Chistophsbad Göppingen Die unterschätzten Folgen der Pandemie

Rektor Michael Schubert, Chefarzt Markus Löble und Assistenzarzt Marcel Weik: In den Klassenzimmern der Klinikschule werden die Patienten der Kinder- und Jugendpsychiatrie unterrichtet. Foto: Foto: Margit Haas

Kinder und Jugendliche haben in der Pandemie besonders unter den Schutzmaßnahmen gelitten. Das ist in der Kinder- und Jugendpsychiatrie bis heute zu spüren.

Die Eule der Weisheit, die nährende Bärin, ein wachender Adler – sie begrüßen die Patienten und Besucher der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Göppinger Christophsbads und erinnern Chefarzt Markus Löble jeden Tag an die schwierigen Jahre zwischen 2020 bis 2022, als die Einrichtung besonders gefragt war. „Die Mutter eines Patienten, deren Hobby das Schnitzen von Totems ist, hatte gefragt, ob wir ihn aufstellen“, erinnert sich der Psychiater. Er räumt ein, von einzelnen Folgen und Auswirkungen der Pandemie auf Kinder und Jugendliche selbst überrascht gewesen zu sein. „Wir haben die Effekte der Schulschließungen unterschätzt und ihre gravierenden Ausmaße nicht erwartet“, stellen er, der Assistenzarzt Marcel Weik und Michael Schubert, Rektor der Klinikschule des Christophsbades, übereinstimmend fest.

 

„Es sind alle gesellschaftlichen Schichten betroffen.“

Markus Löble,Chefarzt

„Wir gingen zunächst davon aus, dass das Hauptproblem der verpasste Schulstoff ist“, sagt Schubert. Tatsächlich gebe es aber ein „sozial-emotionales Gedächtnis der Pandemie“. „Angststörungen, Panikattacken, aber auch Essstörungen und der soziale Rückzug nahmen signifikant zu“, beobachteten Löble und sein Team. Gerade für Jugendliche in der Pubertät sei der Kontakt, das „Messen“ mit Gleichaltrigen, wichtig für eine gute Entwicklung. „Der Abgleich mit Gleichaltrigen ist für pubertierende Jugendliche existenziell notwendig.“

Besonders fatal wirkten sich Internetplattformen aus

Das Fehlen von Peergroups habe dazu geführt, dass „normale Entwicklungsschwierigkeiten nicht mehr bewältigt wurden“, dass die Erfahrung, dass trotz des einen oder anderen vermeintlichen Mangels „jeder seinen Platz finden kann“, plötzlich nicht mehr real war. Als besonders fatal haben sich dabei die Internetplattformen ausgewirkt. In diesem digitalen Raum freilich war ein umfassender Vergleich nicht mehr möglich. Im Gegenteil – alle anderen sind plötzlich perfekt.

Der Totem im Eingangsbereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie: Für Rektor Michael Schubert (links) Chefarzt Markus Löble (rechts) und Assistenzarzt Marcel Weik Symbol ihrer Arbeit. Foto: Margit Haas

Marcel Weik kann sehr gut nachvollziehen, was seine Patienten für Erfahrungen machten, nicht nur als Psychiater. Der 25-Jährige hatte drei Semester studiert, dann traf ihn die Pandemie. „Es gab kein gemeinsames Lernen mehr, der Kontakt zu Kommilitonen ging verloren.“ „Lernen im Online-Format war aber nicht so nachhaltig.“ Und so fühlen sich der Assistenzarzt und seine Kollegen mitunter „ins kalte Wasser geworfen“.

Die Patienten werden immer jünger

Das Team der Klinik hatte die Auswirkungen der Schließungen und Lockdowns schnell bemerkt, insbesondere, als die Spielplätze nicht mehr zugänglich waren. Die Folgen der Pandemie seien bis heute wirksam. „Wir sind mit den gleichen Krankheitsbildern befasst wie vor der Pandemie, allerdings in weit größerem Ausmaß“, sagt der Experte. Und die Patienten werden immer jünger, weisen „intensiver Symptome auf“. Er betont auch, dass „alle gesellschaftlichen Schichten betroffen sind“. Wie lange die Pandemie nachwirken wird? Da sei eine Antwort schwierig.

Und wie sieht es mit der psychiatrischen und psychologischen Versorgung der Kinder und Jugendlichen aus? „Es gibt Wartezeiten von durchschnittlich drei Monaten“, sagt Löble, der betont, dass in den vergangenen Jahren in Baden-Württemberg viel für die fachliche Begleitung getan worden sei, „eine gute Versorgung aber noch nicht umgesetzt ist“. In der Klinik finden maximal 32 Kinder und Jugendliche Aufnahme. Sie werden vom Klinikschulkollegium der Bruderhausdiakonie unter Leitung von Rektor Michael Schubert in allen Schularten und Fächern „im engen Kontakt mit der Stammschule unterrichtet“. Da psychische Erkrankungen nach wie vor mit Vorurteilen behaftet seien, Eltern also lange zögern, bevor sie Unterstützung suchen, sei „die Schulsozialarbeit sehr wichtig“, sagt Löble. Oftmals gehe die Initiative von ihr aus.

Wo Kinder und Eltern Hilfe bekommen

Klinik
Die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie ist erreichbar unter Tel. (07161) 601-3570 oder andrea.baeumler@christophsbad.de, die Psychiatrische Institutsambulanz für Kinder und Jugendliche unter Tel. (07161) 601-9369 oder pia-kjpp@christophsbad.de

Hinweise
Alle Informationen unter https://www.christophsbad.de/medizin-pflege/fachbereiche/kinder-und-jugendpsychiatrie-psychosomatik-psychotherapie/

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