Christoph Daum ist tot Ein Trainer zwischen Genie und Wahnsinn

Christoph Daum ist im Alter von 70 Jahren gestorben. Foto: IMAGO/GEPA pictures/IMAGO/GEPA pictures/ Armin Rauthner

Christoph Daum ist tot. Er geht in die Geschichte des Fußballs ein als großer VfB-Meistermacher – und als der Bundestrainer, der es dann doch nicht wurde.

Dass Christoph Daum krank war, war kein Geheimnis. Wie schlecht es wirklich um ihn stand, ist dann durch Zufall herausgekommen. Sein Ex-Club Bayer 04 Leverkusen traf in der Europaliga auf AS Rom, und ein paar Tage vorher klopfte der Fernsehsender RTL wegen eines Interviews bei ihm an.

 

„Also vorerst“, vertröstete Daum den Anrufer, „ist mit mir nicht zu rechnen. Ich liege in New York im Krankenhaus auf der Intensivstation.“

Diese alarmierende Nachricht war nicht unbedingt zu erwarten. Ja, Daum litt an Lungenkrebs, aber die erste Behandlung gab eigentlich Anlass zur Zuversicht, und alle wussten: Er ist ein Kämpfer. Als er die Diagnose erhielt, damals im Sommer 2022, hatte sie ihn wie ein Blitz getroffen („In dem Moment ist das wie ein Todesurteil“) – aber als dieser erste, niederschmetternde Moment überwunden war, erinnerte sich Daum schnell wieder an das wichtigste Motto seines Trainerlebens: „Aufstehen, Mund abputzen, weiterkämpfen.“ Noch vor wenigen Monaten sagte er im Gespräch mit unserer Redaktion der Krankheit den Kampf an und war zuversichtlich, den Krebs besiegen zu können: „Der Krebs hat sich den Falschen rausgesucht“. Wenige Wochen später gewann Bayer Leverkusen erst die Deutsche Meisterschaft, dann noch den DFB-Pokal – und Christoph Daum war natürlich bei der großen Double-Party in Berlin dabei.

Daum vollbrachte sein Meisterstück beim VfB

Angetrieben hat er sich, sich am eisernen Willen gepackt und motiviert, so wie früher seine Spieler. Wenn das einer kann, hieß es, dann der Daum. Sein Meisterstück hatte er einst beim VfB Stuttgart vollbracht, und die Schwaben erzählen sich in wehmütigen Stunden heute noch, wie er seinen schlampigen Zauberer Maurizio Gaudino zur Überwindung seines inneren Schweinehunds zwang. „Los, Mauri!“, hat Daum seinen Paradiesvogel mit dem Brillanten im Ohr jeden Tag größer und stärker geredet, „leg dir meinetwegen noch vier Goldketten um den Hals, aber tu was!“

Kämpfen. Durchbeißen. Nicht aufgeben. Auf den ersten Blick war jetzt wieder alles wie früher. „Du hast einen Gegner und ein nächstes Spiel, das du gewinnen musst“, sagte der alte Meistertrainer über sein Leben mit der Krankheit. Aber sein letzter Gegner, der Krebs, war zu stark.

Christoph Daum ist tot, am Samstag erlag er seiner schweren Krankheit im Alter von 70 Jahren. Beim DFB trauert Präsident Bernd Neuendorf von „einem Pionier des modernen Spiels“. VfB-Interimspräsident Dietmar Allgaier betonte am Sonntag man wolle Daum „immer ein ehrendes Andenken bewahren. Der VfB hat Christoph Daum sehr viel zu verdanken, allem voran sein erfolgreiches Wirken als Trainer, das mit der Deutschen Meisterschaft 1992 gekrönt wurde.“

Wenn ein Mensch stirbt, stellt sich immer die Frage, was man ihm als letzten Gruß ans Grab legt. In dem Fall könnte man jetzt an den Kranz eine alte „Bild“-Kolumne von Max Merkel hängen. Auch der Wiener war ein Kult- und Meistertrainer der Bundesliga, man nannte ihn ehrfürchtig Zampano, und als er später Trainertester der „Bild“-Zeitung wurde, griff er bei Daum zur Höchstnote: Sechs Bälle.

Viele werden Christoph Daum vermissen, aber seine alten Wegbegleiter vom Boulevard sind auf jeden Fall ganz vorne dabei – denn als Verkaufsschlager am Kiosk war Daum unersetzlich.

Mayer-Vorfelder über Daum: „Ein Trainer zwischen Genie und Wahnsinn.“

Zuverlässig hat er als Einmannshow die schnelle Presse stets mit flotten Sprüchen und zündenden Nachrichten gefüttert und über jedes Sommerloch und die Sauregurkenzeit hinweggerettet, in allen Varianten. Bei Bayer Leverkusen ließ er seine Kicker im Rahmen des Trainings barfuß über Glasscherben laufen, um zu zeigen, was mit der geballten Kraft der Gedanken alles möglich ist. Oder er hat die Trauung mit seiner zweiten Frau, der Musical-Sängerin Angelika Camm, im Beisein klickender Kameras im Mittelkreis des Kölner Stadions vollzogen. Unerreicht bleibt allerdings der absolute Höhepunkt seiner Schlagzeilen, oder besser der Tiefpunkt: Daum wurde Bundestrainer, aber noch vor dem ersten Spiel wieder in die Wüste geschickt. Verkorkst hat er den Traum seines Lebens, oder besser verkokst, jedenfalls sagte DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder: „Ein Trainer zwischen Genie und Wahnsinn.“

Christoph Daum stand immer irgendwie neben sich, links der Christoph, rechts der Daum. Viele erinnerte er an den Grusel-Klassiker „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, jene makabre Studie des menschlichen Doppel-Ichs, in der sich der ehrenwerte Doktor Jekyll zwanghaft in den ekelhaften Mister Hyde zu verwandeln pflegt. „Entgeistert“, heißt es da, „stand Henry Jekyll bisweilen vor Edward Hydes Taten.“

Atemberaubende Schlammschlacht mit Jupp Heynckes und Uli Hoeneß

Irgendwas war immer, breit war Daums Palette zwischen dem freien Fall und dem steilen Aufstieg. Der war ihm Ende der 80er Jahre geglückt, wie der Donner und Blitz in einem schlug er damals beim 1. FC Köln ein. Sie nannten ihn Cassius, nach Cassius Clay, dem späteren Muhammad Ali, aufgrund seiner großen Klappe, und als der Titelkampf zum heißen Duell mit dem FC Bayern ausartete, hat sich Daum im ZDF-Sportstudio zu einer von Beleidigungen gewürzten, legendären Schlammschlacht mit dem Bayerntrainer Jupp Heynckes und dem Manager Uli Hoeneß hinreißen lassen, die Luft brannte. „Ich wollte die Bundesliga spannend halten“, verriet Daum später, „denn wenn kein Wind weht, fällt die Regatta aus.“

Christoph Clown. Großmaul. Schaumschläger. Das waren die fragwürdigen Namen, die er sich zunächst erarbeitet hat, aber schon die folgenden, beim VfB, klangen besser: Messias, Meistermacher, Motivationskünstler. „Unmögliches wird sofort erledigt“, schwor Daum in Stuttgart in seiner ersten Pressekonferenz. Der VfB schwebte in höchster Abstiegsgefahr, aber in der folgenden Saison waren die Schwaben Deutscher Meister. Den ganzen Verein hat er vom Arsch auf den Kopf gestellt.

Damals wurde erstmals über Daums Augen diskutiert. Wenn er unter Strom stand, knipste er sie an wie Fernlichter der Besessenheit, es war, als ob man in eine doppelläufige Flinte starrt. Der VfB hätte dann vermutlich auch noch die Champions League gewonnen, wenn der Geniale nicht auf die wahnsinnige Idee gekommen wäre, gegen Leeds United regelwidrig einen unerlaubten Spieler einzuwechseln und den VfB damit aus der Königsklasse auszuwechseln. Die Schuld dafür schob der Trainer dann halbwegs dem Manager Dieter Hoeneß in die Schuhe, worauf ihn der („Ein Demagoge!“) fuchsteufelswild beschimpfte.

Ins Exil ist Daum dann geflüchtet, in die Türkei, und dort mit Besiktas Istanbul sofort Meister geworden. Auch durch sein virtuoses Klimpern auf der Klaviatur der Medien hat sich der Verstoßene wieder gesellschaftsfähig geredet, und schnell war er wieder zurück in der Bundesliga, bei Bayer Leverkusen. Hochdotierte Vorträge in Managerseminaren hat er gehalten, die größten Wirtschaftsbosse hingen an seinen Lippen, aber zwischendurch ist dem Wilden mit den giftgrünen Augen der Deckel auch mal wieder vom Dampfkessel geflogen, sodass sich „Sportbild“ große Sorgen machte („Ist Daum gaga?“) – ein anderer scharfer Beobachter beschrieb ihn sogar als „Gefangenen im Irrgarten seiner Widersprüche“.

Der Schreiber hier hat Daum, es war in dessen Stuttgarter Zeit, einmal besucht und als anspruchsvollen Menschen kennengelernt. Er sammelte Geld für Kinder, die an Mukoviszidose leiden, einer Erkrankung der Atemwege, und er konnte nachdenklich sein und ein Feingeist. Abends gönnte er sich Pavarotti, zu einer Zigarre und einem guten Wein, und er las gescheite Zeitungen. Bücher? „Moment“, sagte Daum und ging zum Regal, in dem Brecht und Tucholsky standen. Er griff nach Gorbatschows Memoiren und nach Max Frischs Identitäts-Roman „Stiller“ – das ist jener Mensch, der sich in eine Rolle gedrängt fühlt, die ihn daran hindert, er selber zu sein.

Wer sind Sie, Herr Daum?

„Ein anderer“, antwortete er, „als der, den die Journalisten in ihre Schablone pressen.“

Doch immer mal wieder hat es dann gepoltert und gerumpelt in diesem Trainerleben, und Daums Double kroch unter dem Tisch hervor, dieser andere Daum, der seinem Affen manchmal zuviel Zucker gab, dem der Deckel vom Dampfkessel flog und der die Kontrolle verlor. Daum hebt ab, hieß es dann, er verkraftet die Lorbeeren nicht, und erst recht nicht den Hollywood-Oscar, den ihm der Merkel in Form der sechs Bälle verabreicht hat.

Nach der Haarprobe ins Exil

Andererseits: War er nicht alle sechs wert? Für Gerhard Mayer-Vorfelder schon. Der war im Herbst 2000 nicht mehr VfB-Boss, sondern inzwischen DFB-Präsident, und er brauchte dringend einen Bundestrainer. Also erinnerte er sich an die wunderbaren Zeiten in Stuttgart („Daum ist ein hochintelligenter Mensch, ein ungeheurer Arbeiter und ein PR-Genie“), drückte seinem alten Kumpel den Kuli in die Hand, und der unterschrieb. Alles war bestens – bis Bayern-Manager Uli Hoeneß in einem Interview unmittelbar danach die rätselhafte Bemerkung ausstieß: „Der DFB kann doch keine Aktion ‚Keine Macht den Drogen’ starten und Herr Daum hat vielleicht damit etwas zu tun.“

Daum hat ihn angezeigt. Und sich freiwillig einer gerichtsmedizinischen Haaranalyse gestellt, „weil ich ein absolut reines Gewissen habe“ – aber es war, wie sich dann herausgestellt hat, auch nicht viel reiner als seine Frisur, und die war ziemlich kokainhaltig.

Als Daum an jenem unwirklichen, haarsträubenden Samstag des 21. Oktober 2000 mit einer Lufthansa-Boeing ins Exil nach Miami davonflog, war er auf Null, fix und fertig, erledigt. Bayer hatte noch in der Nacht seinen Rücktritt eingeholt, für Mayer-Vorfelder („Ich bin zutiefst enttäuscht“) war er als Bundestrainer gestorben, und als Daum abhob, war es eine Flucht vor der Blamage, der Verachtung, der Schande, den Schlagzeilen. „Bild“ verkündete im Schock: „Das bizarre Leben des Christoph Daum. Ein Sumpf aus Drogen und Sex.“ Tagelang meldeten sich alte Kameraden zu Wort, die sich das weiße Pulver in dunklen Nächten gemeinsam mit Daum auf den Handrücken gestreut haben wollten.

Der letzte Gegner war der schwerste, der Krebs

Schon manchem steilen Aufstieg ist der freie Fall gefolgt, aber so senkrecht ist selten einer parterre gegangen, vor allem kein Bundestrainer. Ende des Traums? Ende des Daums? Er stand mit dem Rücken zur Wand, er hatte nur noch sein Lebensmotto: Aufstehen, Mund abputzen, weiterkämpfen. Das rheinische Stehaufmännchen floh also wieder ins Exil zu Besiktas, wurde Meister mit Austria Wien und Fenerbahce und stand erneut unter Strom – es war wie in der Anekdote vom berühmten Star, der durch die Hintertür beifallumrauscht aus dem Schauspielhaus schwebt, ins Taxi steigt und befiehlt: „Los!“

„Wohin?“, fragt der Chauffeur.

„Egal“, sagt der Star, „ich werde überall gebraucht.“

Christoph Daum ist am Ende nochmal in Köln gebraucht worden, bei Eintracht Frankfurt und in Belgien, und auch als rumänischer Nationaltrainer hat er vor seinen Spielern noch warnend den großen Herberger zitiert. Der nächste Gegner ist immer der schwerste. Bei Daum war jetzt der letzte Gegner der schwerste, der Krebs in seinem Körper.

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