Chris Froome bei der Tour de France Vom Helden zum Hinterherfahrer

Er ist wieder da: Chris Froome kehrt zur Tour de France zurück. Foto: dpa/Fabio Ferrari

Bei keinem Radprofi ist die Diskrepanz zwischen Lohn und Leistung so groß wie bei Chris Froome. Nach seinem schweren Sturz 2019 muss der Brite ab Samstag bei der Frankreich-Rundfahrt eine ganz neue Rolle spielen.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Stuttgart - Emanuel Buchmann ist niemand, der sich verstecken muss. Vor zwei Jahren wurde der Radprofi Vierter bei der Tour de France, wenn es ein Deutscher in den nächsten Jahren schaffen sollte, bei einer der drei großen Landesrundfahrten aufs Podium zu klettern, dann er. Der Kapitän des Bora-Teams weiß, dass dies eine grandiose Leistung wäre. Er weiß aber auch, dass es noch Größere gibt in seinem Sport. Von einem spricht Buchmann mit besonderer Ehrfurcht. „Chris Froome“, sagt er, „ist der beste Rundfahrer der Gegenwart.“ Was die Qualitäten des Briten angeht, gibt es wenig Widerspruch. Im Gegensatz zur zeitlichen Einordnung. Statt „Gegenwart“ würde es „vergangenes Jahrzehnt“ viel besser treffen. Denn es sieht danach aus, als ob die Ära Froome vorbei wäre.

 

An diesem Samstag startet der 36-jährige Brite in seine achte Tour de France, eigentlich wollte er mit seinem fünften Gesamtsieg die Stufe erklimmen, auf der Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain stehen. Doch an einen neuerlichen Coup glaubt niemand, auch er selbst nicht. Dazu lief zuletzt viel zu viel schief.

Mit Tempo 65 in die Hauswand

Die Misere begann 2019 bei der Dauphiné-Rundfahrt. Froome, damals in Topform und Favorit für die kurz danach beginnende Tour, putzte sich während einer Streckenbesichtigung die Nase, als ihn eine heftige Windböe erfasste. Er krachte mit Tempo 65 in eine Hauswand, brach sich den Oberschenkel, die Hüfte, den Ellbogen und mehrere Rippen. Er wurde acht Stunden operiert, lag auf der Intensivstation. Acht Monate später kehrte er ins Peloton zurück. Zu alter Stärke hat er bis heute nicht zurückgefunden. „Es ist ein langer Prozess, länger, als ich erwartet hatte“, sagte er im Mai, als er bei der Tour de Romandie abgehängt worden war, „aber ich möchte meine Chancen nicht vertun. In ein paar Jahren will ich mir selbst sagen können, dass ich alles versucht habe.“

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Interview mit DM-Organisator Albrecht Röder – „Radsport entspricht voll dem Zeitgeist“ Was einen Radprofi, der zu den sieben Rundfahrern gehört, die das Triple gewonnen haben (4x Tour, 2x Vuelta, 1x Giro), immer noch antreibt? Die Veranstaltung, die ihn nicht nur zu dem Mann gemacht hat, der er ist, sondern zugleich zu einem gemachten Mann – die Grande Boucle. „Nach zwei Jahren Abwesenheit von der Tour kann ich es kaum erwarten, wieder dabei zu sein“, sagt Froome vor dem Auftakt in Brest in der Bretagne, „seit dem Unfall war es eine mühsame Reise, aber dieses Rennen war das Ziel, das mich am meisten motiviert hat.“ Und der Blick auf den monatlichen Kontoauszug hat sicherlich auch ein bisschen geholfen.

Froome kassiert ein Millionengehalt

Vor dieser Saison wechselte Froome vom britischen Superteam Ineos (früher: Sky), für das er zehn Jahre fuhr, zu Israel Start-Up Nation. Der Rennstall wird von Immobilienunternehmer Sylvan Adams unterhalten, der Milliardär plante, mit Froome „die Spitze des Radsports zu erreichen“. Dafür überweist er dem Briten angeblich gut fünf Millionen Euro pro Saison. Es ist eine Rechnung, die nicht aufgeht: Aktuell dürfte Froome der Radprofi mit der größten Diskrepanz zwischen Lohn und Leistung sein.

Anfang Juni, bei der Dauphiné, der letzten Standortbestimmung vor der Tour, kam Froome mit knapp 42 Minuten Rückstand auf Rang 42 – chancenlos in den Bergen, im Zeitfahren eingeholt vom hinter ihm gestartet Bora-Profi Nils Politt. Auf die Frage, ob er in der Lage sei, erneut in Paris zu triumphieren, antwortete er: „No, no, no, no, no. Ich konzentriere mich nur darauf, mein altes Level zu erreichen.“

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Kein Wunder, dass Rik Verbrugghe, der Teamchef von Israel Start-Up Nation, anschließend überlegte, seinen Superstar für die Frankreich-Rundfahrt erst gar nicht zu nominieren. Letztlich entschied er sich, es doch zu tun. Weil auch ein Hinterherfahrer Froome Aufmerksamkeit garantiert. Weil das Team in der Hektik des Rennens von seiner Erfahrung und seinem taktischen Können profitieren will. Und weil die Hoffnung mitfährt. Es sei ja nicht ausgeschlossen, meinte Verbrugghe, dass Froome „sich steigert und von Etappe zu Etappe Fortschritte macht“.

Eine klare Botschaft an die Kritiker

Es hörte sich an, als spreche der Teamchef nicht von seinem Superstar, sondern von einem Tour-Anfänger. Zugleich steht der Satz für die neue Rolle von Froome, der nun für den Kanadier Michael Woods (34) arbeiten muss. Ein Problem? Hat der viermalige Sieger der Rundfahrt damit nicht. „Durch die Geschehnisse habe ich einen anderen Blick aufs Leben erlangt“, sagt Froome, „vor einem Jahr saß ich auf dem Rad und fuhr Rennen, bevor ich überhaupt wieder richtig laufen konnte. Ich werde weiter alles geben, um wieder auf mein altes Niveau zu kommen.“

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Wenig Verständnis bringt Froome für die Leute auf, die ihm das nicht mehr zutrauen. Vor sechs Wochen hat er auf seinem Youtube-Kanal in einem zwölfminütigen Video mit den Kritikern abgerechnet. Alle, die ihn aufgefordert hatten, die Karriere zu beenden, ließ er wissen: „Das bringt mich nur zum Lachen.“

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