27.07.2010 - 10:26 Uhr
Das ist leichter gesagt als getan. Erstens bemerkt ein Unterbewusstsein allzu aktive Eindringlinge und verwandelt seine Traumfiguren in Security-Trupps, die Fremde eliminieren. Zum anderen kommen die Manipulateure nicht ohne Ballast. Ihr eigenes Unterbewusstsein spielt ebenfalls mit, gebiert Figuren, mengt Orte und Ereignisse ins Spiel, legt offene Rechnungen vor und fädelt Intrigen ein.
"Inception" wirkt dabei nicht hohl und oberflächlich
Das Seltsame an "Inception" ist, dass er ganz anders aussieht als jener Kunstthriller, der sich aus Nolans Prämisse fast schon von selbst entwickeln könnte. Dies ist kein Vexierspiel suggestiver und surrealer Traumgebilde, die im vage Symbolischen, im hypnotisch Rätselhaften, im ominös und klugheitssummend Andeutungsreichen bleiben. Dies ist ein Rabatzfilm erster Güte, dessen diverse Traumebenen aussehen wie verdichtetes Actionkino, wie ein unzensiertes Ballerspiel, wie ein schikanöser Karambolagerennparcours. So gibt es eine Verfolgungsjagd bergauf und bergab im Schnee, durch Bäume und über Felskanten, auf Skiern, Motorschlitten und bekuften Humvees, durchtackert vom Geschossgespucke der Maschinenwaffen, die jedem James-Bond-Film Ehre machen würden.
Noch seltsamer ist, dass "Inception" dabei nicht hohl und oberflächlich wirkt, sondern beunruhigend. Wenn hier das Unterbewusstsein intelligenter Menschen aus Versatzstücken des Aggressionskinos besteht, dann werden dem Kinogänger seine Freuden als Einfalltor des Bösen schaurig gemacht. "Inception" setzt Grenzverletzung, Manipulation, Fremdbestimmung mit Filmbildern gleich. Nolan vergnügt uns mit Tempo, Bildwitz, Kniffligkeit und flüstert uns zugleich zu, die schönen Bilder seien Teil einer Gleichschaltung unseres innersten Wesens.
Das Seltsamste aber ist, dass dieser Hollywood ins Zwielicht ziehende, ein wenig Mitdenken fordernde Film in einer Zeit feigster Produktionsentscheidungen und dümmster Versuche, Blockbuster zu planen, finanziert wurde. Nolan durfte 160Millionen Dollar auf ein Projekt verwenden, das Studiomanager eigentlich in Panik verfallen, nach Nachdrehs, Umschnitten und Versimpelung schreien lassen müsste. Aber sie wussten ja gar nicht, in was sie sich einmischen sollten. Nolan hat seinen Film weitgehend abgeschirmt gedreht, über Plot und Stil lag der Mantel der Geheimhaltung. - Ob wir "Inception" etwa nur geträumt haben?
Inception. USA, Großbritannien 2010. Regie: Christopher Nolan. Mit Leonardo DiCaprio, Ellen Page, Marion Cotillard, Tom Hardy, Ken Watanabe, Tom Berenger. 148 Minuten. Ab 12 Jahren.