesregierung offiziell enge Beziehungen zu Moskau vorzog, konnten die Christdemokraten ohne außenpolitischen Schaden die Fernstostpolitik vorantreiben“, schreibt Bösch. Und Absatzmärkte für Unternehmen in ihren Bundesländern erschließen, denn die drohende Isolation macht China verhandlungsbereit.

Schwäbische Unternehmen stehen Schlange. In den Akten des Hauptstaatsarchivs Stuttgart finden sich zahlreiche Briefe von Firmenchefs mit der Bitte, an der Reise des Ministerpräsidenten teilnehmen zu dürfen – und die verzweifelte Nachfrage eines Diplomaten, was für ein Schminkdöschen sich der Staatssekretär Mayer-Vorfelder denn wünsche. Als Exportland nur bedingt geeignet, lautet das Fazit der Reise.

Unter Lothar Späth nehmen die chinesisch-schwäbischen Beziehungen an Fahrt aufe

Das Potenzial erkennt freilich auch Filbinger. „Ohne Zweifel ist China schon heute ein außerordentlich bedeutsamer Faktor im weltpolitischen Kräftefeld. Wer sich aber die beinahe unglaublichen Anstrengungen des gesamten chinesischen Volkes bei der Bewältigung der Aufbauprobleme des Landes vor Augen hält, muss zu der Überzeugung kommen, dass die Bedeutung dieser Nation in den nächsten Jahrzehnten noch wesentlich zunehmen wird“, erklärt er.

Der Startschuss für zahlreiche Kooperationen und Joint Ventures zwischen chinesischen und baden-württembergischen Unternehmen erfolgt unter Filbingers Nachfolger Lothar Späth. Ende 1978 hat Deng Xiaoping die Macht übernommen und die „Vier Modernisierungen“ in Landwirtschaft, Industrie, Militär und Wissenschaft verkündet. Die Technik soll das Ausland liefern – bis China selbst dazu in der Lage ist.

Schon damals kritisieren einige, dass China nur an Know-how interessiert sei

Kaum ein Jahr später reist Späth nach China, am 29. November 1979 einigen sich der Stuttgarter Provinzfürst und Peking auf das „Memorandum über die Erweiterung und Vertiefung der Zusammenarbeit zwischen der Volksrepublik China und Baden-Württemberg“. Statt um Politik geht es jetzt vor allem ums Geschäft. Schon damals wird Kritik laut, dass China nur an Know-how interessiert sei, nicht jedoch an den Erzeugnissen selbst. So heißt es Mitte 1979 in einem Kommentar der Dresdner Bank zum von Peking beschlossenen Joint-Venture-Gesetz: „China verfolgt den Zweck, ohne den Einsatz von Devisen hochwertige Technologie und Ausrüstungsgegenstände zu erwerben.“ Vom ausländischen Partner werde erwartet, „sein gesamtes Wissen und seine Erfahrungen über Verfahrenstechniken und Betriebsführung“ einzubringen.

Die Liste der Interessenten ist dennoch lang: Daimler, Dürr, Herion, die Ritz-Pumpenfabrik. Vor allem Mittelständler sollen den Anfang machen und Maschinen gegen Textilien und Därme liefern. China habe großen Bedarf an ausländischer Technologie, erklärt Späth. Der Südwesten mit seiner technologisch an der Weltspitze stehenden Maschinenbauindustrie und seiner großen Exporterfahrung werde dabei eine gewichtige Rolle spielen. Das wird er – bis China selbst dazu in der Lage ist.

Literatur zum Thema

In „China First. Die Welt auf dem Weg ins chinesische Jahrhundert“ (C. H. Beck Verlag, 2019) zeigt der ehemalige „Zeit“-Herausgeber Theo Sommer, wie China zur Hightech-Nation wurde und was das für den Rest der Welt bedeutet. Absolut empfehlenswert ist auch Frank Böschs „Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann“, ebenfalls 2019 erschienen bei C. H. Beck.

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