Chronobiologe Achim Kramer So lebt man nach der inneren Uhr

Zweimal im Jahr muss an der Uhr gedreht werden – an der Zeitumstellung scheiden sich die Geister. Foto: Sebastian Kahnert / dpa Foto:  

Am 31. Oktober wird von Sommer- auf Winterzeit umgestellt. Der Chronobiologe Achim Kramer erklärt, warum er die Zeitumstellung abschaffen würde und wie sich der 24-Stunden-Rhythmus im Körper auswirkt.

Stuttgart - Dass manche Menschen Langschläfer sind, andere als Frühaufsteher schon eher fit sind, ist wissenschaftlich bewiesen. Mit dieser inneren Uhr des Menschen beschäftigt sich Achim Kramer, Professor im Arbeitsbereich Chronobiologie an der Berliner Charité. „Wenn jemand ein ganz extremer Spättyp ist, dann könnte 11 Uhr sogar noch zu früh sein“, sagt der Forscher.

 

Chronos ist der Gott der Zeit. Was genau ist Gegenstand der Chronobiologie, einer relativ neuen Forschungsrichtung?

Chronobiologie beschäftigt sich dem Thema Zeit in der Biologie und vor allem mit dem 24-Stunden-Rhythmus. Wir untersuchen die Auswirkungen auf Physiologie und Verhalten, vor allem, was es für Konsequenzen für Mensch und Tier hat, wenn die Rhythmen gestört sind.

Welche Auswirkungen hat unser moderner Lebensstil auf die Gesundheit? Gerade in den Städten macht man die Nacht ja gern mal zum Tag. Andererseits beginnen Schule, Universität und Arbeit oft relativ zeitig am Morgen.

Wenn man gegen seine innere Uhr lebt, erhöht sich das Risiko für Krankheiten, wie zum Beispiel Stoffwechselstörungen, darunter Diabetes und Fettleibigkeit und auch für Krebs. Da spielen, wie wir heute wissen, hormonelle Veränderungen im Körper eine Schlüsselrolle.

Welche Hormone sind das?

Viele Hormone sind von der inneren Uhr gesteuert. Ganz wichtig ist dabei das Stresshormon Kortisol, das steigt an, bevor wir aufwachen. Es hat seine höchste Konzentration im Blut am frühen Morgen. Dann geht es im Lauf des Tages immer weiter runter, und später in der Nacht steigt es wieder an. Auch Schilddrüsenhormone haben einen Tagesgang, dann gibt es das Dunkelhormon Melatonin, das wird vor allem in der Nacht ausgeschüttet. Das alles sind physiologische Konsequenzen der inneren Uhr.

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Neuere wissenschaftliche Forschungen beschäftigen sich mit den inneren Uhren in den verschiedenen Körperzellen, jenseits des Gehirns. Gibt es in den jeweiligen unterschiedlichen Zellen verschiedene dieser circadianen Uhren?

Der molekulare Mechanismus der circadianen Uhren ist in allen Körperzellen nahezu gleich. Allerdings sind die von der Uhr gesteuerten physiologischen Funktionen abhängig vom Gewebe. Die Hauptuhr sitzt im sogenannten suprachiasmatischen Nukleus im Gehirn und dirigiert die restlichen Uhren im Körper durch viele verschiedene direkte und indirekte Signale, um auch sie mit der Umwelt zu synchronisieren. Innerhalb von Geweben sind die Einzelzell-Uhren durch Kopplung aufeinander justiert.

Mit einem neuen Bluttest können Wissenschaftler der Charité den Status der inneren Uhr eines Patienten erstmals objektiv bestimmen. Welche Bedeutung hat das ganz praktisch für die Behandlung von Patienten, etwa für die Medikamentengabe?

Medikamente haben sehr oft ein optimales Wirkfenster. Das heißt, es gibt Tageszeiten, an denen sie besser wirken und weniger Nebenwirkungen haben. Das liegt daran, dass sowohl die Zielstrukturen der Medikamente als auch ihre Verteilung im Körper tageszeitlichen Schwankungen unterworfen sind. Dies ist aber für jeden Menschen individuell unterschiedlich und hängt von dessen persönlicher inneren Uhr ab. Diese zu bestimmen gelingt dem von der Charité entwickelten Blut- oder Haartest.

Für die meisten Menschen ist etwa 11 Uhr die produktivste Zeit. Warum?

Alle Menschen sind unterschiedlich, es gibt genetisch bedingt Spättypen und Frühtypen, also wie man umgangssprachlich sagt, Eulen und Lerchen. Wenn jemand ein ganz extremer Spättyp ist, dann könnte 11 Uhr sogar noch zu früh sein. Die meisten Menschen haben aber einen relativ normalen Chronotyp, das heißt, ihre Schlafmitte ist ungefähr um 4.30 Uhr. Diese Schlafmitte bedeutet, man würde um 0.30 Uhr ins Bett gehen und um 8.30 Uhr wieder aufwachen. Dann ist man natürlich am Vormittag besonders produktiv.

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Über Sinn und Unsinn der Zeitumstellung flammt immer wieder Streit auf. Die EU findet keine Lösung. Wie stehen Sie dazu?

Also ganz allgemein bin ich wie meine Fachkollegen auch für Abschaffung der Zeitumstellung. Denn vom Stand der Sonne und den natürlichen Gegebenheiten her ändert sich ja nichts. Nur, dass dann die Schule oder die Arbeit noch eine Stunde eher anfängt. Viele Menschen haben da Umstellungsprobleme. Außerdem bekommen zum Zeitpunkt der Umstellung einige Menschen kaum Morgenlicht, dabei ist gerade das so wichtig. Wenn man um 6 Uhr aufsteht, ist es dann noch dunkel. Es gibt extreme Spättypen, die stellen sich das ganz halbe Jahr überhaupt nicht um, das haben Studien gezeigt. Ich kann allerdings auch gut verstehen, dass viele es schön finden, wenn es abends länger hell ist. Mein Kompromissvorschlag wäre, dass die Sommerzeit nicht schon Ende März beginnt, sondern erst Ende Mai und schon Ende August aufhört. In dieser Zeit ist ja auch meteorologisch Sommer.

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