Claus Peymann verabschiedet sich vom Berliner Ensemble Weh’ den Erwachenden!

Von Dirk Pilz 

Kniefall vor dem Ensemble: Claus Peymann verabschiedet sich mit Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ vom Berliner Ensemble

Er geht im Zorn: Claus Peymann, noch bis Sommer Intendant des Berliner Ensembles Foto: dpa
Er geht im Zorn: Claus Peymann, noch bis Sommer Intendant des Berliner Ensembles Foto: dpa

Stuttgart - Großes Theater am Schiffbauerdamm in Berlin. Claus Peymann sinkt auf die Knie. Erst vor seinem Hauptdarsteller Sabin Tambrea, danach vor dem gesamten Ensemble. Er schlägt die Hände vors Gesicht, winkt, verschwindet, kommt wieder – und Carman-Maja Antoni bringt ihm einen Lorbeerkranz. Ach.

Im fernen Sommer 1999 hat Peymann die Intendanz am Berliner Ensemble übernommen. Seine erste, für viele unvergessliche Berliner Inszenierung: Shakespeares „Richard II.“, ein so heiligernster wie hochkomischer Abend um Michael Maertens, in einer Käfigbühne von Achim Freyer. Was wurde gejubelt damals.

Jetzt hört er auf an seinem Berliner Ensemble, im Zorn auf die kulturpolitischen „Zwerge“ der Stadt und auf seinen Nachfolger Oliver Reese, der das Haus ab Herbst umkrempeln will. Zuvor aber zeigt Peymann nach den sagenumwobenen Inszenierungen „Käthchen von Heilbronn“ (Stuttgart, 1975) und „Die Hermannsschlacht“ (Bochum, 1982) den dritten Kleist seiner fünfzigjährigen Schaffenszeit. Als letzte große Geste. Er hat sich auf den Kniefall, das Winken und Weinen lange vorbereitet, die Symbolik ist deutlich: Hier geht einer, der sich vor seinen Schauspielern, dem kanonischen Text, seinem BE verneigt. Er will vermisst werden, und er wird vermisst werden, das Verklären und Vergessen der mitunter sensationell schlechten Peymann-Inszenierungen hat jetzt schon angefangen. Gejubelt wurde diesmal zwar nicht, aber freundlichst gehuldigt: Es geht hier eine Ära zu Ende.

Jahrelang hat sich Peymann mit dem Gedanken getragen, Kleists Schauspiel „Prinz Friedrich von Homburg“ zu stemmen, und er war klug beraten, die Finger von diesem Denk-Stück zu lassen. Es ist nicht gut für die Bühne geeignet, entgegen seinem gern nachgeplapperten Ruf eines Meisterwerks. Ein Drama aus papiernen Figuren, voller dramaturgischer Hänger. Peymann weicht deshalb entscheidend von der Vorlage ab: Hoch oben auf einem Lichtseil im dunklen Raum (wieder von Achim Freyer) balanciert am Ende der Prinz, aus den Boxen beschwingte Musik von Cat Stevens. „Ins Feld“, heißt es bei Kleist, „zur Schlacht!“. Der Prinz ist gerettet, das Kriegen geht weiter.

Der Prinz als taumelnder Traumtänzer

Aber Peymann macht einen dicken Strich durch den Text – und durch alle Siegesfantasien. Sein Prinz stürzt in den Selbstmord, und seine Geliebte Natalie tut es ihm gleich. Was für ein fatalistisches Finale.

Das hatte sich nicht angedeutet. Über weite Strecken drückt sich Peymann vor der heiklen Kriegsgeschichte um diesen Prinz, der zwar erfolgreich in der Schlacht, aber ungehorsam gegenüber seinem Befehlsgeber ist und deshalb dem Gesetz entsprechend zum Tode verurteilt wird. Der Konflikt zwischen Vaterlands- und Landesvatertreue? Bei Peymann ein bloßes Alptraumgespinst.

Entsprechend müht sich Sabin Tambrea, seinen Prinzen als einen taumelnden Traumtänzer herumtappen zu lassen. Nur nicht nach Held aussehen! Er geht gebeugt, er lässt jede Silbe nach unten weggleiten. Und er steckt mit seiner programmatischen Konturlosigkeit fast alle an, vor allem Natalie, die Antonia Bill als gefühlsbefangene Ach- und Oh-Ruferin hinstellt. Viel wird dazu mit Papier geraschelt, viel umständlich auf- und abgetreten. Carmen-Maja Antoni, Veit Schubert, Swetlana Schönfeld mischen einzelne scharfe Töne unter, aber sie bleiben allesamt müde, leere Krieger in schwarz-weißen Militäranzügen, die an ihr Kriegstreiben nicht mehr glauben. Auch ein deutliches Zeichen: Schon Kleist demontiert alles Preußengebimmel, Peymann treibt der Vorlage jeden Rest an Heldentum aus.

Überhaupt ist das beste an dieser Inszenierung, was sie nicht hat: keine Nazi-Mäntel, kaum Geschrei. Allerdings hat sie – böse Dialektik! – auch kaum griffige Figuren. Das ändert sich erst gegen Ende, und auf dieses Ende hat es Peymann abgesehen: Plötzlich stehen alle Szenen unter dem Sog einer sonderbaren Notwendigkeit – und kippen ins Tragische. Alles nur Traum? Was für ein böser allerdings: weh’ den Erwachenden.

Das soll auch ein Fingerzeig auf unsere Gegenwart sein – und ist zugleich Peymannsche Symbolpolitik in eigener Sache: Weh darüber, was nach ihm am BE kommen soll. Dabei hört er als Regisseur ja nicht auf. Für nächstes Jahr hat er bei Armin Petras in Stuttgart „King Lear“ angekündigt.

Aufführungen am 13., 24. und 26. Februar