Circus Corona Zirkusfamilie kämpft wegen Namen ums Überleben

Von red/ dpa 

Ein buntgeschminkter Clown wirbt für „Circus Corona“. Doch das Lachen ist der Zirkusfamilie vergangen. Die allererste Vorstellung fällt aus und ihren Namen verbindet nun jeder mit einem tödlichen Virus.

Der Name des Zirkus war Zufall, doch nun wird er der Familie zum Verhängnis. Foto: dpa/Nicolas Armer 6 Bilder
Der Name des Zirkus war Zufall, doch nun wird er der Familie zum Verhängnis. Foto: dpa/Nicolas Armer

Oberhaid - Schon von weitem ist der goldfarbene Schriftzug „Circus Corona“ lesbar, darüber in schnörkeliger Schreibschrift „zum träumen“. „Wir machen uns nicht einen Witz daraus“, beteuert Janine Köllner und seufzt. „Der Name war ein dummer, doofer Zufall.“

Erst zögerlich fängt die Zirkusdirektorin an zu erzählen, dann immer schneller. Ihr Sohn sei in der Manege ihrer Familie aufgewachsen, aber den Namen seines großen Vorbilds, des legendären „Circus Krone“ habe er als kleiner Junge nicht über die Lippen gebracht. „Irgendwann wurde daraus Corona“, erinnert sich die 33-Jährige. „Ich hab’ ihm damals versprochen: Wenn wir jemals einen eigenen Zirkus gründen, nennen wir ihn Corona.“ An ein tödliches Virus habe damals niemand gedacht.

Vergangenes Jahr war es dann soweit: Die fünfköpfige Familie gründete ihren eigenen Zirkus. Mit dem Geld von Verwandten und Freunden kauften sie sich ein Zirkuszelt. Sie druckten Werbebanner, Flyer, planten ihre Tournee durch Süddeutschland. Sie dressierten ihre „kleine Ponyrasselbande“ und vier Zwergziegen, übten Jonglage und die neunjährige Tochter dachte sich eine eigene Akrobatiknummer aus.

Kein Auftritt, dafür Unmengen Schulden

In der oberfränkischen Gemeinde Oberhaid sollte ihr allererster Auftritt sein, von diesem Donnerstag bis Sonntag waren fünf Kindervorstellungen geplant. „Das wäre unsere Weltpremiere gewesen“, meint Köllner und muss schon wieder seufzen. „Wir haben uns schon so darauf gefreut.“

Sie seien extra ein paar Tage früher angereist, um alles in Ruhe aufbauen zu können. Doch gerade als das Zelt stand, überschlugen sich die Nachrichten wegen Corona. Ein Schock für die Zirkusfamilie, aber Improvisation gehört zum Geschäft. „Wir haben überlegt, die Plane vom Zelt abzunehmen. Dann säßen die Leute im Freien“, sagt die Direktorin. „Wir hätten auch die Stühle mit großem Abstand aufgestellt.“

Aber es half alles nichts: Vor einer Woche kam das Auftrittsverbot, über das „infranken.de“ zuerst berichtet hatte. „Wenn eine Neunjährige davon träumt, durch die Manege zu fliegen. Und wenn man ihr dann erklären muss, dass daraus nichts wird...“ Köllner bricht für einen Moment die Stimme weg. „Dann kullern schon die Tränen. Das war grausam.“ Sie schluckt. „Ich weiß schon gar nicht mehr, wie oft ich selbst über den Platz gelaufen bin und plötzlich zum Weinen angefangen habe.“

Kein einziger Auftritt, dafür Unmengen Schulden für eine junge Familie. „Da hat man klar auch ein bisschen Angst. Man macht sich halt die schlimmsten Gedanken.“ Vorerst wollen sie auf dem Sportplatz am Rande der oberfränkischen Gemeinde bleiben. Wohin sollen sie auch sonst? „Wir sind dankbar, dass wir nicht weggeschickt werden.“

Plakate und Werbetafeln verschwunden

Ein absolut tragisches Schicksal, findet der Bürgermeister von Oberhaid. „Ein Auftritt in der Corona-Zeit ist schon ein absolutes No-Go“, sagt Carsten Joneitis (SPD). „Dann noch mit dem Namen! Was will man dazu noch sagen...“ Die Gemeinde erlässt der Zirkusfamilie die Platzmiete, für das Wasser brauchen sie auch nichts zu zahlen. Sogar ein Spendenkonto möchte der Bürgermeister einrichten.

Auch die Lehrerin der Zirkuskinder, Anna Müller, packt mit an. Sie organisiert gerade einen Kühlschrank, weil der alte seinen Geist aufgegeben hat. „Bei der Familie ist aber nicht nur der Kühlschrank leer. Sie sind am Ende.“ Müller ist Bereichslehrerin in der Region und unterrichtet regelmäßig in Zirkuswagen. In Deutschland gebe es rund 300 kleinere Zirkusse, schätzt sie. Ohne Unterstützung könne keiner die Coronakrise überleben.

Janine Köllner ist überwältigt von der Hilfe – aber es ist ihr auch unangenehm. Sie habe gehört, dass Leute in ihrem Namen um Geld bitten würden. „Damit haben wir nichts zu tun“, betont sie gleich mehrfach. „Wir betteln nicht.“ Inzwischen seien auch schon Plakate und Werbetafeln des Zirkus verschwunden. „Vermutlich hängt die sich jemand ins Kinderzimmer“, meint die Zirkusdirektorin. „Im Nachhinein ist das vielleicht sogar eine schöne Erinnerung.“