Die Uhr im Veranstaltungszentrum SSB-Waldaupark tickte schon Richtung 23 Uhr, als sich der alte und neue Aufsichtsratsvorsitzende Christian Steinle bei den Mitgliedern der Stuttgarter Kickers bedankte. Für das entgegengebrachte Vertrauen in ihn und seine acht weiteren Mitstreiter im Kontrollgremium für die Amtszeit der kommenden drei Jahre. Zum Abschluss der harmonisch verlaufenen Veranstaltung bestätigte der promovierte Rechtsanwalt dann noch einmal seine grundsätzliche Bereitschaft, die Nachfolge von Rainer Lorz anzutreten: Vielleicht kandidiere er bei der Mitgliederversammlung in einem Jahr ja für ein anderes Amt, stellte der Aufsichtsratschef in Aussicht.
15 Jahre reichen Lorz
Und zwar für das Amt des Präsidenten. Denn für Lorz steht definitiv fest: Spätestens Ende 2025 ist für ihn nach dann 15 Jahren an der Spitze der Blauen Schluss. Vor allem aus privaten Gründen. Warum der 61-Jährige den Schnitt nicht bereits jetzt machte, liegt daran, dass sein designierter Nachfolger noch ein paar berufliche Dinge klären und abstimmen muss, um diese verantwortungsvolle Positionen zu übernehmen.
„Ich könnte mir unter bestimmten beruflichen Voraussetzungen vorstellen, den Hut in den Ring zu werfen. Diese liegen aber noch nicht vor“, sagte der 53-Jährige vor den anwesenden 262 Mitgliedern (von insgesamt 3572). Soll heißen: Der Spezialist für Kartellrecht und Compliance in der Stuttgarter Kanzlei Gleiss Lutz strebt an, in seinem anspruchsvollen Hauptberuf kürzerzutreten, um mit Volldampf für die Blauen da zu sein: „Ich habe großen Respekt vor dem Amt. Das macht man nicht nebenher. Es gilt, verdammt viel richtig zu machen“, teilte er der blauen Familie mit.
Mit Leidenschaft im B-Block
Steinle ist der etwas andere Aufsichtsratschef. Und er wäre der etwas andere Präsident. Denn welcher Funktionär aus der obersten Führungsetage schaut die Spiele seines Clubs schon regelmäßig mittendrin im Fan-Block an, reckt dazu noch seine riesige Schwenkfahne in die Höhe? Er kann seine flammende B-Block-Leidenschaft und seine seriösen Aufsichtsratsaufgaben sehr gut trennen. Steinle ist ein bodenständiger, nahbarer Mensch, der sich nach fünf Tagen in der Woche im feinsten Zwirn freut, in sportlicher Kleidung seinen Herzensclub hautnah zu erleben und anzufeuern, oft auch mit einem seiner vier Söhne im Alter von 13, 16, 19 und 21 Jahren an der Seite.
Steinle ist in Lampertheim (Hessen) geboren, mit zwei Jahren kam er in die Region, wuchs in Öschelbronn auf, stand in der Jugend als Torwart bei dem TSV Öschelbronn und dem TV Nebringen zwischen den Pfosten. Sein Vater, ein Ur-Stuttgarter, nahm ihn schon als Knirps mit zu den Kickers. In der 1990er Jahren gründete Christian Steinle den Fan-Club Blue Spirit Tübingen, der direkte Kontakt zur Vereinsführung begann nach den Abstiegen in die Regionalliga (2016) und in die Oberliga (2018). „Ich wollte mich gemeinsam mit einem Beraterteam inhaltlich stärker einbringen, es war ein schleichender Prozess“, sagt Steinle.
Austausch intensiviert
Seit 2019 hat sich der Austausch intensiviert, schließlich kam von Präsident Rainer Lorz die Anfrage, ob er nicht für den Aufsichtsrat zur Verfügung stehe. Kurze Zeit später stellte sich die Frage, ob er auch den Vorsitz des Kontrollgremiums an Stelle von Alexander Lehmann übernehmen würde.
„Ich kneife nicht“, sagte sich Steinle damals nach kurzer Bedenkzeit, und sein Daumen ging nach oben. Er ist kein Mann für halbe Sachen. Zahlreiche Ideen hat der Teamplayer stets im Hinterkopf, um seinen Herzensverein voranzubringen. Gut möglich, dass er diese von Ende 2025 an als Häuptling der Blauen auch in verantwortlicher Position umsetzen kann.
Kickers-Gremien
Präsidium
Präsident Rainer Lorz (61, Rechtsanwalt), Schatzmeisterin Elke Kaiser (57, Steuer- und Wirtschaftsfachangestellte), Ingo Kochsmeier (55, Betriebswirt), Holger Schäfer (67, Geschäftsführer CCP Condor Computer GmbH), Jürgen Kindler (52, Geschäftsführer Kratzer & Rieber Hoch- und Stahlbetonbau GmbH & Co), Steffen Müller (47, Projektleiter Einkauf bei der Mercedes-Benz AG).
Aufsichtsrat
Vorsitzender: Christian Steinle (53, Rechtsanwalt), Stellvertreter: Daniel Häußermann (50, Vorsitzender HWP Handwerksgruppe) und Benedikt Mast (34, Betriebsplaner bei regionalem Busunternehmer). Weitere Mitglieder: Alexander Lehmann (55, Geschäftsführer Minol-Gruppe), Ralf Hofmann (61, Strategiebeirat bei Porsche-Tochterunternehmen MHP), Günter Daiss (85, Unternehmer), Federico Magno (52, geschäftsführender Gesellschafter von MHP), Rüdiger Maier (58, Geschäftsführer Neues Heim Immobilien GmbH), Björn Scheib (51, Leiter Investor Relations bei der Porsche AG) – kooptiertes Mitglied: Daniela Koch (48, Steuerberaterin und Wirtschaftsprüferin). (jüf)