Chio 2022 in Aachen Schwarzer Samstag in der Soers

Michael Jung hat in der Soers große Probleme gehabt. Foto: IMAGO/Stefan Lafrentz/IMAGO/Stefan Lafrentz

Frust statt Triumph: Isabell Werth wird disqualifiziert, Michael Jung der Sieg aberkannt. Noch schlimmer erwischt es die Britin Rosalind Canter – sie verliert nach einem Unfall am Hindernis ihr Pferd.

Nix wie weg. Michael Jung und seine Helfer packten eilig ihre Sachen zusammen, luden ihre Pferde auf den Transporter, und ab ging‘s Richtung Heimat nach Horb. Was war passiert? Der 39-jährige Topfavorit und sein 14-jähriger Hannoveraner Chipmunk hatten den 4000 Meter langen Geländekurs in Bestzeit absolviert – die Jury erklärte das Paar zum Sieger. Prämie 37 000 Euro. Das kleine Missgeschick an einem der 25 Hindernisse sei noch innerhalb der Regeln zu bewerten: Im Eifer des Gefechts hatte Chipmunk eine Begrenzungsflagge umgerissen.

 

Werth hat Pech

Das aber ließ die „lieben Kollegen“ nicht ruhen – sie monierten die Entscheidung des Kampfgerichts. Beim zweiten Hinschauen urteilte es anders: Michael Jung müsse nun doch 15 Strafpunke hinnehmen – sein Sieg war futsch, es blieb ihm nur Rang acht. Sein Kommentar: „Ich meine, es war noch innerhalb der Regeln, aber ich nehme das Urteil hin, werde keinen Protest einlegen. Beim nächsten Mal muss ich einfach noch präziser reiten.“ Vater Joachim Jung erklärte lapidar: „Wer die lieben Kollegen sind – ich möchte da keine Namen nennen.“ Der Sieg der Briten im Preis der Nationen war ohnehin ungefährdet.

Noch schlechter erging es Isabell Werth. Mitten in ihrem Ritt auf dem Hengst Quantaz beim Grand-Prix-Spezial griff die Chefrichterin zur Glocke und läutete die „Dressurkönigin“ ab – Disqualifikation! Ausgeschieden! Stille im Stadion, Achselzucken bei der Reiterin. Dann die offensichtliche Begründung: Ihr Hengst hatte sich auf die Zunge gebissen – es blutete kaum sichtbar. Doch die vor Jahren eingeführte „Blood Roule“ ist knallhart: Wenn’s irgendwo am Pferd blutet – und sei es auch nur ein Hauch – kommt das Aus! „Mir ist das noch nie passiert“, beteuerte Isabell Werth, „aber die strenge Regel ist in Ordnung, ich finde sie richtig!“ Monica Theodorescu, die Bundestrainerin sagte: „Das war heute nicht unser Plan, es war einfach Pech. Es ist ja keine Verletzung, das Pferd hat keine Schmerzen. Trotzdem – die strenge Regel ist richtig.“

Tränenreicher Abschied

Sportliches Resultat: Die deutsche Equipe verlor den Zweikampf gegen die Dänen – es war erst die vierte Niederlage deutscher Teams seit 1977. Isabell Werth, die am Freitag ihre Stute Bella Rose tränenreich aus dem Sport verabschiedet hatte, musste gestern bei der Kür zuschauen. Frederic Wandres und Benjamin Werndl, der Debütant, Bruder der Olympiasiegerin Jessica von Bredow-Werndl, zeigten alle Tage starke Ritte. Die Bundestrainerin lobte: „Unsere Jungs haben geliefert. Das macht mich zuversichtlich für die WM im August. Wir können die Dänen schlagen.“

Am schlimmsten traf es die Britin Rosalind Canter, seit 2018 amtierende Weltmeisterin der Buschreiter, und ihren 17-jährigen Hengst Allstar B. An Hindernis 16 prallte ihr Pferd mit dem linken Vorderbein gegen die Holzkonstruktion – blieb auf drei Beinen stehen. In einer nahen Tierklinik fällten die Veterinäre wenig später die traurige Diagnose: Die entstandene Fraktur ist zu kompliziert, leider nicht operabel. Reiterin und Pferdebesitzer entschieden schweren Herzens, dass Allstar B eingeschläfert werden soll. Die 36-jährige Rosalind Canter äußerte sich fassungslos: „Mit Allstar B bin ich Weltmeisterin geworden, er war mein Freund, ein Teil unserer Familie. Ich bin sehr traurig.“

Nicht überzeugt

Zu den Verlierern dieses sonnigen Samstags in der Soers gehörte übrigens auch Ingrid Klimke. Die 54-jährige Reitmeisterin aus Münster hatte sich offenkundig zu viel vorgenommen: Start im deutschen Dressurteam, Start im deutschen Team der Buschreiter. Beim Geländeritt mit ihrer Stute Siena passierten ihr zwei „Vorbeiläufer“ – 40 Strafpunkte. Indiskutabel für eine Reiterin ihrer Klasse. Auch auf dem Dressurviereck vermochte sie mit ihrem Hengst Franziskus nicht zu überzeugen.

Nur einer strahlte an diesem Samstag in der Soers: Otto Becker, der Bundestrainer der Springreiter: „Natürlich war es ein Wagnis, dieses Quartett mit den drei Debütanten Jana Wargers, Christian Kukuk und Andre Thieme zusammen mit Janne-Friederike Meyer-Zimmermann in den Preis der Nationen zu schicken. Sie haben alle vier toll geritten und verdient gewonnen. Ich bin wirklich sehr stolz.“

Kluger Rat ist teuer

Nun allerdings hat Becker ein Problem: Altstars wie Marcus Ehning, Christian Ahlmann oder auch Daniel Deusser möchten ebenfalls zur WM Mitte August im dänischen Herning. Es gibt aber nur vier Startplätze. Da ist kluger Rat teuer.

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