Die Chöre hatten lange Zeit einen sehr schweren Stand. Wegen Corona konnten Proben, wenn überhaupt, nur per Videokonferenzen stattfinden. An Auftritte, vor allem in angemessener Zahl, war lange nicht zu denken. Die Konsequenz: Etliche Chöre gibt es nicht mehr; die Stuttgarter Chortage, die eigentlich alle drei Jahre stattfinden sollen, wurden 2021 abgesagt. Aber jetzt kommen sie wieder: Vom 3. bis zum 15. Oktober finden Sie zum 13. Mal statt: An 13 Tagen mit 12 Konzerten, acht Workshops und dem Auftritt eines speziell für die Chortage gegründeten Projektchors. 13 Tage also, das sind drei mehr als bei den letzten Chortagen 2018.
Eröffnet wird mit Prominenz: Die Stuttgarter A-Cappella-Truppe Füenf tritt am 3. Oktober um 18.45 Uhr im Theaterhaus auf. Allerdings befindet die Gruppe sich gerade mitten in ihrer Abschiedstournee. 28 Jahre sind vergangen seit den ersten Proben in der Stuttgarter Musikhochschule – was die Füenf in dieser Zeit am meisten beschäftigt hat, was dem Publikum am besten gefällt – an diesem Abend kommt ein Ausschnitt davon auf die Bühne. Denn mit dabei ist ebenso Chormäleon, der Chor der Dualen Hochschule, geleitet von Holger Frank Heimsch, Vorsitzender des Hauff-Chorverbands und künstlerischer Leiter der Chortage. Und der Projektchor „100 Stimmen mit Füenf“. Dazu haben sich Sängerinnen und Sänger gemeldet, die Lust haben auf anspruchsvolle a-cappella-Auftritte und die sich mit den Profis live auf der Bühne messen und von ihnen lernen wollen. Dazu finden mehrere Proben statt. Die drei Ensembles treten einzeln und gemeinsam auf.
Schwierige Festivalplanung
Die Chortage sollen die Vielfalt der Stuttgarter Gesangs-Szene zeigen. Und da gibt es Chöre, bei denen das Miteinander ein zentraler Aspekt ist bis zu jenen, die professionelle Ansprüche haben. Das Besondere soll natürlich auch vertreten sein. Diesem Spagat sind bei einer Festivalplanung organisatorische und terminliche Grenzen gesetzt. Wenn die Chortage wie jetzt im Oktober stattfinden, ist das kein Termin für Schulchöre, die nach den Sommerferien erst mal wieder zueinander finden müssen. Und sie sind auch nicht geeignet für Chöre, die Großes vorhaben in der Adventszeit oder zu Weihnachten, die müssen dazu jetzt mit den Proben beginnen. Deshalb gibt dieses Mal keinen sakral geprägten Chor.
Von „Winterreise“ bis Kirchenkonzert
Dafür gibt es andere musikalische Raffinessen, die jetzt aufführungsreif sind: Schuberts „Winterreise“ etwa in einer Fassung für Kammerchor, vorgetragen von Stuttgart vokal, dem Kammerchor des Liederkranzes (7. Oktober 19 Uhr im Mozartsaal der Liederhalle); Musik der Romantik, vorgetragen von den jungen Stimmen des Jungen Chors Stuttgart (13. Oktober, 19.30 Uhr, Mozartsaal der Liederhalle); den reinen, klassischen Männergesang vom Kolping-Chor, das Abschiedskonzert der langjährigen Leiterin Annette Glunk (12. Oktober, 19.30 Uhr, Mozartsaal der Liederhalle); die ganz außergewöhnliche Gestaltung der Reihe „Musik am 13.“ in der Stadtkirche Bad Cannstatt durch den Kirchenkreiskantor und Musikprofessor Jörg-Hannes Hahn, hier mit einer langen Max-Reger-Nacht am 13. Oktober von 19 bis 24 Uhr mit Instrumental- , Chor- und Orgelstücken von Reger. Und ganz ohne Kinder soll dieses Festival dann doch nicht stattfinden: Am 15. Oktober stellt sich um 17 Uhr im Bürgerzentrum West der Kinderchor vom Musikwerk vor. Da werden auch kleine Theaterszenen zwischen den Liedern geboten.
Lust auf Neues
Auch das gehört zu den Stuttgarter Chortagen: Zeigen, wer sich wo noch alles für die Gesangskunst stark macht. Und es tun sich Ensembles zusammen für ein abendfüllendes Programm, die mit viel Lust und Freude am gemeinsamen Singen Musik aus Pop, Rock, Jazz und Musicals der letzten 30 oder 40 Jahre präsentieren, Musik also mit einem großen Wiedererkennungswert. „Als Einzelchöre hätten sie sich wahrscheinlich schwer getan, ein abendfüllendes Programm zusammenzustellen und damit den Mozart- oder Schillersaal der Liederhalle zu füllen“, so der künstlerische Leiter Holger Frank Heimsch, „aber das ist ja auch eine Chance, mal Neues kennenzulernen. Und so ein Programm kann ja auch wiederholt werden, etwa bei einem Open-Air-Auftritt. Die Chortage sollen da Lust darauf machen, Neues auszuprobieren“. Und dazu gehört auch, sich nicht zu grämen, dass es in diesem Jahr nicht geklappt hat. „Da gibt es ja dann Ideen für die Chortage 2026“, so Heimsch: „denn das soll Mut machen, mal was anderes auszuprobieren.“