Chorleben im Stuttgarter Norden Neue Töne bei den Hymnus-Chorknaben

Von Eva Funke 

Im Herbst soll das Heim des ältesten Knabenchors im Südwesten ausgebaut werden.

Probe in der Stimmgruppe: Rainer Homburg gibt am Klavier die Melodie vor. Foto: Eva Funke
Probe in der Stimmgruppe: Rainer Homburg gibt am Klavier die Melodie vor. Foto: Eva Funke

Stuttgart - Manuel kam per Zufall zu den Hymnus-Chorkaben. Ein Schulkamerad forderte ihn auf, „mit in die Aula“ zu kommen. Hätte er gewusst, dass er dort vorsingen soll, wäre er nicht hin. „Musik hat mich nicht interessiert“, sagt Manuel. Damals war er acht. Jetzt, mit 13, ist er einer der besten Solisten des Chors. Nachdem er eingeladen worden war, probeweise im Chor mitzusingen, hat Manuel festgestellt: „Das macht ja richtig Spaß.“ Ähnlich war es auch bei Clemens: „In der ersten Klasse wurden wir damit überrumpelt, dass wir vorsingen sollten. Kurz drauf kam ein Brief mit der Frage, ob ich nicht bei den Hymnus-Chorknaben mitmachen möchte“. Der heute Zehnjährige wollte – und schwärmt: „Die Proben sind so witzig.“ Obwohl die es in sich haben. Angesetzt sind sie zweimal pro Woche je drei Stunden: mal wird in der Stimmgruppe, mal mit allen geprobt.

Manuel und Clemens sind zwei von insgesamt 180 bis 220 Jungs und jungen Männern zwischen 5 und 29 Jahren, die in dem ältesten evangelischen Knabenchor im Südwesten singen. Gegründet wurde er bereits 1900. Leiter und Talentsucher ist seit zehn Jahren Kirchenmusikdirektor Rainer Johannes Homburg. Er und Emanuel Scobel, Geschäftsführer des Chors, wollen jetzt einen neuen Weg gehen: „den Stuttgarter Weg“, sagt Scobel. Das Chorheim an der Birkenwaldstraße wird ab Herbst ausgebaut und soll dann eine Art Tages-Internat ohne Übernachtung sein „So etwas gibt es in Deutschland bislang noch nicht“, sagt Scobel. Dafür eingestellt sind 300 000 Euro. Mit dem Geld sollen die unbenutzten Räume im Souterrain zu Proberäumen umgebaut werden, der Chorsaal soll eine zeitgemäße Beleuchtung bekommen. Im Haus sollen die Jungs ihre Hausaufgaben machen können. Dafür braucht es Tische und Stühle. Der Außenbereich soll so gestaltet werden, dass sich die jungen Sänger austoben und Fußball spielen können. Die Idee dahinter: Durch mehr Gemeinschaft und Chorleben wird das hohe Niveau des Chors weiter steigen.

Chor bleibt reiner Knabenchor

Noch eine weitere Neuerung gibt es: Erstmals wurden im Musikgymnasium des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums fünf Chorknaben aufgenommen – mit der Empfehlung, auch ein Instrument zu lernen. Falls es nach dem Stimmbruch mit der Stimme nicht mehr klappt, können sie dann auf dem Instrument in den Prüfungen punkten. Die Aufnahme ins Musikgymnasium scheiterte bislang daran, dass die Lehrer fürchteten, die Jungs könnten durch den Stimmbruch ihre schöne Stimme verlieren und dann die Prüfungen nicht mehr schaffen. Homburg hält den Stimmbruch allerdings für unproblematisch: Wer vorher eine gute Stimme gehabt habe, werde auch nachher davon profitieren. „Die Jungs haben ein enormes Repertoire und sind ausgebildete Sänger. Damit sind sie auf alle Musik vermittelnden Berufe bis hin zum Dirigenten für Chor und Orchester vorbereitet.“ Davon ist er überzeugt. Was aber passiert, wenn die Jungs in den Stimmbruch kommen? „Dann tragen sie bei unseren Auftritten Anzug und Krawatte“, sagt Homburg und ergänzt, dass die Jungs gelernt hätten, „im Keller Licht anzumachen“. Das heißt, sie haben ihr Falsett in der Knabenstimme entwickelt und können oft schnell wieder im Chor mitsingen.

Trotz aller Neuerungen bleibt der Chor der Tradition als reiner Knabenchor verhaftet. Der Grund: Der Klang von Knabenstimmen sei ein anderer als der von Mädchenstimmen. Und Ziel des Chors ist es, die Chorliteratur historisch korrekt und stilgerecht aufzuführen. Überlegungen, parallel einen Mädchenchor aufzubauen, gab es zwar. Das müsste allerdings vom Träger, der Evangelischen Kirche Stuttgart, und von Stadt und Land bezahlt werden. „Der Aufwand ist immens, da die Mitgliedschaft im Chor kostenlos ist“, sagt Scobel, Um Nachwuchs zu rekrutieren, macht Homburg ein halbes Dutzend Schulbesuche pro Saison. Dadurch findet er auch begabte Jungs wie Manuel, die von sich aus nicht auf die Idee kommen, im Chor zu singen. Eine Kollegin arbeitet auf der Suche nach Talenten mit Kitas zusammen.

Die Proben, die Clemens so Spaß machen, beginnen mit Lockerungsübungen. Die Jungs müssen auf dem linken Fuß stehen und „Bla-bla-bla-bla“-Singen. Dann wird es ernst: Eine Kantate wird einstudiert. Können Kinder den schwierigen Stoff überhaupt verstehen, um ihn zu interpretieren? „Ja“, sagt Homburg. „Sie erzählen sich gegenseitig, was in dem Text passiert, und es entwickeln sich komplexe Gespräche.“

Mitten in der Chorprobe wird Clemens raus gerufen – zum Einzelstimmunterricht: Clemens muss zunächst Bälle auffangen, die ihm Birgit Quellmelz zuwirft. Erst danach wird gesungen. Clemens singt so hoch, dass die Töne Glas zerspringen lassen könnten. Die Stimmbildnerin kritisiert. „Ich hab kein Wort verstanden.“ „Weil ich auch mal atmen muss“, kontert Clemens. Etwa 30 Minuten dauert der Unterricht. Singen und atmen wird so oft geübt, bis deutlich zu verstehen ist dass „der Tag anbricht“. Dann geht es für Clemens zurück in seine Stimmgruppe und der nächste Junge kommt zum Einzelunterricht.

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