Christian Fürst zu Fürstenberg Ein Jahr Fürst – er will vieles anders machen als sein Vater

, aktualisiert am 16.07.2025 - 11:17 Uhr
Der Hausherr in der Empfangshalle von Schloss Donaueschingen Foto: Uli Fricker

Seit einem Jahr ist Christian Fürst zu Fürstenberg Chef von Familie und Forst. Er will vieles anders machen als sein Vater.

An Frau Tritschler kommt so schnell keiner vorbei. Von ihrem Büro aus übersieht die Sekretärin die gesamte Anlage des Schlosses. Sie überblickt die Türen, den Zugang vom Park, das Schloss selbst. Sie ist Tür- und Torwächterin eines ungewöhnlichen Anwesens in Donaueschingen, und zwar des bekanntesten. Und sie ist für Tage der einzige Mensch, der sich in diesem Prachtbau der Gründerzeit aufhält. Schon ihr Büro wirkt wie eine Rarität. Wuchtiger Schreibtisch, ein ausladender Sessel im Wildkatzenmuster. Auf einer Kommode steht das gerahmte Foto eines Mannes im besten Alter: harmonisches Gesicht, volles Haar mit grauen Schläfen, braune Augen. Das Foto zeigt den Chef von Kerstin Tritschler, Christian Fürst zu Fürstenberg.

 

Kurz darauf steht er auf der Matte. Helle Hose, Leinenjackett. Er dirigiert den Besucher über einen dunklen Gang in die Empfangshalle. Der hohe Raum liegt still da, über die Kuppel erhält er gedämpftes Tageslicht und wirkt wie eine Hotelhalle ohne Gäste. Die Kunsthistoriker nennen es Historismus, wenn sich Baumeister und Tischler aus Renaissance, Barock und Gotik nach Herzenslust bedienen in der heroischen Gewissheit, dass sie die Geschichte des Bauens und der Dekoration überblicken. Als das Schloss ausgestattet wurde, befand sich die Führungsschicht des Deutschen Reichs in einem Taumel der Überlegenheit. Wenige Jahre später war es dann mit Pomp und Herrlichkeit vorbei.

Familie Fürstenberg hatte viel Glück im deutschen Unglück

Die Fürstenberger haben die militärische Niederlage 1918 vergleichsweise gut überstanden. Da sie kein regierendes Haus darstellten wie Württemberg oder Baden, konnten sie nach dem Sturz der Monarchie kaum an politischer Macht verlieren. Ihren Besitz behielten sie ohnehin. Auch 1945: Wo andere mächtige Sippen aus Stall und Schloss vertrieben wurden, hatte die Familie Fürstenberg viel Glück im deutschen Unglück.

Dieses ungebrochene Selbstverständnis spürt man, wenn Christian zu Fürstenberg den Raum betritt. Seine Angestellten sprechen ihn mit „Seine Durchlaucht“ an. Das hört sich ein wenig wie bei Grimms Märchen an. Der Aristokrat relativiert das ein wenig, er sagt: „Das ist eine interne Gepflogenheit – vergleichbar mit der Anrede ,Generaldirektor’ in einem Unternehmen.“ Tatsächlich bemühen sich viele im Ort um diese faktisch abgeschaffte Ansprache. Auch gewählte Repräsentanten sagen „Seine Durchlaucht“. So hat sich Donaueschingen auf eigene Art etwas von der Monarchie erhalten.

Feld, Wiesen, Wald: Rückzug auf Kerngeschäft der Familie Fürstenberg

Fürs Schwelgen in nostalgischen Fantasien hat der 47-jährige Chef des Hauses kaum Zeit. Er sieht sich als Unternehmer, der die Geschäfte der Fürstenberger dirigiert. Die Holding veröffentlicht wie andere Familienunternehmen keine Zahlen. Freilich gibt es Hinweise, dass die Zeiten nicht nur rosig sind. In der Ägide seines Vaters Heinrich und seines sehr beliebten Großvaters Joachim musste die Familie wertvolle Kunstschätze verkaufen, darunter die Nibelungenhandschrift C, dazu wertvolle Autographen und schließlich Alte Meister. Von Ausverkauf war damals die Rede, von der drohenden Abwanderung von Kunstschätzen ins Ausland. Als damals die berühmte hauseigene Brauerei, gegründet 1283, an einen Konzern verkauft wurde, sahen Beobachter das als kritische Eintrübung am Adelshimmel.

Tatsache ist auch: Der Fürst zu Fürstenberg hat sich auf sein Kerngeschäft zurückgezogen: Feld, Wald, Wiesen – wie schon vor 1000 Jahren, als die Familie erstmals erwähnt wurde. „Der Wald ist für uns nicht nur ein wirtschaftlicher Faktor, sondern Teil unserer Geschichte“, sagt er. „Seit Jahrhunderten leben wir von Land- und Grundbesitz.“

Fürst zu Fürstenberg – einer der größten Waldbesitzer im Süddeutschen

Das ist leicht untertrieben: Der Mann im hellen Sakko reiht sich ein in die holzreiche Reihe der größten Waldbesitzer im süddeutschen Raum. Auf der Baar, im mittleren Schwarzwald sowie im Linzgau wachsen seine Tannen. Von den Bäumen, die seine Förster wachsen sehen und die dann seine Waldarbeiter fällen, werden Masten und Bahnschwellen gefertigt. Bei Heiligenberg im Bodenseekreis liegt ein Friedwald, dessen freundliches Baumlicht viele Menschen anzieht. Sie erwerben schon einmal einen Liegeplatz für die Urne. Sicher ist sicher.

Der Fürst gilt als maßvoll gesellig. In seiner Freizeit spielt er Gitarre. Mit anderen Musikern hat er eine Coverband gegründet. Nur bei Presseleuten ist er vorsichtig. Er will nicht so häufig in der „Bild“-Zeitung vorgeführt werden wie damals sein Vater.

Das hat er bisher auch geschafft. Er lebt skandalfrei und führt seine Unternehmen. Man habe schlechte Erfahrungen mit Journalisten gemacht, sagt seine PR-Beraterin. Über seinen Vater berichtete damals nicht nur die Yellow Press hingebungsvoll. Dazu gab Heinrich zu Fürstenberg allen Grund. Er war wegen des Besitzes von Kokain angeklagt worden.

Bemerkenswerte Rede auf Trauerfeier für Vater Heinrich zu Fürstenberg

Problematisch war weniger das Urteil von 2006 – der Adlige war freigesprochen worden. In einem seiner sehr seltenen Interviews (mit der „Welt am Sonntag“) hatte er bekannt: „Ich kann vor dieser Droge, überhaupt vor jeder Droge – das geht beim ersten Joint los – nur warnen. Ich weiß, wovon ich rede.“ Nach dem Freispruch zweiter Klasse ist etwas hängen geblieben: Während des Prozesses war schmutzige Wäsche gewaschen worden. Es kamen peinliche Details ans Licht. Der Lebemann starb im Sommer 2024 in Italien.

Sein Sohn Christian hielt beim feierlichen Requiem eine bemerkenswerte Abschiedsrede. In der voll besetzten Schlosskirche, vor Erzbischof und durchlauchtigen Standesgenossen, sagte er Unerwartetes. Er beließ es nicht bei Redensarten, sondern wählte Klartext. Wörtlich: „Es war nicht immer einfach mit ihm. Es war nicht leicht, besonders für uns Kinder.“ Ein Jahr später ist er noch immer erstaunt, wie klar er die väterlichen Eskapaden benannt hat. Die Trauerrede schrieb er nachts, in einem Zug. „Es war eine Befreiung“, entfährt es ihm während des Gesprächs in der stillen Empfangshalle. Eine Befreiung von der Vergangenheit.

Schloss Heiligenberg als Rückzugsort für Familie Fürstenberg

Christian zu Fürstenberg, damals noch mit dem Zusatz Erbprinz, hat sich auf seine Weise emanzipiert. Nach der Heirat mit der bürgerlichen Jeanette Griesel zog das junge Paar in Schloss Heiligenberg im Hinterland des Bodensees ein. Der mehrgliedrige Bau mit Türmchen und Innenhof wurde vor Jahrhunderten keck auf einen Bergvorsprung gesetzt. Von dort übersehen die Bewohner den See, sie blicken bis ins Vorderrheintal und das Montafon hinauf. Nicht nur der ungetrübten Aussicht wegen zog es den zukünftigen Erben damals in den Linzgau. Im Donaueschinger Stadtschloss wohnte und waltete sein Vater.

In Heiligenberg konnte Sohn Christian seine Familie gründen und sich etablieren. Dort wachsen auch die vier Kinder auf – angeführt von Tassilo, dem ältesten. Heiligenberg ist ein ruhiger Ort, im Winter liegt er schon verdächtig ruhig da. Dann bleiben auch die Motorradfahrer aus, die bei gutem Wetter über das kurvige Gelände schieben. Das Schloss ist mehr eine Burg, es besitzt nur einen Zugang und dient als sicheres Gehäuse für den Rückzug.

Bis 2022 konnten Besucher noch den alten Rittersaal und die Privatkapelle bestaunen. Doch diese zaghafte Öffentlichkeit beendeten die Fürstenberger. Sie sahen ihre Privatsphäre gefährdet. Sie wollten nicht, dass wildfremde Menschen verstohlene Blicke auf ihre Autos, den Hausrat und vor allem auf die Kinder werfen. „Wir waren wie auf dem Präsentierteller“, erinnert sich Christian zu Fürstenberg.

Wenn man ihn fragt, was den Adel alten Schlages eigentlich ausmacht, kommt die Antwort schnell über die Lippen: die Familie. Das äußert sich auch in einem nebensächlich scheinenden Detail: dem großen Interesse am Stammbaum und dessen Wurzeln in andere Familien hinein. Aristokraten kennen ihre Verwandten bis in die Generation der Urgroßeltern oder noch weiter zurück. Noch mehr: Durch die Ahnen bestehen natürliche Beziehungen in andere blaublütige Häuser hinein.

Familie zu Fürstenberg: Wer ist mit wem versippt und verschwägert?

Wer mit wem versippt und verschwägert ist, das gibt gutes Garn für endlose Erzählungen her. Das Geflecht aus böhmischen Onkeln, Wiener Tanten und oberschlesischen Einheiraten ist mehr als Material zum Plaudern. Der Clan, Geschenk und Schicksal, hält das aristokratische Selbstverständnis zusammen. Viele Kinder bedeuten einen Glücksfall. Sie sichern das Überleben und die Weitergabe der Tradition. Im Idealfall dient ein Oberhaupt wie Christian zu Fürstenberg als Treuhänder für die nächste Generation. In seine noch frische Rolle als Chef des Hauses wühlt er sich langsam hinein. Er übt ein Familienamt aus, für das es keine geregelte Ausbildung und keinen Meisterbrief gibt.

Schloss Donaueschingen Foto: Uli Fricker

Seine Zeit ist knapp bemessen. Dezent schaut er auf die Uhr. Schließlich müssen auch noch Fotos gemacht werden. Aber wo? In der Empfangshalle stehen genug Sitzgelegenheiten mit hohen Lehnen oder üppigen Polstern. Dagegen wirkt das Mobiliar im Foyer des Hotel Adlon wie billiger Plüsch. Nach einigem Probieren setzt sich der Mann in eine hölzerne Bank auf einem Podest. Das sperrige Gerät wirkt wie ein Chorgestühl, also passt der bekennend katholische Fürst in diese Szenerie. Für einige Sekunden steht die Zeit still in dem hohen dämmrigen Raum. Dann ist das Foto gemacht, geglückt, die Zeit rennt weiter.

Seine Durchlaucht eilt voraus, der Besucher hinterher. Im Park ist es ruhig. Wieder geht es vorbei an Frau Tritschler, der Kastellanin. Sie hat alles im Blick und erklärt den Rückweg. Der Kies knirscht. Die schwere automatische Tür öffnet sich auf Knopfdruck und schließt unerbittlich wieder. Vielleicht heißen Schlösser so wie sie heißen, weil sie verschlossen sind.

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