Chronische Schmerzen Wenn es nur noch wehtut

Zwar ist immer noch nicht hundertprozentig geklärt, was bei chronischen Schmerzpatienten genau im Kopf passiert. Doch es kommt zu biochemischen Prozessen, die sich im gesamten Körper auswirken: Foto: dpa-Zentralbild

Millionen Menschen leiden unter chronischen Schmerzen. Doch an die Hilfen, die Linderung verschaffen könnten, kommen sie nur schwer. Zwei Experten erklären die Gründe.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

Essen/Wuppertal - Die Hand muss die heiße Herdplatte nur kurz berühren – schon geht das Alarmsystem im Körper los: Mit 108 Stundenkilometern jagt das Schmerzsignal über das Rückenmark weiter ins Gehirn. Nach Bruchteilen einer Sekunde erscheint der Schmerz im Bewusstsein – wie das Schrillen eines Weckers. Reflexartig wird die Hand aus der Gefahrenzone gezogen.

 

Das Empfinden von Schmerz – so unangenehm es auch ist – ist ein wichtiger Mechanismus, ohne den ein Überleben auf Dauer nicht möglich wäre. Doch auch dieser Mechanismus ist störanfällig und kann zur Folter werden: Wenn nämlich die Signale des Körpers nicht mehr aufhören zu feuern, die Schmerzbahnen überstrapazieren und die Nervenentwicklung so manipuliert wird, dass jede leichte Berührung schon schmerzhaft ist. Etwa 23 Millionen Bundesbürger leiden der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) zufolge an dauerhaften Schmerzen. Doch nicht alle erhalten die Hilfe, die sie bräuchten.

Bei chronischem Schmerz gibt es keine akute Ursache mehr

Die Behandlung von Schmerzenist schwierig: Zwar gibt es Tabletten und Pillen, die es nur zu schlucken gilt, um wieder schmerzfrei zu werden – so suggeriert es die Werbung. Doch was bei gesunden Menschen mit gelegentlichem Zwicken im Rücken, Zahnweh oder leichtem Kopfschmerz auch funktioniert, ist bei Betroffenen mit Dauerschmerzen keine Lösung. „Bei chronischem Schmerz gibt es meist keine akute Ursache mehr, die man mit einem Medikament heilen kann“, sagt Astrid Gendolla, Vizepräsidentin der DGS. Hier spielen neben körperlichen Problemen, emotionale psychische und soziale Faktoren eine Rolle. „Diese müssen bei der Behandlung berücksichtigt werden.“

Das Gros der Schmerzpatienten ist zwischen 35 und 55 Jahre alt

Genau das passiert viel zu selten: Zwar ist Schmerzmedizin seit dem Jahr 2016 ein obligatorischer Teil des Medizinstudiums. Doch Ärzte mit einer solchen Weiterqualifikation gibt es immer noch zu wenige, bemängelt die DGS. Viele Betroffene suchen jahrelang vergeblich nach Hilfe, mahnt daher auch die designierte Präsidentin der Deutschen Schmerzgesellschaft, Claudia Sommer, anlässlich des „Aktionstags gegen den Schmerz“, für den jährlich der erste Dienstag im Juni reserviert ist – diesmal am 5. Juni. Seit 2010 fordert ihre Organisation einen „Nationalen Aktionsplan gegen den Schmerz“, der die Versorgung, aber auch die Forschung über die Schmerzentstehung verbessern soll. Denn der Mangel an Schmerztherapeuten hat nicht nur gesundheitspolitische, sondern auch wirtschaftliche Folgen: So ist das Gros der Schmerzpatienten zwischen 35 und 55 Jahre alt – also in einem Alter, in dem man voll im Arbeitsleben stehen könnte, aber für Monate, nicht selten für Jahre ausfällt.

Wer Schmerzen hat, wird insgesamt empfindlicher, zieht sich zurück

Schmerzen verändern einen Menschen: Zwar ist immer noch nicht hundertprozentig geklärt, was bei chronischen Schmerzpatienten genau im Kopf passiert. Doch es kommt zu biochemischen Prozessen, die sich im gesamten Körper auswirken: Der Schlaf ist gestört, die Mobilität geht zurück – das hat Auswirkungen auf die Psyche. „Wer Schmerzen hat, wird insgesamt empfindlicher, zieht sich zurück, schirmt sich von der Außenwelt ab“, sagt Thomas Cegla, ebenfalls Vizepräsident der DGS. Nimmt der Schmerz so das Leben der Betroffenen gefangen, sprechen Ärzte wie Cegla dann vom sogenannten biopsychosozialen Schmerzmodell.

Schon Rückenschmerzen können chronisch werden

Es braucht dazu nicht unbedingt eine schwerwiegende Erkrankung wie Krebs, eine Operation oder eine ernsthafte Verletzung. Schon Haltungsfehler, die zu Rückenschmerzen führen, können einen steten Fehlalarm im Gehirn bedingen, warnt der Wuppertaler Anästhesist. „Etwa wenn der Schmerz wochenlang ignoriert oder mit Medikamenten betäubt wird, aber an der Ursache nichts verändert wurde.“ Eine weitere Gefahr sieht er in den immer kürzeren Aufenthalten in Kliniken. „Operierte Patienten werden in vielen Krankenhäusern schnell nach Hause geschickt – ohne abzuklären, ob der Patient eine Folgebehandlung erhält“, sagt Cegla.

Ist der Alltag beeinträchtigt, sollten Menschen mit Schmerzen zum Arzt

Hellhörig müsse man werden, wenn man merkt, dass sich trotz Schmerzmittel etwas herausbildet, das sich nicht mehr beherrschen lässt. Und seine Kollegin Gendolla fügt an: „Man spricht von chronischem Schmerz, wenn dieser drei Monate andauert – aber ich würde jedem raten, sofort zum Arzt zu gehen, wenn die Schmerzen den Alltag stark beeinträchtigen.“

Denn hält das quälende Gefühl über mehrere Wochen an, tritt der Schmerz seine neuronalen Pfade immer weiter aus und brennt sich im Gehirn ein. Ein Schmerzgedächtnis entsteht. Dann braucht es keine körperliche Ursache mehr: Es genügen kleinste Reize, um das überwältigende Schmerzsystem in Gang zu bringen. Aus dem Symptom ist eine Krankheit geworden.

Ist der Schmerz zur Krankheit geworden, braucht es verschiedene Fachärzte

Dieses behandelt man im optimalen Fall mit mehreren Fachärzten gemeinsam: Weil viele chronische Patienten Probleme mit der Muskulatur haben, muss der Bewegungsapparat gestärkt werden. Zudem erlernen sie Strategien der Schmerzbewältigung. Bestenfalls koordiniert diese Therapie ein Arzt, der in Schmerztherapie erfahren ist.

Obwohl wissenschaftliche Studien dieser Therapie Erfolge belegen, greift es bei den wenigsten Patienten so vorbildlich: Meist liegt es an den langen Wartezeiten auf einen Facharzttermin. „Und wenn dann weitere Kollegen mit ins Boot sollen, wird die Abstimmung noch schwieriger“, sagt Cegla. Das verstärkt beim Patienten die Ansicht: „Mir kann doch sowieso keiner helfen.“

Jeder kann etwas tun, um kein Schmerzpatient zu werden

Doch nicht nur die strukturellen Versorgungsprobleme bereiten den Schmerzexperten Kopfzerbrechen. Es sind auch jene gesellschaftlichen Entwicklungen, die für andere Erkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Probleme oder Adipositas verantwortlich gemacht werden: „Der Bewegungsmangel, die ungesunde Ernährung verbunden mit dem zunehmenden psychischen Stress können auch chronischen Schmerzen begünstigen“, sagt Cegla.

Deshalb rät er dazu, den Schmerz als das wahrzunehmen, was er evolutionsbedingt immer war: Ein Warnzeichen, das uns signalisiert, sich aus der Gefahrenzone zu bringen.

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