City-Logistik Immer mehr Lieferverkehr: Stadt in der Pflicht

Lieferdienste, die eigentlich  nur bis 11 Uhr in der Fußgängerzone ausliefern dürfen,    auf der Königstraße Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Lieferdienste, die eigentlich nur bis 11 Uhr in der Fußgängerzone ausliefern dürfen, auf der Königstraße Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Bei einer Veranstaltung des Fraunhofer-Instituts kritisiert der City-Manager Sven Hahn die Flächenpolitik der Stadt. Ein Experte des Fraunhofer-Instituts malt schwarz: „Man braucht Flächen zum Umladen. Wo kommen diese Flächen her? Es gibt sie nicht.“

Lokales: Martin Haar (mh)
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Stuttgart - Es ist noch gar nicht so lange her, da feierten die Wirtschaftsförderung Stuttgart, der Parkhausbetreiber Apcoa und das Fraunhofer Institut ein Pilotprojekt, das der Stadt viel Gutes bringen soll: bessere Luft durch weniger Verkehr, keine Plage mehr in den Fußgängerzonen durch die Paketfahrer. Die Idee dahinter lautet: Die vielen Päckchen, die täglich in die Innenstadt geliefert werden, sollen im Parkhaus des Zeppelin-Carrées an der Kronenstraße 20 auf E-Lastenräder umgeladen werden.

Michael Münter, der Mann für Mobilität bei der Stadtverwaltung, sprach in diesem Zusammenhang sogar von einem „Mosaikstein für bessere Luft“ in Stuttgart. In ferner Zukunft könnten tatsächlich große Teile des Warenlieferungen emissionsfrei von A nach B gebracht werden.

Darüber kann Hubert Reck, beim Immobilienmakler Colliers für City-Logistik zuständig, nur schmunzeln: „Das ist eine reine Verzweiflungstat. Dieses Projekt ist nicht systemrelevant.“ Martin Armbruster von der Wirtschaftsförderung räumt ein: „Es gibt in der Stadt keine Brachflächen, wo wir Hubs ansiedeln können.“

Damit wird die letzte Meile, wie die letzte Lieferdistanz von Bestellung bis zur Lieferung in der Branche genannt wird, zu einer „echten Herausforderung“, wie Bernd Bienzeisler vom Fraunhofer Institut auf einer Podiumsdiskussion zu diesem Thema sagte: „Man braucht Flächen zum Umladen. Wo kommen diese Flächen her? Es gibt sie nicht.“ Ebenso wenig „wie die große Lösung oder den großen Wurf“. Wie drängend aber eine Lösung wäre, verdeutlichte der FDP-Landtagsabgeordnete Jochen Haußmann mit seiner Aussage im Fraunhofer Institut, dass der Wirtschaftsverkehr inzwischen bis zu 30 Prozent am Gesamtverkehrsaufkommen ausmache. Tendenz steigend. Und das in einer Stadt, die eigentlich weniger Verkehr anstrebt.

Zu viele Rücksendungen

Der prognostizierte Zuwuchs liegt auch am Onlinehandel, der weiter steigen wird. Besonders im Fokus sind hier jedoch die vielen Retouren, die der Internet-Handel mit sich bringt. „Wenn eine Ware zurückgeschickt wird, kommt man auf vier Fahrten mit dem 7,5-Tonner“, sagt Citymanager Sven Hahn. Offiziell werde jedes zweite Päckchen, das im Internet geordert werde, wieder zurückgeschickt. Unter vorgehaltener Hand erklärten die Onlinehändler allerdings, dass die Quote der Retouren bei 70 Prozent liege. Der City-Manager beklagt daher ein Versagen der Lokalpolitik. Damit er weniger den aktuellen Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne), sondern dessen Vorgänger Wolfgang Schuster (CDU). „Warum haben wir denn so einen Mangel an Logistikflächen?“, fragte Hahn spitz und gab sich die Antwort gleich selbst: „Weil wir 2004 in ein Einkaufscenter investiert haben. Wenn wir damals eine Logistik- statt in eine Handelsfläche geplant hätten, gäbe es heute ein paar Probleme weniger.“ Haußmann stimmte zu: „Man hat dem Thema Logistik in den letzen Jahren viel zu wenig Bedeutung gegeben.“

In der Verwaltung wird diese Einschätzung von einigen Mitarbeitern geteilt. Der Tenor lautet: Der Wohnungsbau und die Versprechen dazu im Wahlkampf überlagern alle anderen Probleme.

Ähnlich sieht es auch Gabriele Reich- Gutjahr, die bei der Podiumsdiskussion zur „Herausforderung auf der letzten Meile“ im Publikum saß. Die Stuttgarter Abgeordnete und wirtschaftspolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion meinte: „Verkehrs- und Emissionsreduzierung sowie die zunehmende Paketisierung erfordern schon länger neue Lieferkonzepte in der Stadt. Stuttgart muss dazu auch öffentliche Flächen für den Umschlag von Gütern auf kleinere Transportdienstleister verfügbar machen. Dieser Aspekt wurde in der Stadtplanung sträflich vernachlässigt. Es ist Zeit, dass die Stadt dafür endlich Angebote macht.“

Die Parkflächen (sechs Boxen pro Parkplatz) im Zeppelin-Carrée, wo nun täglich 400 Sendungen umgeschlagen werden sollen, schein dabei nur einen kleinen Beitrag leisten zu können. Daher meinte Bernd Bienzeisler: „Es braucht viele kleine, innovative Lösungen.“ Nur einer weiteren Illusion beraubte er alle: Die Drohne, die aus der Luft Pakete auf der letzten Meile zum Kunden bringe, „wird nicht die Lösung der Logistik sein“.




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