Makisa Fathai, Esra Öztürk und Hanna Allgayer (von links) sind stolz auf ihr Projekt – und darauf, mit ihrer Arbeit Vorurteile bei Schülern abbauen zu können. Foto: Gronbach
Drei junge Lehrerinnen setzen ein Zeichen gegen Ausgrenzung und Unwissen. Ihr Projekt bringt Christentum und Islam ins Gespräch – für mehr Zusammenhalt im Klassenzimmer.
Makisa Fathai, Esra Öztürk und Hanna Allgayer
08.07.2025 - 07:00 Uhr
Wie begegnen sich junge Menschen, die verschiedenen Religionen angehören? Was wissen sie voneinander – und wie gelingt es, Vorurteile abzubauen? Diese Fragen beschäftigen auch viele Lehrerinnen und Lehrer, die in immer vielfältigeren Klassenzimmern unterrichten. Unterschiedliche Glaubensrichtungen, kulturelle Prägungen und manchmal auch tief sitzende Unsicherheiten prallen dort täglich aufeinander. Oft fehlt im Unterricht aber die Zeit, wirklich ins Gespräch zu kommen.
Drei Studentinnen der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg und der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg wollten das ändern. Im Rahmen ihres Studiums entwickelten sie gemeinsam ein Projekt für das Stuttgarter Bibliorama, ein Museum rund um biblische Geschichten. Das Ziel: Christliche und muslimische Perspektiven zusammenzubringen und den Austausch zu fördern – nicht nur im Museum, sondern auch in den Schulen, in denen sie heute unterrichten.
Die drei angehenden Lehrerinnen im Bibliorama. Was sie im Projekt gelernt haben, wollen sie auch im Unterricht anwenden. Foto: privat
Dabei entdeckten sie viele Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede. Viel wichtiger war ihnen jedoch, das Vorurteil zu überwinden, Religion müsse immer trennen. Eindrücke von drei Frauen, die Brücken bauen wollen.
Hanna Allgayer, 23, studierte Religions- und Gemeindepädagogik und Soziale Arbeit
„Ich hatte schon ein paar Semester studiert, als mir irgendwann aufgefallen ist, wie wenig ich eigentlich über den Islam wusste. Ich hatte gelernt, die Bibel zu unterrichten, kannte die christlichen Feste und Glaubenssätze – aber wie sollte ich muslimischen Kindern begegnen? Diese Frage stellte sich ganz praktisch, als ich zum ersten Mal Religion in einer neunten Klasse unterrichtet habe. Ich erinnere mich noch, dass eines Tages ein Dutzend Kinder vor meiner Klassentür stand, weil ihre Ethik-Stunde ausgefallen war und ich einspringen musste. Ich war total verunsichert.
Meine Ahnungslosigkeit ärgerte mich, denn man begegnet immer wieder Menschen anderen Glaubens. Umso wichtiger ist es, mehr über ihre Religion zu erfahren. Im Studium begegnete mir das in einem Trialog-Seminar, in dem eine christliche, eine muslimische und eine jüdische Vertreterin über theologische Themen diskutieren. Das gemeinsame Projekt mit Makisa und Esra hat mir dann richtig die Augen geöffnet. Im Bibliorama wollten wir bewusst einen Raum schaffen, der Brücken schlägt. Uns war schnell klar, dass Mose als verbindende Figur gut passt – er ist in Bibel und Koran gleichermaßen wichtig.
Seitdem beziehe ich den Koran in meinen Unterricht mit ein. Ich erzähle nicht nur von Weihnachten oder Ostern, sondern auch von Ramadan, dem islamischen Neujahr und vom Fasten. Ich merke immer noch, dass einzelne Kinder misstrauisch sind. Aber ich sehe auch andere Kinder, die sich interessieren. Anfangs gab es Berührungsängste, mit jeder Unterrichtsstunde werden jedoch mehr Fragen gestellt und die Vorurteile schwinden.
Makisa Fathai, 28, studierte islamische Religionspädagogik und Kunst, jetzt im Referendariat
Für das Projekt mit Hanna und Esra trafen wir uns unzählige Male, diskutierten, planten, lernten vieles über die jeweils andere Religion. Wir drei konnten gut miteinander, haben zugehört, nichts als richtig oder falsch verurteilt und viele Gemeinsamkeiten zwischen Bibel und Koran entdeckt. Die Geschichte des geteilten Meeres gibt es in Bibel und Koran, auch die Zehn Gebote sind in beiden Schriften bekannt. Natürlich gibt es Unterschiede, aber das hat unseren Austausch nicht gestört – im Gegenteil.
Mir ist wichtig: Glaube ist keine Frage von richtig oder falsch. Das möchte ich auch in meinem islamischen Religionsunterricht vermitteln. Leider kenne ich in meinem Umfeld konservative Stimmen, die den Kontakt zu Menschen anderer Religionen meiden. Ich finde das gefährlich. Wer nicht miteinander spricht, läuft Gefahr, sich falsche Bilder voneinander zu machen – es gibt Raum für Vorurteile und Hass.
Ich erinnere mich oft an meine Studienreise nach Israel kurz vor Kriegsausbruch. Ich war in Tel Aviv sowie Jerusalem und habe mit Menschen vor Ort gesprochen. Als ich später die gleichen Orte in den Nachrichten als Kriegsschauplätze sah, hat mich das tief getroffen. Mir wurde klar: Brücken zu bauen ist keine Idealvorstellung – es ist notwendig. Radikale Haltungen gibt es in jeder Religion, ob islamisch, christlich oder jüdisch. Umso wichtiger ist es, dass wir den Austausch suchen und Vorurteile abbauen.
Esra Öztürk, 27, studierte islamische Religionspädagogik, Deutsch und Kunst, jetzt im Referendariat
„Ich bin in Deutschland aufgewachsen, aber in der Schule hatte ich kaum Kontakt zu anderen Religionen. Als die anderen Kinder in der Grundschule in den Religionsunterricht gingen, hatten wir Musliminnen und Muslime oft einfach frei. Für uns war das super – aber dadurch blieb uns der christliche Glaube fremd. Ich wusste, dass es Weihnachten gibt und Schokolade, aber mehr nicht. Ich habe mich als Kind nie wirklich zugehörig gefühlt.
Ich bin als Kind jedes Wochenende in die Moschee, um Gebete auswendig zu lernen und den Koran zu lesen. Aber ich habe mich oft gefragt, was das Gelesene bedeutet. Erst viel später, in der Oberstufe, habe ich mich wieder mit meiner Religion beschäftigt – auf meine eigene Weise. Ich habe angefangen, Bücher zu lesen, Videos zu schauen, wieder zu beten.
Das Projekt mit Hanna und Makisa hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, sich gegenseitig wahrzunehmen. Im Schulalltag wird der Islam oft nur gestreift – man spricht kurz über die fünf Säulen, dann ist das Thema erledigt.
Ich versuche, das heute in meinem Unterricht aufzufangen, ich will, dass sich meine muslimischen Schülerinnen und Schüler gesehen fühlen. Gleichzeitig will ich ihnen beibringen, dass wir anderen als Menschen begegnen und dass uns weder Glaube noch Herkunft definieren. Ich möchte den Kindern und Jugendlichen vermitteln: Wenn ich klassische Musik liebe und du Rap, hindert uns das nicht daran, uns als Menschen zu begegnen.“