Christoph Niemann in Waiblingen Die hohe Kunst der Reduktion

Extrem reduziert und doch klar zu erkennen:   Christoph Niemanns Porträt des US-amerikanischen Präsidenten Foto: Gottfried Stoppel 7 Bilder
Extrem reduziert und doch klar zu erkennen: Christoph Niemanns Porträt des US-amerikanischen Präsidenten Foto: Gottfried Stoppel

Der gebürtige Waiblinger Christoph Niemann hat sich 1997 mit seiner Arbeitsmappe gen USA aufgemacht. Nun zeigt die Galerie Stihl Arbeiten des international gefragten Zeichners.

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Waiblingen - Er mag keine Nackenkissen, Blaubeerbagels sind ihm ein Graus und die Furcht vor dem weißen Blatt Papier ist ihm ein ständiger Begleiter. Gestatten: Christoph Niemann, geboren 1970 in Waiblingen, nach dem Studium an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart mit einigen Arbeitsproben in der Mappe gen New York gezogen und dort prompt berühmt geworden – als Illustrator, Künstler und Buchautor. Auf den Titelseiten renommierter Zeitschriften wie The New Yorker oder dem New York Times Magazine ist der Zeichner quasi Dauergast, analysiert mit spitzer Tuschefeder oder Bleistift politische Krisen, Umweltkatastrophen und was Mensch sonst noch so bewegt. Das alles treffsicher, ironisch, gescheit und gewitzt – wenn auch dem Betrachter ab und an das Lachen im Hals stecken bleibt.

Rund 160 Arbeiten Christoph Niemanns sind von Samstag an in der Galerie Stihl in Waiblingen zu sehen. Die Ausstellung trägt den Titel „Modern Times“ und zeigt die große Bandbreite von Niemanns Können: Tuschezeichnungen und Siebdrucke, Fotobearbeitungen, digitale Animationen, Apps. Da dürfte für jeden was dabei sein – vom Traditionalisten bis zum Digital Native, vom Kindergartenkind bis zum Opa, eine Mehrgenerationenausstellung also.

„Sunday Sketches“ als Auszeit

Barbara Martin, die diese Ausstellung gemeinsam mit der Galerieleiterin Silke Schuck und dem Künstler konzipiert hat, spricht denn auch von „einem vielschichtigen Oeuvre“. Niemanns Zeichnungen, etwa seine „Sunday Sketches“ wirkten „leicht und spielerisch“, sagt Martin, die künftig die Kuratorenstelle der Galerie besetzen wird. Tatsächlich aber sei ihre Entstehung harte Arbeit, ein langwieriger und sehr genau durchdachter Prozess, bei dem Christoph Niemann manchmal um die 30 Entwürfe anfertige, bis alles passt.

Ein Berg (Papier-)Arbeit also, wobei der Zeichner sich mit den „Sunday Sketches“ quasi eine kreative Auszeit gönnt – sie entstehen ohne Auftrag und zeigen Alltagsgegenstände aus einem ganz neuen Blickwinkel. Da wird ein Zollstock zum Flamingo, ein Zirkel zum Pinguin und ein Pinsel mutiert zum schwingenden Rock einer Tänzerin. Christoph Niemann fotografiert dazu die Alltagsgegenstände in einem bestimmten Winkel, ergänzt sie mit Zeichnungen und schafft dadurch erstaunliche Zusammenhänge. Manch einer, der Niemanns Skizze „Horse“ gesehen hat, wird künftig beim Anblick von zwei Bananen unwillkürlich an die Hinterbeine eines Pferdes denken.

Die Furcht vor der Zeichenblockade

Wie viele Stunden Niemann in seinem kreativen Leben wohl auf ein weißes Blatt Papier gestarrt hat? Man darf vermuten: eine Menge. Seine drei größten Sorgen verrät er in einer eigens für die Waiblinger Schau geschaffenen Installation: Ideenlosigkeit, baldige Pleite und die Furcht, nicht gut genug zu sein. Klingt deprimierend, ist aber vergnüglich anzuschauen.

„Meine Bilder sollen nicht nur illustrieren, sondern zum Nachdenken anregen“, wünscht sich Niemann. Eine Knochenhand, die eine Skelettwaffe hält, thematisiert zum Beispiel die Waffenliebe der US-Amerikaner. Deren Präsidenten hat Niemann 2015 porträtiert – unverkennbar, dabei ist Trumps Konterfei aus den Bestandteilen der Nationalflagge arrangiert.

Wie der Zeichner arbeitet, zeigt ein kurzer Film in der Ausstellung: Aus der Vogelperspektive sind da zwei senkrecht stehende Batterien auf einem Blatt Papier zu sehen. Ergänzt durch zwei Schatten rechts und links, die Christoph Niemann mit einer Schreibtischlampe erzeugt, flattert da plötzlich eine großäugige Eule durch ihr Revier. Einfach genial, auch wenn der Künstler nach Barbara Martins Worten definitiv nicht an geniale Eingebungen glaubt. Talent verneine er ebenfalls. Was bei seiner Arbeit zähle, sei Training, sprich: üben, üben, üben.

Oder mit Christoph Niemanns eigenen Worten: „87 Prozent Anstrengung, 7,5 Prozent Glück, 0,5 Prozent Begabung und Musenküsse – und fünf Prozent 90 Minuten am Stück die Finger vom Internet lassen.“




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