Herr Daum, an diesem Samstag (15.30 Uhr) empfängt Ihr früherer Club VfB Ihren anderen Ex-Club 1. FC Köln zum Abstiegsendspiel. Sie sind doch bekannt für hellseherische Fähigkeiten. Wie geht’s aus?
Ich halte an diesem 34. Spieltag alles für möglich. Also auch die Variante, dass sich der VfB noch auf direktem Wege rettet.
Sofern er den FC schlägt – und Hertha BSC in Dortmund verliert.
Der FC ist ein starker Gegner, der noch in die Europa League will. Wenn der VfB mit derselben Einstellung auf den Platz geht wie zuletzt beim 2:2 in München, hat er mit den eigenen Fans im Rücken dennoch realistische Chancen auf drei Punkte. Dasselbe gilt natürlich auch für Borussia Dortmund gegen Hertha BSC.
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Andernfalls droht die Relegation. Der 1. FC Köln musste sich dort erst letztes Jahr behaupten und spielt nun europäisch. Trauen Sie dem VfB eine ähnliche Entwicklung zu; vorausgesetzt, er bleibt drin?
Mit Verlaub, das ist Spinnerei. Jetzt geht es nur um die Gegenwart, und die ist bitterernst für den VfB. Nach der Saison muss eine gründliche Analyse erfolgen, in der es nicht nur darum gehen darf, dass die Mannschaft großes Verletzungspech hatte. Da muss alles auf den Tisch und hinterfragt werden. Mit dem Ziel, dass der VfB Stuttgart im kommenden Jahr nichts mehr mit dem Abstieg zu tun haben wird.
Am Samstag tritt der VfB in Sondertrikots an, die an den Titelgewinn vor 30 Jahren erinnern. Der Meistertrainer von damals wird sicher mitfiebern, oder?
Natürlich. Wir haben noch immer einen Koffer im Ländle. Die Verbindung nach Stuttgart war so intensiv, dass sie für immer unauslöschlich in meinem Herzen verankert ist.
Wie damals 1992, als am letzten Spieltag in Leverkusen unbedingt gewonnen werden musste, steht der VfB am Samstag wieder vor einem Alles-oder-Nichts-Spiel. Wie geht man so ein Spiel an?
Ich würde nur von einem Alles-Spiel reden. Das Nichts kann man streichen. Man muss versuchen, den Willen des Gegners zu brechen. Der FC muss von der ersten Minute an spüren, dass der VfB nicht nur dagegenhält, sondern die Kontrolle übernehmen will. Dass er den Sieg mehr will als Köln, dass er gieriger ist, erfolgsbesessener. Dann kann es klappen. Aber nur dann.
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Es gibt ein paar Parallelen zu damals. Auch 1992 brauchte der VfB am letzten Spieltag unbedingt einen Sieg – bei einer gleichzeitigen Niederlage des Kontrahenten. Sind solche Spiele die schwersten – und Siege die schönsten?
Ich würde es so formulieren: Unerwartete Erfolge sind am schönsten. Uns hatte damals ja keiner auf der Rechnung. Alle gingen davon aus, dass Frankfurt in Rostock gewinnen würde. Und Dortmund hatte es ja „nur“ mit Duisburg zu tun, während wir in Leverkusen antreten mussten, die noch um die Teilnahme am Uefa-Cup kämpften. Jetzt ist die Erwartungshaltung aus Stuttgarter Sicht nach dem vergangenen Wochenende sicher eine größere – und die Erfolgswahrscheinlichkeit eine höhere als damals.
Am kommenden Montag jährt sich der Triumph von Leverkusen zum 30. Mal. Was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn, wenn Sie an damals zurückdenken?
Der unglaubliche Teamgeist und Zusammenhalt in der Mannschaft. Da hat einer dem anderen geholfen, ihn unterstützt. Wenn ich nur an die letzten zehn Minuten des Spiels in Leverkusen denke! Nach der Roten Karte gegen Matthes (Matthias Sammer; Anm. d. Red.) hat jeder nochmal eine Schippe draufgelegt. Dass wir am Ende den Siegtreffer erzielen konnten, war eine reine Willensleistung.
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Sie galten als Meister des Psychodopings. Können Sie uns noch einmal an Ihren Methoden teilhaben lassen?
Auch wenn es wegen solcher Geschichten wie barfuß über Scherben laufen oft anders rüberkam: Das Wichtigste bei mir waren immer Einzelgespräche. Damit habe ich die Spieler und letztlich auch die Gruppe stark gemacht. Und nicht, indem ich auf den Tisch gehauen und gerufen habe: „Wir sind die Größten!“ Kommunikation sind aber weniger als 50 Prozent der Trainerarbeit.
Und die anderen 50 Prozent?
Akribische Trainingsarbeit. Und eine flexible, taktisch variable Herangehensweise an ein Spiel. Es geht immer darum, auch einen Plan B, C, D und E in der Tasche zu haben. Das war am Ende auch damals in Leverkusen das Entscheidende.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Nach 81 Minuten habe ich beim Stand von 1:1 den Jolly Sverrisson gebracht und in den Sturm beordert. Aber nur für ein, zwei Minuten. Danach habe ich ihn vor die Abwehr gezogen und dafür den Guido Buchwald als zweite Spitze freigemacht. Das taktische Täuschungsmanöver ging auf – und war so vorbereitet worden.
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Sie haben das Spiel noch ziemlich genau vor Augen . . .
Ich könnte Ihnen die 90 Minuten minutiös nacherzählen (lacht).
Die letzten zehn reichen.
Nach dem Platzverweis habe ich bei 1:1 den Torschützenkönig der Bundesliga (Fritz Walter; Anm. d. Red.) und unseren kreativsten Offensivspieler (Maurizio Gaudino) vom Platz genommen. Und dafür den Jolly und den Manni Kastl gebracht. Ich ging all in, hatte nichts mehr zu verlieren. Die Leverkusener haben sich gedacht: Was macht der denn jetzt?, und sind selbst voll in die Offensive gegangen. So gab es für uns Platz zum Kontern. Anders hätten wir in Unterzahl kein Tor mehr erzielt.
Und dann?
Köpft Guido das Ding vier Minuten vor dem Ende rein. Plötzlich waren wir Meister – und haben bis zur Besinnungslosigkeit gefeiert.
Um noch mal auf Ihre Motivationskünste zurückzukommen: „15:30 Uhr – Krieg in Leverkusen!“ sollen Sie auf die Kabinentür geschrieben haben. Würden Sie heute so vermutlich nicht mehr machen, oder?
Wer sagt, dass ich das gemacht habe? Ich habe in Zusammenhang mit Fußball noch nie von Krieg gesprochen. Allenfalls von Kampf. Irgendwie wurde das falsch überliefert (lacht).
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Was war die Meisterschaft von 1992 am Ende? Das Ergebnis einer tollen Mannschaftsleistung – oder eine schicksalhafte Fügung durch die unerwartete Niederlage der Eintracht inklusive des nicht gegebenen Elfmeters?
Beides. Momente wie diese zeigen, was im Fußball alles möglich sein kann, wenn man nur an sich glaubt.
Wie oft werden Sie heute noch auf die Meistersaison mit dem VfB angesprochen?
Im Schwabenland natürlich häufiger als hier im Rheinland. Die Leute haben mich als Meistertrainer abgestempelt. Und denken deshalb oft, dass ich auch mit Leverkusen Meister geworden wäre.
Lassen Sie sie in dem Glauben?
Ne, ne (lacht). Ich korrigiere dann und sage, mit Leverkusen dreimal Vize. So viel Ehrlichkeit muss sein.
Sie sind derselbe Jahrgang wie Felix Magath. Wann kehren Sie als Retter in die Bundesliga zurück?
Ach, hören Sie auf! Ich werde bald 69. Wir haben sehr gute junge, ausgebildete Trainer, die die Sache übernehmen sollen.