Evangelische Kirche in Stuttgart Leonhardskirche bald ohne eigenen Pfarrer

Die evangelische Leonhardskirche in der Stadtmitte soll in eine Veranstaltungskirche umgebaut werden. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Citykirchen, also die Hospital-, Stiftskirche und die Leonhardskirche, stehen vor einer Neuordnung. Die Leonhardskirche soll eine Veranstaltungskirche werden.

Christoph Doll, der evangelische Pfarrer der Leonhardskirche, ist in diesen Tagen alles andere als ein Ausbund der Fröhlichkeit. Doll, Jahrgang 1961, trägt schwer an der Zukunft seiner Kirche. Denn die Leonhardsgemeinde verliert seine 100-Prozent-Pfarrstelle. „Ich muss gehen“, sagt Doll niedergeschlagen. Im Januar 2023 wird er versetzt. „Christoph Doll wechselt für die letzten Jahre vor dem Ruhestand auf eine andere Stelle“, bestätigt der Stadtdekan Søren Schwesig und lässt durchblicken, dass ihn diese Entscheidung menschlich schmerzt: „Er ist ein treuer Mensch. Nun stellt sich die Frage, wie es mit ihm weitergeht.“ Schwesig hat Hoffnung, eine gute Lösung zu finden.

 

In der Sache Leonhardsgemeinde, die etwa 1300 Gemeindemitglieder zählt, habe er indes keinen Spielraum. Die Zahl der Gemeindeglieder und die der Besucher der Gottesdienste seien in den Jahren immer kleiner geworden. Die Konsequenz lautet: sanfte Fusion. „Sobald Christoph Doll weg ist, übernimmt die Hospitalkirche die Geschäfte“, sagt Schwesig. Der Hospital-Pfarrer Eberhard Schwarz bestätigt nicht ohne Bauchgrimmen: „Ich werde Geschäftsführender Pfarrer und organisiere die Leonhardsgemeinde mit. Wie wir das hinkriegen, müssen wir sehen.“ Bedeutet: Alle Kasualien (Taufen, Beerdigungen, Hochzeiten, Konfirmationen) und alle anderen Gottesdienste müssen von der Hospitalkirche mitorganisiert werden. Wobei noch nicht entschieden ist, ob in der Leonhardsgemeinde überhaupt noch Gottesdienste stattfinden. Auch Pfarrer Schwarz hat darauf noch keine Antwort. „Wir sind mitten in einem Reflexionsprozess, auch mit der Stiftskirche“, sagt er. Gut möglich, dass die Gemeindeglieder in Zukunft in eine der beiden anderen Citykirchen zum Gottesdienst pilgern müssen: in die Stifts- oder in die Hospitalkirche.

Umbau zur Leonhardsvorstadt

Dahinter steht jedoch mehr Tragweite als ein Sonntagsspaziergang. Es gleicht eher einer Neuordnung mit einer Verschiebung von Profilen der Citykirchen. Dies bedingt nicht nur der demografische Wandel und die Mitgliederentwicklung der Kirchen, sondern auch die Stadtentwicklung.

Denn mit dem Zusammenwachsen des Bohnen- und Leonhardsviertels hin zur Leonhardsvorstadt, einer neuen Mitte Stuttgarts, soll auch die Kirche in Nachbarschaft des Züblin-Parkhauses eine neue Rolle spielen. Im künftigen Ensemble von Film- und Medienhaus und des Nachfolgeprojektes Züblin-Areal soll aus der Leonhardskirche nach dem katholischen Vorbild „St. Maria als“ eine reine Veranstaltungskirche werden. „Wir können hier in der neuen Mitte einen neuen Aufenthaltsort schaffen“, sagt Schwesig und betont: „Die Vesperkirche wird aber weiter in der Leonhardskirche stattfinden.“ In dieser zentralen Kirche in der Innenstadt soll auch weiterhin diakonische Arbeit stattfinden. Doch für Kritiker innerhalb der evangelischen Kirche ist das nicht genug. Aus ihrer Sicht müsste die Leonhardskirche konsequent zum Leuchtturm der Diakonie ausgebaut werden. Noch eine Veranstaltungskirche sei nicht nötig, sagen sie. Zumal das Vorbild, die Marienkirche an der Tübinger Straße, nicht so wirkungsmächtig sei, wie sich das die katholische Kirche selbst ehedem vorgestellt habe. Schwesig indes kontert: „Ich sehe die diakonischen Aufgaben der Kirche eher dezentral in den Stadtteilen, anstatt zentral in der City.“

Wozu einen Friedenspfarrer?

Gleichzeitig wirbt er um Verständnis für die Neuordnung – und macht klar, dass er lediglich den 2019 in Kraft getretenen Pfarrplan umsetze. Dies gleiche jedoch manchmal der Quadratur des Kreises: „Es gibt zu viele Predigtstellen für zu wenig Pfarrer.“

In diesem Sinne regt der Stadtdekan auch kritisch an, über die Sonderpfarrstellen der Landeskirche nachzudenken. Anlass seiner Kritik ist die Verlängerung des Deputats eines Friedenspfarrers in der Landeskirche. „Da es an Ressourcen mangelt, hätte ich dieses Querschnittsthema nicht weitergeführt.“ Zugespitzt formuliert: Der konkrete Dienst in der Leonhardsgemeinde wäre in diesen Zeiten des Mangels wichtiger als ein abstrakter Friedenspfarrer.

Heinz Rittberger ist entsetzt

Für einen, der vor 70 Jahren in der Leonhardskirche konfirmiert wurde, ist das sowieso keine Frage. Heinz Rittberger kann sich seine Gemeinde nicht ohne eigenen Pfarrer vorstellen. Er hat diese Kirche vor den Bombennächten am Juli 1944 erlebt, sah sie brennen und dann in Trümmern, aber auch wieder aus Ruinen neu entstehen. Für ihn wäre das Zukunftsszenario ein schwerer Schlag. Der 85-jährige Inhaber von Seifen Lenz an der Esslinger Straße weiß sehr wohl, dass die Gottesdienstbesuche stark nachgelassen haben. Zuletzt kamen sonntags im Schnitt 15 Besucher. Aber er mahnt die historische und diakonische Bedeutung dieser Kirche an. Eine Bedeutung, die durch die neuen Pläne verloren ginge. „Das wäre der Anfang vom Ende der Gemeinde“, sagt Heinz Rittberger, der seine Kirche als „Herzkammer der Diakonie“ sieht. Auch in der Zukunft, in der immer mehr den Bezug zur Institution Kirche verlieren würden.

Einzig die Dienste am Menschen im kirchlichen Rahmen könnten der Kirche Bindungskraft verleihen: „Kirche ist Diakonie. Und Diakonie ist Kirche.“

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