Die Kolumbianerin Clara Rojas ist 2002 von Farc-Rebellen entführt worden. 2004 bekam sie in Geiselhaft ein Baby, 2008 kam sie frei. Jetzt kommt ihre Geschichte ins Kino – doch das will Clara Rojas gar nicht.
Bogotá/Kolumbien - Das hätte kein Drehbuchautor dramatischer niederschreiben können: Die kolumbianische Anwältin Clara Rojas, 2002 zusammen mit Ingrid Betancourt von der Guerilla entführt, bekommt in der Geiselhaft ein Kind, das ihr die Rebellen wegnehmen und einem Bauer in Pflege geben. Erst 2008, als sie freigelassen wird, kann sie ihren Sohn Emmanuel wieder in die Arme schließen. Die ergreifende Geschichte ist jetzt verfilmt worden – aber Clara Rojas wehrt sich dagegen, dass der Film in Kolumbien gezeigt wird, weil er „die freie Entfaltung der Persönlichkeit“ ihres Sohnes gefährde.
Der Konflikt, der das Wohl des Kindes gegen die Meinungsfreiheit in Stellung bringt, entzweit die kolumbianische Gesellschaft. Die „prominenten“ Opfer der Guerilla werden oft mit Misstrauen, Neid und sogar Hass bedacht: Ihr Los findet in der Öffentlichkeit mehr Beachtung als das der vielen Namenlosen, die genauso leiden, und nach ihrer Freilassung schreiben sie meist erfolgreiche Bücher – so wie Clara Rojas, deren Bericht in 13 Sprachen übersetzt wurde, 2009 auch ins Deutsche („Ich überlebte für meinen Sohn“). Dass sie nun einen Film blockieren will, der ihrem heute achtjährigen Sohn schaden könnte, halten viele für überzogen.
Geht es um das Wohl von Emmanuel? Oder ums Geld?
„Operación E“ – E wie Emmanuel – ist eine französisch-spanische Koproduktion. Der Film ist in Europa bereits angelaufen, demnächst soll er in Kolumbien zu sehen sein. Er schildert den Fall allerdings aus der Perspektive des Bauern José Crisanto Gómez, dem die Rebellengruppe Farc den kranken Jungen 2004 zur Pflege übergab. Dennoch klagt Rojas, der Film stelle „emotionale Risiken“ für ihren Sohn dar, denn: „Wir sind über 70-mal zu sehen.“ Gemeint sind die Schauspieler, die Mutter und Sohn verkörpern. Sie habe „mehr als sieben“ Psychologen konsultiert, die alle „schwerwiegende Folgen für das Kind“ vorhergesehen hätten. Sie ging deshalb vor Gericht, um die Aufführung des Films in Kolumbien zu verbieten, bis Emmanuel volljährig ist. Als sich allerdings Farruco Castroman, der spanische Produzent von „Operación E“, zu Wort meldete, stand Clara Rojas jäh im Zwielicht. „Wovon reden wir eigentlich hier“, raunzte Castroman in einem Interview, „von wirtschaftlichen Interessen oder vom Schutz des Kindes?“ Nachdem er sich mit Clara Rojas darauf geeinigt hätte, dass sie ein Prozent der Erlöse erhält, die der Film in Kolumbien erzielt, habe sie später ihre Forderung erhöht, sagte der Produzent und präsentierte den E-Mail-Verkehr. Erst als es zu keiner Einigung kam, sei ihr das Wohl des Kindes eingefallen.
Die Wohlfahrtsbehörde, die Rojas’ Sohn 2005 in Empfang nahm, prüfte das Drehbuch und urteilte, Schäden seien für den Jungen nicht zu erwarten. In Kolumbien gebe es keine Zensur, äußerte das Kultusministerium kühl. Und so entschied eine Richterin, der Film könne gezeigt werden, wobei Clara Rojas allerdings ein höheres Gericht anrufen kann.
Die ganze Welt ist gerührt vom Schicksal des kleinen Jungen
Das Schicksal des Jungen hatte vor fünf Jahren die Welt gerührt. Ein Rebell mit Medizinstudium, aber ohne Approbation half beim Kaiserschnitt mitten im Busch, wobei das Baby einen Armbruch erlitt. Acht Monate durfte Clara Rojas bei ihrem Kind sein, über dessen Vater sie nie ein Wort verlor. Dann nahmen ihre Peiniger ihr das Kind ab und übergaben es dem Koka-Bauern José Crisanto Gómez, Vater von fünf Kindern und Schwiegersohn eines traditionellen Heilers. Aber der konnte den Bruch, die Malaria und den Durchfall auch nicht kurieren. Als die Rebellen ein paar Monate später wiederkamen und Gómez’ achtjährigen Sohn als Kindersoldaten mitnehmen wollten, ergriff Gómez mit seiner Familie die Flucht und gab das Kind im nächsten Ort dem staatlichen Gesundheitsdienst.
Aber die Führung der Farc erfuhr davon zunächst nichts. Als sie 2007, vermittelt durch den venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez, zu verhandeln begann, dachte sie, Emmanuel sei ihr wertvollstes Pfand – dabei war er längst in staatlicher Obhut, wo sich durch einen DNA-Test herausstellte, dass der Junge mit dem gebrochenen Arm der Sohn von Clara Rojas war, von dem andere Entführte nach ihrer Freilassung berichtet hatten.
Und was ist mit dem Bauern, der das Kind gerettet hat?
„Manchmal musste sie aus dem Zimmer gehen, weil sie nicht wollte, dass das Kind sie in Tränen ausbrechen sieht“ – so schilderte ein Bediensteter der Wohlfahrtsbehörde das erste Treffen von Emmanuel und seiner Mutter, die im Januar 2008 freikam. Rojas versuchte sich danach erfolglos in der Politik, leitet heute eine Stiftung, die Familien von Entführten beisteht, und berichtet immer wieder von ihren Erlebnissen, ohne allerdings den Sohn zu exponieren.
Ganz anders erging es José Crisanto Gómez, der dem kleinen Emmanuel vielleicht das Leben gerettet hat. Als die Farc merkte, dass ihr das Faustpfand abhanden gekommen war, bedrohte sie ihn mit dem Tode. Der Staat dagegen hielt ihn für einen Kollaborateur. In einem Prozess wegen Kindesentführung und Rebellion wurde er zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. In der Zelle schrieb er auf, was ihm widerfahren war – die Vorlage zu „Operación E“. 2012 kam er frei, die Produktionsfirma lud ihn, um für den Film zu werben, nach Spanien ein. „Es macht mich froh, dass sie ihr Leben mit dem Kind teilen kann“, sagte er in einem Interview über Rojas, die nie den Kontakt zu ihm gesucht hat. In anderen Pressegesprächen äußerte er sich allerdings anders: „Sie verhält sich so, als ob ich etwas Böses getan hätte“, sagte er, „die Undankbarkeit von Clara Rojas ist groß“.