Kunst ist immer ein Spiegel der Gesellschaft und insofern steckt in ihr auch ein großes kritisches Potenzial, auch wenn wir dieses manchmal erst sehr viel später entdecken. In den genannten Ausstellungen im Zeppelin Museum standen und stehen – die Sammlung bleibt ja auf dem Prüfstand – aber zwei unterschiedliche Aspekte der Kritik im Zentrum.
Welche sind das?
Einmal werfen wir als Zeppelin Museum einen kritischen Blick zurück auf den Kunsthandel des Nationalsozialismus und beleuchten seine Verstrickungen mit der Shoa. Wir untersuchen die Provenienzen unserer Sammlungsbestände und machen transparent, wie die Werke an unser Haus gekommen sind – und welchen Weg sie nach unserem Wissensstand davor genommen haben. Außerdem machen wir die Netzwerke der Händler sichtbar, legen ihre Karrieren vor und nach 1945 offen. In dieser Ausstellung liegt also das kritische Potenzial außerhalb der Werke und ihrer Inhalte.
Und wie war das bei „Kryptomania“?
In der Ausstellung „Kryptomania“ ging es um das utopische Potenzial der Blockchain, das internationale Künstler*innen in ihren Werken kritisch thematisieren. Sie befassen sich mit Fragen der Transparenz, der Dezentralisierung und Demokratisierung, der Freiheit und Nachhaltigkeit. Aber es richtig, was Sie sagen: mich interessiert vor allem die kritische Perspektive der Künstler*innen auf ihre jeweilige Zeit. Und ich möchte in meinen Ausstellungen die Besucher*innen dazu ermutigen, zu den Themen unserer Zeit und zu den Perspektiven der Kunst eine eigene Haltung zu finden.
„Habitate. Über_Lebensräume“ wird der Titel der 16. Triennale Kleinplastik Fellbach sein. Was bedeutet für Sie der Begriff „Habitat“ in einem Augenblick, da Migration weltweit das Sein bestimmt?
Die Migration beeinflusst die Habitate. Tiere und Menschen verlassen ihre gewohnten Umgebungen, da sie aus verschiedenen Gründen wie Klimawandel oder Krieg, unbewohnbar wurden. Das wiederum hat Einfluss auf die Habitate, in die sie migrieren. In der Ausstellung werden wir das zum Thema machen, indem wir beispielsweise vom Menschen kultivierte Habitate zeigen, an die sich Tiere, Pilze und Pflanzen angepasst haben. Wir erinnern an verlorene Habitate, die den Ansprüchen einer auf Wachstum angelegten Gesellschaft weichen mussten und verweisen auf Habitate, die noch immer von den Zerstörungen des Kolonialismus geprägt sind.
Das klingt bekannt.
Das ist eine Frage der Herangehensweise. Wir lassen aber den Blick auch in alternative Zukünfte schweifen: in hybride, digitale, dekoloniale, symbiotische oder außerirdische Habitate, die bisweilen ironisch überspitzt von Science-Fiction- und Gaming-Figurationen inspiriert sind. Begriffe wie Kohabitation und Gleichberechtigung, Empathie und Fürsorge machen zudem das Ringen um neue kollektive Narrative deutlich, die mögliche Alternativen beschreiben könnten.
Den großen Bogen sehe ich noch nicht.
Er liegt in der inneren Konsequenz. Die Ausstellung verhandelt daher auch Ansätze eines neuen Verständnisses von Natur, nicht im Sinne einer Naturalisierung des Menschen oder einer Anthropomorphisierung der Natur – sondern im Sinne einer gleichberechtigten Überlebensgemeinschaft.
Der Ausstellungsort, Die Alte Kelter, soll selbst zum Habitat werden. Würde dies nicht eher einen künstlerischen Komplett-Rückbau verlangen? Oder umgekehrt: Ist das nicht illusorisch, einem Zeugnis gebauter Aufwändigkeit den Charakter eines temporären und gefährdeten Domizils zu geben?
Im Zeppelin Museum haben wir Erfahrungen gesammelt, wie eine immersive Ausstellung nachhaltig umgesetzt werden kann. „Into the Deep“ war die erste nachhaltige Ausstellung des Museums, die vom Fonds Zero der Kulturstiftung des Bundes gefördert wurde. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen. 2024 wurde das Zeppelin Museum außerdem im Rahmen des Projekts „Grünes Museum und klimagerechte Kultur: Umweltmanagement klimabezogener Risiken in Museen“, das von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördert wird, als „Best-Practice-Beispiel“ ausgezeichnet. Das Wissen aus unserer Museumsarbeit werde ich natürlich in die Triennale einbringen.
Auf welche Weise?
Meine Idee ist, regionale Materialien umzunutzen, sie für die Ausstellung zu leihen und sie anschließend in ihre ursprüngliche Nutzung zurückzugeben. In Friedrichshafen haben wir Wände aus Obstkisten gebaut und Diskursforen aus Paletten, die aus recyceltem Kunststoff hergestellt wurden. Diese etwas andere Ausstellungsarchitektur kam sehr positiv an. Wir konnten feststellen, dass sich die Besucher*innen auch wesentlich länger in der Ausstellung aufgehalten haben.
Wie viele Künstlerinnen und Künstler wollen Sie an Ihrem Projekt in Fellbach beteiligen?
Bislang gehen wir von rund 70 Künstler*innen aus.
Ihr berufliches und privates Leben ist mit Fellbach verbunden, die Triennale ist für Sie ein „Heimspiel“ – Sehen Sie darin auch eine Gefahr?
Ich verdanke dieser Stadt und ihrem ehemaligen Oberbürgermeister Friedrich-Wilhelm Kiel sehr viel. Er hat mir die erste berufliche Chance gegeben, als Leiterin der Städtischen Galerie und als stellvertretende Kulturamtsleiterin. Da hatte ich noch nicht einmal meine Dissertation zu Ende geschrieben. Daher fühle ich mich der Stadt bis heute verbunden. Also Gefahr: nein, überhaupt nicht. Die Triennale, die Friedrich-Wilhelm Kiel ins Leben gerufen hat, ist bis heute ein großartiges Projekt. Ich habe seit 1980 keine einzige Ausstellung verpasst. Daher freue ich mich sehr über diese Aufgabe.
Was sind Ihre ersten Schritte auf dem Weg zur Triennale? Und werden Sie die Öffentlichkeit daran beteiligen?
Wir entwickeln gerade das Konzept gemeinsam mit den Künstler*innen weiter. Alle, mit denen wir bisher gesprochen haben, waren begeistert und wollten neue Arbeiten entwickeln. Das ist natürlich großartig. Aber das Thema wird auch partizipativ umgesetzt. Keine Frage. Auch dazu werden wir mit Künstler*innen und unseren Projektpartner*innen in Fellbach Gespräche führen und Möglichkeiten diskutieren.
Claudia Emmert und die Triennale
Antritt in der Region
Claudia Emmert, 1965 in Stuttgart geboren, ist seit Oktober 2014 Direktorin des Zeppelin Museums Friedrichshafen. Ihr Studium der Kunstgeschichte, Germanistik und Romanistik an der Universität Stuttgart schloss sie mit einer Promotion über Kandinsky ab. Von 1994 bis 1999 war sie Leiterin der Galerie der Stadt Fellbach und stellvertretende Kulturamtsleiterin. Von 1999 bis 2009 leitete sie das bundesweit tätige DSVKunstkontor im Deutschen Sparkassenverlag in Stuttgart. Von 2009 bis 2014 war sie Gründungsdirektorin des Kunstpalais in Erlangen und Leiterin der Städtischen Sammlung Erlangen.
Über das Museum hinaus
Claudia Emmert ist Mitglied im Vorstand von ICOM Deutschland (deutsche Nationalkomitee des Internationalen Museumsrates) , im „Fachausschuss Bildung“ des Deutschen Kulturrates, im wissenschaftlichen Beirat des Lernorts Landshut der Bundeszentrale für politische Bildung und in der Ankaufkommission für die „Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland“.
Triennale Kleinplastik Fellbach
Die Triennale Kleinplastik Fellbach, 1980 gegründet, ist eine alle drei Jahre stattfindende Kunstausstellung für zeitgenössische Plastik in Fellbach. Spätestens die 3. Triennale, 1986 geleitet von Manfred Schneckenburger, etablierte die Schau als Forum internationaler Gegenwartskunst. Insbesondere Jean-Christophe Ammann als Kurator bestätigte 2004 mit der 9. Triennale diesen Kurs. Unter anderen verantworteten Ulrike Groos, Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart, Susanne Gaensheimer, seinerzeit Direktorin des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, und zuletzt Elke aus dem Moore, seinerzeit Direktorin der Akademie Schloss Solitude, das Projekt. Die 16. Triennale Kleinplastik Fellbach, geleitet von Claudia Emmert, findet vom 24. Mai bis zum 28. September 2025 in der Alten Kelter Fellbach statt.