Christian Spuck bringt Ballett „Lulu“ zurück Ein Wiedersehen in Stuttgart

Szene aus dem Erfolgsballett „Lulu“ Foto: Carlos Quezada

Hätte er „Lulu. Eine Monstretragödie“ bei ihrer Uraufführung 2003 anders gestaltet, wenn damals schon die Metoo-Debatte getobt hätte? Das haben wir Christian Spuck gefragt, der gerade in Stuttgart ist, um sein erstes Handlungsballett aufzufrischen.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Stuttgart - Von Premiere und Neufassung ist die Rede. Müssen sich die Fans von Christian Spuck sorgen, dass sie sein Ballett „Lulu. Eine Monstretragödie“ nicht wiedererkennen? Der Choreograf, der seit Anfang Mai in Stuttgart ist, um sein Ballett einzustudieren, gibt Entwarnung und spricht von „kosmetischen Korrekturen“. 15 Jahre hat Spucks erstes Handlungsballett auf dem Buckel, ein Tippelschritt für die Kunst, in der Zeitrechnung des Choreografen jedoch ein weiter Weg. „Lulu“, sagt Spuck lachend, sei für ihn ein „alter Schinken“. „Aber ich habe das Glück, dass ich noch lebe und an allen meinen Stücken weiterarbeiten kann.“

 

Ermöglicht hat die Frischzellenkur Reid Anderson. Er hatte Christian Spuck 2001 zum ersten Haus-Choreografen seiner Intendanz gemacht und will nun in seiner Abschiedssaison noch einmal einen Blick auf das erste Handlungsballett werfen, das unter seiner Leitung für das Stuttgarter Ballett entstand. Christian Spuck ist dankbar – für die Geste, aber auch für die Mittel und die Zeit, die er investieren darf.

Projektionstechnik auf dem neuen Stand der Technik

Aufgeräumter auf allen Ebenen soll sich „Lulu“ vom 6. Juni an präsentieren. Das Bühnenbild hat Christian Spuck im Dialog mit seinem Ausstatter Dirk Becker von Dingen befreit, die sich als pure Dekoration erwiesen. Spartanischer, einheitlicher will er den Raum, der mit seiner geschwungenen Treppe wie das Foyer eines Grandhotels wirkt und Platz für einen Teil des Orchesters bietet. Körperbetonter, näher am aktuellen Geschmack sind die Kostüme; die Live-Projektionen werden mit besserer Kamera und Leinwand für mehr Schärfe sorgen.

Die Fokussierung, an der Christian Spuck arbeitet, soll auch die Charaktere seines Balletts klarer zeigen. Darüber, dass er sich gleich für sein erstes Handlungsballett eine derart komplexe Aufgabe ausgesucht hatte, kann der Choreograf heute herzhaft lachen. „Wie naiv, das würde ich nicht mehr machen. Aber der Stoff hatte mich mit seinen vielen Figuren und seiner Dramatik fasziniert. Es geht um Liebe, Mord, Sex, Verzweiflung. Die ganze Kompanie hat sich damals von meiner Begeisterung anstecken lassen, jede Probe war ein Ereignis“, blickt Spuck zurück. „Das Stück war ein großer Publikumserfolg, aber mir wurde schnell klar, dass ich mit einem blauen Auge davongekommen bin.“

Spuck will wache, aufmerksame Tänzer

Seit zehn Jahren war „Lulu. Eine Monstretragödie“ nicht mehr auf der Bühne zu erleben. Mit der Erfahrung, die er durch viele Ballett- und Opernproduktionen in der Zwischenzeit sammeln konnte, will Christian Spuck nun für sich klarer sehen und einer neuen Tänzergeneration vermitteln, was jede Figur motiviert und wie sich das in Bewegung ausdrückt. „John Cranko hat die Meisterleistung vollbracht, als Choreograf dramaturgisch zu denken und seinen Charakteren Tiefe zu geben“, sagt Christian Spuck. Auch ein Stoff wie „Lulu“ tauge nicht „als Folie für tolle Pirouetten“, sondern fordere extrem wache, aufmerksame Tänzer.

Ob Wedekinds Drama, das überholte Moralvorstellungen und Sexualität hart aufeinanderprallen lässt, überhaupt gut aufgehoben ist im Ballett mit seiner Neigung zum Ästhetisieren, ist eine Frage, die sich manchem in Zeiten von Metoo neu stellen mag. Nicht so Christian Spuck. „Es geht nicht darum, dass Lulu sexuell oder moralisch misshandelt wird“, erläutert der Choreograf seine Sicht. „Es geht darum, was die anderen in diesem Mädchen sehen. Jeder schafft sich in Lulu eine Projektionsfläche, manipuliert sie zu seiner Traumfigur. Die Katastrophe tritt erst ein, wenn Lulu schließlich ausbricht und nicht mehr mitmacht.“

Und noch ein Unterschied ist dem Choreografen wichtig: „Lulu begehrt nicht auf, sie folgt einfach ihren Wünschen, ihrem Instinkt, während Metoo die Opfer reflektiert vorgehen lässt.“ Ist Lulu Opfer oder Täterin? Christian Spuck nennt sie eine „changierende Figur“ und betont: „Das ist die Schwierigkeit der Produktion, diese Balance zu halten.“

Metoo als Druckmittel?

So viel Reflektiertheit hätte sich der Choreograf auch für die Metoo-Debatte gewünscht, die in seinen Augen moralische Unterdrückung anklagt, diese aber auch als Druckmittel einsetzt. „In der Ballettwelt ist diese Debatte schwierig und komplex, weil der Beruf große körperliche Nähe mit sich bringt und Grenzen schwer zu ziehen sind“, sagt Christian Spuck. „Tänzer können sich schlechter schützen.“ Aus Vorfällen wie in New York oder Helsinki hat man in Zürich Konsequenzen gezogen und externe und interne Ansprechpartner für das Ensemble eingesetzt.

Überhaupt läuft in seiner neuen Heimat alles bestens für Christian Spuck. Am Ende seiner sechsten Spielzeit als kreativer Kopf des Ballett Zürich ist jede Vorstellung ausverkauft, die Auslastung liegt aktuell bei 98 Prozent. „Da ist ein richtiger Ballettboom entstanden“, freut sich der Choreograf darüber, dass das Publikum seinen Weg mitgeht. Attraktiv ist die Kompanie auch international. Gastspiele wie in dieser Spielzeit beim Bolschoi in Moskau, zur Eröffnung des Hongkong-Festivals und demnächst in Tel Aviv, aber auch Bewerbungen von Tänzern aus großen Kompanien, von denen Christian Spuck stolz berichtet, beweisen das. Der Erfolg seiner „Anna Karenina“, die nach der Zürcher Premiere in Oslo, Seoul, Moskau und München übernommen wurde, befördern Christian Spucks Renommee als Choreograf.

Stuttgarter Zeitreise

Wie eine Zeitreise muss dem 48-Jährigen vor diesem Hintergrund die Konfrontation mit seinem ersten Handlungsballett und der ersten Station seiner Karriere vorkommen. „Das ist eine Begegnung mit mir selbst, wie ich damals war“, sagt Christian Spuck, der sich als Typ bezeichnet, der lieber nach vorne schaut. „Aber mal zurückgehen, hinterfragen, reflektieren, das ist auch gesund“, meint er – und in diesem Fall schön dazu, weil er alte Verbündete wieder trifft. „Ich fühle mich sehr willkommen von allen Mitarbeitern im Haus“, sagt er. Und schließlich ist er angereist, um seine Kunst jung zu halten. Und sich selber auch. „In dem Moment, in dem die Leidenschaft nachlässt und man es nicht mehr immer noch besser machen will, begibt man sich in ein schwieriges Verhältnis. Zu sagen: Das lass ich jetzt einfach mal laufen, das geht doch so, ist für die Kunst der Tod. Von dieser gefährlichen Gleichgültigkeit halte ich mich fern.“

Info

Premiere: Die Neufassung von „Lulu. Eine Monstretragödie“ hat am 6. Juni im Opernhaus Premiere. Es folgen 12 Vorstellungen bis zum 14. Juli. Wie bei der Uraufführung wird Alicia Amatriain die Hauptrolle tanzen. Louis Stiens übernimmt die mit Eric Gauthier erarbeitete, wortgewaltige Figur des Schigolch. Anna Osadcenko kehrt als Gräfin Geschwitz zurück, Jason Reilly als Jack the Ripper; alle anderen wichtigen Rollen sind neu besetzt. Es gibt noch Karten.

Ausblick: Für seine siebte Saison in Zürich plant Christian Spuck eine „Winterreise“ mit der Musik Hans Zenders, einen Jirí Kylián gewidmeten Abend und die Übernahme von Marco Goeckes „Nijinsky“ in einer neu erarbeiteten Fassung.

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