Choreografin Dunja Jocic Ein Gala-Stück für Gauthier Dance

Dunja Jocic (2. von rechts) probt mit den Junioren von Gauthier Dance für ihre Uraufführung „Ayda“. Foto: Gauthier Dance/Jeanette Bak

Ein heiteres Stück für das Jubiläum von Gauthier Dance wollte Dunja Jocic schaffen. Doch es kam anders – wie so oft im Leben der serbischen Tänzerin und Choreografin.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Ein Tanzprojekt kann ein Leben verändern, ein Tanzfilm sogar zwei. Das erfährt, wer sich mit der Choreografin Dunja Jocic unterhält. Die Serbin, die seit mehr als zwanzig Jahren in den Niederlanden lebt, liefert als Gast beim anstehenden Jubiläum von Gauthier Dance die einzige Uraufführung für den Gala-Abend „15 Years Alive“; Premiere ist am 1. März.

 

Wer sich vorab über die hier kaum bekannte Tanzmacherin informieren will, stößt im Netz auf einen ungewöhnlichen Film. „Spiegelingen“ heißt er und erzählt im surreal sich weitenden Inneren eines Abbruchhauses von der Freiheit des einzelnen, symbolisiert durch immer raumgreifendere Bewegungen eines Machotänzers – bis ihn eine plötzlich auftauchende Person einschränkt. Dunja Jocic tanzt dieses geisterhafte Wesen.

Der elfminütige, mit Marinus Groothof realisierte Film beeindruckt nicht nur, weil er bereits 2011 Themen ansprach, die später in der Pandemie virulent wurden. Es sind vor allem die impulsiven, aus kompletter Ruhe sich herauskatapultierenden Tanzszenen von Dunja Jocic, die den Blick fesseln. Dass die 1978 in Belgrad geborene Tänzerin vor ihrer Ausbildung in Rotterdam als rhythmische Sportgymnastin im jugoslawischen Olympia-Kader trainierte, verwundert bei ihrer athletischen Körperbeherrschung kaum.

Die jungen Tänzer sollen sich selbst einbringen

Im Probenraum von Gauthier Dance, wo Dunja Jocic mit den vier Junioren der Theaterhaus-Kompanie ihren Jubiläumsbeitrag „Ayda“ erarbeitet, lässt sich eine andere, weniger auftrumpfende Seite der Künstlerin entdecken. Suchen, ausprobieren, zweifeln, verwerfen: Zwei Paare erproben Halsbrecherisches. „Wie sieht’s aus mit Kopfstand?“ „Kommt ihr auch dahin, wenn ihr vom Rücken über die Schulter abrollt oder habt ihr eine andere Idee?“ Dunja Jocic testet die Grenzen ihres jungen Teams und fordert die vier Tänzer auf, sich selbst einzubringen. Ganz klar: Schmerzen sind genauso tabu wie Bewegungen, in denen sich jemand nicht wohlfühlt.

Die Power verblüfft, mit der Dunja Jocic im Studio selbst Mögliches prüft. In übergroßer Trainingsjacke wirkt die Künstlerin noch zarter, als sie ist. Die Atmosphäre des Suchens korrigiert die Choreografin dann im anschließenden Gespräch. Ihr Stück sei so gut wie fertig, die restliche Probezeit wolle sie nicht nur für den Feinschliff verwenden, sondern auch fürs Ausprobieren. „Ich arbeite hier mit jungen Tänzerinnen und Tänzern, die noch nicht so viel Erfahrung haben und ich muss herausfinden, womit ich sie packen kann.“ Bewegungen müssten immer auch eine innere Welt transportieren, erklärt Dunja Jocic. „Sonst sind sie nur Gymnastikübungen.“

Ein Platz in einer Kompanie kam nicht infrage

Die Begegnung mit dem Nachwuchs erinnert die Serbin an die eigenen Anfänge ihrer Karriere als Tänzerin, die sie später mit Choreografen wie Emio Greco und Kompanien wie Club Guy & Rony zusammenbrachte. Vieles habe sie dem Zufall und Freunden zu verdanken, erzählt Dunja Jocic. Weil der Jugoslawien-Krieg die Teilnahme an Sportwettbewerben unmöglich machte, brachte eine Freundin sie zum Ballettunterricht. Weil ein Mitschüler ihre Bewerbung organisierte, landete sie in Rotterdam. Nach dem Abschluss kam ein Platz in einer Kompanie für sie nicht infrage. „Ich wollte nicht im immergleichen Umfeld von Produktion zu Produktion hetzen, das hatte ich in der Gymnastik schon erlebt. Das wollte ich nicht noch einmal, sondern ich brauchte Platz für mich“, sagt Dunja Jocic.

Jetzt choreografiert sie zum ersten Mal für eine deutsche Kompanie. „Das ist fantastisch, in diesem Line-up bekannter Kollegen zu sein“, spielt Dunja Jocic auf das Gala-Programm an, das Stücke von Mauro Bigonzetti bis Ohad Naharin umfasst. Etwas Heiteres wollte sie, die sonst abendfüllende, anspruchsvoll mit verschiedenen Ebenen und Medien spielende Tanzstücke macht, zum Jubiläum beisteuern. Doch durch die repetitive Beschäftigung mit einer intensiven Körperlichkeit kam es anders. „Wir erkunden Rituale des Alltags, die einen durch schwierige Situationen führen, zum Beispiel, wenn jemand stirbt“, sagt Dunja Jocic zum Hintergrund von „Ayda“. Neben einer narrativen Linie gebe es auch Humor. „Aber ein leichtes Stück ist es nicht geworden“, sagt die Choreografin. „Ich mache mir die Dinge eben gern kompliziert.“

Reibungen mit positiven Folgen

Zum Tanzen kommt Dunja Jocic als Choreografin und Mutter zweier Kinder, einer sechsjährigen Tochter und einem 16-jährigen Stiefsohn, leider nicht mehr. Und da sind ja auch noch die Filme, „Bird“ etwa, „der war sehr erfolgreich mit einem langen Festivalleben“. Gedreht hat sie ihn wie ihr Debüt „Spiegelingen“ mit Marinus Groothof. 2011 habe es viele Reibungen am Set gegeben, erinnert sich Dunja Jocic – mit positiven Folgen: Seither sind der Filmemacher und die Choreografin ein Paar.

Info

Künstlerin
Dunja Jocic wurde 1978 in Belgrad in eine Familie von Filmemachern geboren. Vor ihrer Karriere als Tänzerin und Choreografin in den Niederlanden trainierte sie als Sportgymnastin im Olympia-Kader Jugoslawiens. Für ihre Filme und Choreografien erhielt sie viele Auszeichnungen wie den Zwaan-Tanzpreis.

Jubiläum
„15 Years Alive“, das Fest zum Geburtstag von Gauthier Dance, hat am 1. März im Theaterhaus Premiere, die Vorstellungen bis 5. März sowie vom 8. bis 12. März sind ausverkauft. Es gibt noch Tickets für die Shows vom 10. bis 14. Mai.

Programm
Neben der Uraufführung von Dunja Jocic zeigt „15 Years Alive“ Stücke von Wegbegleitern der Theaterhaus-Kompanie, mit dabei: „Pression“ von Mauro Bigonzetti, „Pacopepepluto“ von Alejandro Cerrudo, „The Sofa“ von Itzik Galili, „ABC“ von Eric Gauthier, „Minus 16“ von Ohad Naharin sowie Hofesh Shechters Kurzfilm „Return“.

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