Und der Präsident des Verbandes, Hermann Hutter, wetterte: „Der Skandal ist, dass das jeder weiß und die Politik auch das Thema benennt, aber es passiert einfach nichts. Dadurch wird der Handel geschwächt, und den Steuerzahlern entgehen die Steuergelder.“
Mehr als 40 Prozent der Verbraucher kaufen auf Temu & Co ein
Binnen kürzester Zeit sind Temu und Shein zu Herausforderern von Amazon, Zalando, Otto & Co. gewachsen. Laut dem Kölner Institut für Handelsforschung (IFH) kaufen hier mehr als 40 Prozent der Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland ein. Doch auch der Widerstand gegen die neuen Online-Riesen wächst und wächst.
Handelsverbände und Politiker kritisieren Dumpingpreise wegen unfairer Wettbewerbsbedingungen, während Verbraucherschützer vor schlechten Sicherheitsstandards und mangelnder Produktqualität warnen. Ins Zentrum der Klagen aber ist die 150-Euro-Zollfreigrenze gerückt. Bei Bestellungen aus Nicht-EU-Ländern müssen Temu & Co. für Pakete mit einem Warenwert unter 150 Euro bei der Einfuhr keine Gebühren bezahlen. Der Vorwurf: Temu und Shein würden ihre Sendungen falsch deklarieren, um ihre Produkte unter der 150-Euro-Grenze zu verkaufen und sich damit Vorteile verschaffen. Beide Plattformen weisen alle Vorwürfe zurück.
Kontrollen finden praktisch kaum statt
René Repasi hält die Vorwürfe dagegen für mehr als glaubhaft. „Damit wird die Untergrenze ausgehebelt, was wiederum nicht kontrolliert wird, weil es sich ja um eine Bagatellgrenze handelt.“ Repasi sitzt für die SPD im Europaparlament und arbeitet unter anderem an Gesetzgebungsdossiers im Bereich des Verbraucherschutzes. Er kennt die Berichte von überforderten Zöllnern im belgischen Lüttich genau, also dort, wo der Großteil der chinesischen Waren in Frachtfliegern eingeflogen werden – rund eine Million Päckchen täglich. Das Gros wird zu den Bestellern nach Deutschland transportiert.
Meist illegal, wie es auch vom Zoll heißt. Denn oft würden teure Waren günstiger als 150 Euro deklariert. Oder eine Bestellung werde so aufgeteilt, dass die einzelnen Päckchen den Wert von 150 Euro unterschreiten.
Auch deshalb möchte die EU die Zollbestimmungen schon seit geraumer Zeit reformieren. Aus dem EU-Rat heißt es auf Anfrage unserer Zeitung, die Mitgliedstaaten würden derzeit drei Vorschläge für eine Zollreform analysieren – darunter auch die Abschaffung der Freigrenze von 150 Euro. „Es ist schwer vorherzusagen, wie lange es dauern wird, bis sich der Rat auf seinen Standpunkt einigen wird – aber es dauert sicherlich noch Monate“, sagt eine EU-Beamtin. Die EU-Kommission hat vorgeschlagen, dass die Zollreform im März 2028 in Kraft treten könnte.
Eine mögliche Reform erntet derzeit viel Zuspruch. Der Handelsverband Deutschland fordert selbst, die Zollfreigrenze abzuschaffen. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) wiederum möchte generell die großen Online-Marktplätze stärker regulieren, auch was die Produktsicherheit angeht, und mahnte Temu bereits ab. Der Verband kritisiert auch, dass Temu & Co. die Verbraucherinnen und Verbraucher mit Rabatten, kostenlosen Produkten und Elementen des Glücksspiels an ihre Plattformen binden würden und dabei Unmengen von Daten sammelten. Temu streitet viele der Vorwürfe ab.
Allein eine Milliarde Kleidungsstücke und Schuhe importiert
Dennoch steigt die Popularität von Chinas Online-Marktplätzen weiter. Nach Schätzungen des Handelsverbands Textil, Schuhe und Lederwaren (BTE) haben im vergangenen Jahr allein Verbraucher aus Deutschland rund eine Milliarde Kleidungsstücke und Schuhe bei außereuropäischen Anbietern wie Temu und Shein gekauft. Hauptgrund sind die meist konkurrenzlos niedrigen Preise, wo es auch mal das Paar Turnschuhe oder die Smartwatch für zehn Euro zu kaufen gibt. Ein Grund für die günstigen Preise ist auch, dass es nur wenige Lagerflächen, niedrige Provisionen und keine Zwischenhändler gibt – längere Lieferzeiten werden bewusst in Kauf genommen.
Auch deshalb glaubt René Repasi, dass die EU-Zollreform zu spät kommt: „Temu und Shein haben durch ihr aggressives Vorgehen bereits große Marktanteile erobert, das wird sich kaum mit Zollbeschränkungen zurückdrängen lassen.“ Viele Verbraucherinnen und Verbraucher hätten sich bereits an die Niedrigpreise und die Versprechungen von Temu und Shein gewöhnt.
Wie so oft im Handel ist das Kaufverhalten von Verbrauchern entscheidend. Man müsse Alternativen wie nachhaltiges Einkaufen attraktiver machen und mehr aufklären, meint Repasi. Der Rechtswissenschaftler hat das EU-weite Recht für Reparatur maßgeblich auf den Weg gebracht, das für Handys, E-Bikes oder Staubsauger regelt, dass Reparaturen kostengünstig angeboten müssen, solange man sie noch reparieren kann. Um die Reparaturen attraktiver zu machen, könnten in Zukunft Reparaturgutscheine ausgegeben werden.
Auch hier habe es lange gedauert, um vom schnellen Konsum auf mehr Nachhaltigkeit umzusteuern, meint Repasi. Vielleicht könnten mehr Verbraucher dazu gebracht werden, auch bei Temu, Shein & Co. die Folgen ihres Einkaufs zu überdenken. „Es muss klar sein, dass ein T-Shirt für zwei Euro nicht zu einem guten Lohn oder Arbeitsschutz hergestellt werden kann.“