Chorleiter Benjamin Hartmann Neuer Schwung für Knabenchor Collegium Iuvenum Stuttgart

Benjamin Hartmann Foto: Joachim Klingner

Seit August 2020 leitet Benjamin Hartmann das Collegium Iuvenum Stuttgart. Wie hält man einen Knabenchor zusammen, wenn man nur online proben und nur in kleinen Gruppen bei Gottesdiensten auftreten kann?

Stuttgart - Das ist der Albtraum eines Dirigenten: Man gibt ein Zeichen, und alles bleibt still. Der Saal ist leer. Schlimm genug, wenn man so etwas träumt. Wie aber geht man mit einer solchen Situation um, wenn sie tatsächlich eintritt und einen außerdem noch gleich nach Amtsantritt trifft? Benjamin Hartmann (31) hat den Knabenchor Collegium Iuvenum (CIS) im August 2020 von Michael Culo übernommen, der seinerseits zehn Jahre zuvor den Chorgründer Friedemann Keck beerbt hatte. Während der ersten Coronawelle war Hartmann bereits Culos Assistent. Jetzt dirigiert er im leeren Saal – vor dem Laptop. Die Chorsänger sitzen und stehen daheim vor ihren Bildschirmen.

 

Es macht einen großen Unterschied, dass diese Sänger keine Erwachsenen, sondern Kinder und Jugendliche sind. „Das ist“, sagt Benjamin Hartmann, „sehr schwierig, weil ein Knabenchor in besonderer Weise von der persönlichen Beziehung zu den Jungs und den jungen Männern lebt.“ Zurzeit probt er in Kleingruppen, manchmal gibt es zusätzlich Einzelunterricht, die Hartmann gerne „VIP-Proben“ nennt – die Knaben, sagt er, „brauchen individuelles Feedback“, und außerdem kann er als neuer Künstlerischer Leiter so die Einzelnen besser kennenlernen. Aber ohne das Livesingen im großen Chor fehlten den Jüngeren die Vorbilder und dem ganzen Kollektiv die Lernprozesse bei der klanglichen Verschmelzung. Außerdem ist es gerade viel schwieriger, die Knaben künstlerisch so zu fordern, wie sie es unbedingt brauchen. Auch online arbeitet man so pädagogisch, so spielerisch (durch Vorsingen, Nachsingen, Solmisation mit Handzeichen) und mit so kleinen Schritten, wie es bei Knabenchören nötig ist. Aber die Sänger haben keine Möglichkeit, sich so aneinander zu messen, wie es immer auch zu so einem Ensemble dazu gehört. Es fehlt das soziale Miteinander, das auch ein elaboriertes Online-Freizeitprogramm mit Vorlesestunden und Spieleabenden nicht ersetzen kann. Und, ganz klar: Es fehlen die Konzerte.

Auftritte gibt es momentan nur in Gottesdiensten

Immerhin übernimmt das Collegium Iuvenum regelmäßig den musikalischen Part bei Gottesdiensten. Als ökumenischer Chor treten die Knaben und jungen Männer sowohl in evangelischen (mit bis zu acht Sängern) als auch in katholischen Kirchen (mit bis zu vier Sängern) auf, jeweils mit vorgeschalteten Schnelltests. „Die Jungs“, sagt Hartmann, „brauchen Ziele, auf die sie hinarbeiten können.“ Damit meint er ausdrücklich nicht nur den Reise- und Konzertchor, sondern gleichermaßen die jüngeren Nachwuchssänger, denn auch die bräuchten Mittel gegen „Motivationsdurchhänger“, und so wandelt Benjamin Hartmann augenzwinkernd ein Coronaversprechen des Bundesgesundheitsministers ab: „Wir wollen jedem Knaben bis Ende des Sommers ein Auftrittsangebot machen.“

Das ist auch insofern wichtig, als der Chor in Pandemiezeiten tun muss, was er sonst kaum je tun musste: Während früher die Mund-zu-Mund-Propaganda ausreichte, um Nachwuchs zu gewinnen, muss das Collegium Iuvenum jetzt aktiv werden. Bei Knabenchören ist der „Durchlauf“ groß, sie brauchen ständige Erneuerung. Angeboten wird deshalb neben einem (niederschwelligen) Online-Vorsingen ein Online-Tag der offenen Tür am 3. Juli.

Englische und schwedische Chortradition, dazu das deutsche Erbe: Bach, Bach, Bach

Benjamin Hartmann selbst ist evangelischer Pfarrerssohn, in Stuttgart geboren, hat als Knabe schon vier Jahre im Collegium Iuvenum mitgesungen und danach über Jürgen Budday in Maulbronn „den Kosmos gemischter Chor“ kennengelernt. Seit 2016 leitet er in Buddays Nachfolge den Maulbronner Kammerchor. Über sein Studium bringt Hartmann neben der deutschen nun auch die schwedische und die englische Chortradition in seine Arbeit ein. In Cambridge hat er die „Klarheit, Unmittelbarkeit, Ehrlichkeit und den geraden, strahlenden Klang“ von Knabenstimmen für sich wiederentdeckt und in der Chorliteratur der Insel viel „Musik fürs Herz“ gefunden; in Stockholm hat er „die Verbindung von Klangsinnlichkeit mit hohem Anspruch und großer Experimentierfreude“ schätzen gelernt, auch in ihrer unverkrampften Nähe zum Volkslied. Das alles wird er, auch mithilfe des Chor-Repetitors Antal Varady, einbringen – immer mit der Devise im Hinterkopf „Lieber ein einfaches Stück richtig gut arbeiten, als sich am allerkomplexesten die Zähne ausbeißen“. Kernpfeiler des CIS-Repertoires sollen aber das Weihnachtsoratorium und große Passionsmusiken sein – mit Vorliebe jene von Bach, denn Hartmann spürt bis heute, wie sehr ihn die großen Werke, die er als Knabe einstudierte, bis heute prägen. „Als Knabenchor“, sagt er, „legen wir den Grundstein für musikalische Biografien.“

Vorbilder gehören natürlich auch dazu. Benjamin Hartmann, mit Hellmuth Rillings Bach-Gesamteinspielung aufgewachsen und immer noch „ein Riesenfan seiner Gesprächskonzerte“, hat unter Hans-Christoph Rademann Bachs Johannespassion gesungen und ist „tief beeindruckt davon, wie Rademann die Gaechinger Cantorey zu einem internationalen Spitzenensemble geformt hat, das nun seine Handschrift trägt“. Dass Vokalmusik zu Hartmanns Leidenschaft wurde, hat auch mit diesen beiden Dirigenten zu tun: „Wie Musik- und Sprachstruktur ineinandergreifen und Emotionen erzeugen: Das ist meine Welt.“

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