Choreografin Smadar Goshen (rechts) denkt in ihrem neuen Stück „Body That Stands“ darüber nach, wie Menschen Kriege und Konflikte überstehen. Foto: Zoia Domaskina
Wie halten Menschen Kriege aus? Mit dieser Frage beschäftigt sich die aus Israel stammende Choreografin Smadar Goshen, die in Stuttgart lebt, in ihrem Tanzstück „Body That Stands“.
Drei Performer und Hunderte von Holzklötzen sind die Hauptdarsteller in Smadar Goshens Tanzstück „Body That Stands“. Aufbau und Zerstörung prägen Bühne und Bewegung im Theater Rampe, wo das Stück der aus Israel stammenden Choreografin nach der Premiere vor einem Jahr nochmals am 25. und 26. März zu sehen ist – und aktuell bleibt.
Frau Goshen, was hat Sie zu Ihrem Tanzstück „Body that Stands” inspiriert?
Das ursprüngliche Konzept entstand als Reaktion auf die schwerwiegenden politischen Veränderungen, die mir im August 2023 auffielen, vor allem die von der israelischen Regierung vorangetriebene Justizreform und der Protest, den sie auslöste. Ich wollte das Thema Widerstand aus der Perspektive der Resilienz behandeln und den Akt des Widerstands als eine dem Menschen innewohnende Kraft zeigen. Wie leisten wir täglich Widerstand? Das wollte ich hinterfragen und sehen, wie wir daraus die Kraft gewinnen, auf eigenen Beinen zu stehen.
Dann kam der 7. Oktober 2023…
Sieben Monate nach Beginn des aktuellen Krieges zwischen Israel und Palästina begann der eigentliche Entstehungsprozess des Stücks; auch dieser Kontext prägte nun die Recherche im Studio. „Body That Stands“ befasst sich zwar weder explizit noch direkt mit der aktuellen politischen Situation in Israel und Gaza, stützt sich jedoch auf gemeinsame historische Erfahrungen und das Wissen über endlose Kriege. Die Themen Zerstörung, Ruinen, Narben und Trauer finden definitiv ihren Widerhall auf der Bühne.
Szene aus „Body That Stands“ Foto: Zoia Domaskina
Drei Performer bauen aus Hunderten von Bauklötzen Schlachtfelder und Grenzwälle. Wir sehen Aufbau, Zerstörung, Wiederaufbau. Wie schauen Sie auf die erschreckende Aktualität Ihres Stücks?
Meine Realität als Mensch mit israelischen Wurzeln ist nichts, was ich ignorieren oder nach Belieben annehmen oder ablehnen kann. Es ist eine ständige Lebenserfahrung. Daher hat die aktuelle Ausprägung des langwierigen, andauernden Konflikts im Nahen Osten sowohl den Zustand, in dem ich in den Schaffensprozess eingetreten bin, als auch die spezifischen Bilder, die in dem Werk entstanden sind, maßgeblich beeinflusst. An einem bestimmten Punkt wurde klar, dass wir uns der Frage „Wie soll es in Kriegszeiten weitergehen?“ und noch deutlicher „Wie kann man in Kriegszeiten weiterhin Kunst schaffen?“ stellen müssen.
Der Akt des „Weitermachens“, des „Trotz allem Weitermachens“ wurde zu einem wesentlichen Aspekt der Recherche. Auch hier beziehen wir uns nicht direkt auf den konkreten Krieg zwischen Israel und Gaza; man sieht den Turm zu Babel, eine Mauer - vielleicht die Berliner Mauer, vielleicht Troja? - und Gebäuderuinen. Diese Bilder beziehen sich auf kollektive Erfahrungen. In der Welt, in der wir heute leben, gibt es nur wenige Menschen, deren Lebenserfahrung nicht zumindest in geringstem Maße von den Überresten von Kriegen und Konflikten geprägt ist.
Wie ist die Stimmung des Stücks? Gibt es Hoffnung auf ein Happy End für Ihre drei Charaktere?
Während 60 Minuten durchlaufen sie verschiedene Ereignisse, Erfahrungen und Stimmungen. Mal sind sie verspielt und unbeschwert, mal vorsichtig und konzentriert, mal festlich und sogar verschwenderisch. Das Stück bietet einen Einblick in ein Universum, in dem Widerstand und Opposition genau aus diesem Grund erprobt und geübt werden können – um die verschiedenen Möglichkeiten zu erkunden, wie wir unsere Kraft nicht nur für destruktive Zwecke, sondern auch für Aufbau, Entwicklung und Verbindung einsetzen können.
Warum sollte sich das jemand anschauen, wenn schon die Nachrichtenlage frustriert?
Ich glaube, dass Kunst nicht dazu da ist, um die Realität zu reproduzieren, sondern um einen Verarbeitungskanal anzubieten. Nur indem wir das, was wir erleben, verarbeiten, können wir es weitergeben und transformieren. In einer Zeit, die Veränderung braucht, bietet „Body That Stands“ einen Einblick in die zyklische Natur von Zerstörung und Wiederaufbau und betont nicht nur die Notwendigkeit, sondern auch die Fähigkeit, in schwierigen Zeiten weiterzumachen.
Info
Termin „Body That Stands“ ist am 25. und 26. März um 20 Uhr im Theater Rampe zu sehen.
Künstlerin Smadar Goshen absolvierte ihre Ausbildung zur Tänzerin und Choreografin an der Jerusalem Academy for Music and Dance und tanzte anschließend im JAMD-Ensemble. 2019 kam sie nach Stuttgart, wo sie sich mit dem Duett „Peninsula Flora“ als Choreografin und Tänzerin vorstellte. Als Tanzpädagogin unterrichtet Smadar Goshen in „Gaga“-Classes nach der Methode von Ohad Naharin.