Claus Wolf, der oberste Denkmalschützer im Land Hüter der Schätze

Claus Wolf im archäologischen Landesmuseum in Konstanz Foto: Uli Fricker

Der Archäologe Claus Wolf ist der oberste Denkmalschützer des Landes.In diesem Amt macht er sich nicht nur Freunde.

Für die Archäologie, so heißt es, benötigt man viel Fleiß, einen Haufen Mut und ein Gläschen Unvernunft. Das Fach, dessen Vertreter professionell das Unterste nach oben kehren, gilt als spannend – und vor allem als brotlos. Nur wenige Ausgräber kommen im staatlichen Dienst unter. Viele Archäologen wechseln schließlich die Fakultät. Den Ruf als Orchideenfach ohne Perspektive wischt ein Mann beiseite, der es wissen muss: „Private Grabungsfirmen suchen händeringend Personal“ sagt Claus Wolf. Er studierte Archäologie und verbrachte viele Wochen seines Lebens in trockenen Grabungsfeldern oder an den Ufern von Binnenseen, um den Pfahlbauten nachzuspüren.

 

Wolf sitzt im Museumscafé der Insel Reichenau, umgeben von Haufen von Büchern, die der Betreiber des Cafés wie kulturelles Rankwerk aufgeschichtet hat. Wolf ist leger gekleidet. Das unscheinbare Dienstauto hat er unter den herbstgelben Kastanien geparkt, die den Platz säumen. Wolf führt den imposanten Titel eines Präsidenten des Landesamts für Denkmalspflege. Der 65-Jährige ist von Amts wegen für das historische und kulturelle Erbe des Landes zuständig. Ein Hüter der verlorenen und gefundenen Schätze also.

Man könnte annehmen, Wolf und seine Familie residieren in einem gotischen Haus mit geschützten Wandmalereien. Stimmt nicht. „Wir leben in einer großen Wohnung aus den 30er Jahren“, sagt er. „Und die ist nicht denkmalgeschützt.“

Denkmalschutz ist unbequem und teuer

Wenn er sich in Esslingen, dem Sitz seiner Abteilung, ins Auto setzt und an Oberschwaben vorbei an den Bodensee fährt, dann nicht nur, um dort Kaffee zu trinken. Die Insel Reichenau feiert in diesem Jahr ihr 1300-Jahr-Jubiläum. Das Denkmalamt war an den Vorbereitungen federführend beteiligt. Wolf ist etwa einmal im Monat vor Ort. Spätestens mit der Beförderung der Gemüseinsel zum Weltkulturerbe im Jahr 2000 steht sie im Fokus. Damals fing die Arbeit erst an. Der schöne Titel ist das eine, die Aufbereitung das andere.

Denkmalschutz ist unbequem, teuer und hinderlich. Jeder Bauherr wird nervös, wenn seine bestellten Bagger auf „Bodenfunde“ stoßen. Bodenfund hört sich harmlos an, doch lauern unter der geduldigen Scholle die Jahrtausende, die an die Oberfläche drängen. Sobald die Baggerschaufel menschliche Artefakte berührt, muss der Architekt für Tage oder Wochen dem Archäologen den Vorrang gewähren. Die Schatz- und Scherbengräber rücken mit Minibaggern und Schäufelchen an, um die Altertümer im Boden zu sichern.

Das ist gut für das bisher verborgene Erbe – und schlecht für den Eigentümer, der eigentlich nur bauen will. Wolf kennt den Widerspruch. Seine Aufgabe ist es, dem Druck standzuhalten und buddeln zu lassen. Seit einer Gesetzänderung 2022 zählt Wolf etwa 250 bis 300 Grabungen pro Jahr. Meistens sind es private Firmen, die mit ihrem kleinen und großen Besteck gerufen werden und anrücken. Die Firmen suchen Personal – Archäologinnen und Grabungstechniker. So kommt ein Nischenberuf plötzlich in die Konjunktur.

Den Schutz von Denkmälern dürften die meisten Menschen gutheißen. Schwierig wird es nur, sobald es an die eigene Hütte geht und private Interessen berührt werden. Wolf nennt ein Beispiel: Der Bau von Gauben wird immer wieder eingesetzt, um ein Zimmerchen mehr zu gewinnen. Bei neuen Wohnhäusern ist das unbedenklich. Doch schon beim Haus mit Walmdach schreitet der Denkmalschutz ein. „Gauben sind immer ein Eingriff in eine alte Dachlandschaft“, sagt Wolf. In diesem Punkt ist nicht mit ihm zu spaßen.

Schutz von Kulturgütern geht vor Tourismus

Was im Privaten und Kleinen gilt, trifft für das große Ganze erst recht zu. Nachdenklich rührt Wolf in seinem Espresso-Tässchen, erzählt dann aus der Praxis. Seit einigen Jahren wird die Kirche St. Georg auf der Reichenau im Sommer geschlossen. Der wuchtige romanische Bau ist die erste Kirche, die Besucher der Insel sehen. Also nichts wie rein. Doch der Denkmalschutz drängte auf die Schließung – was die Gemeinde erstaunte und erboste. Die Argumente aus dem Amt waren klar, wenn auch unbequem: Die Wandmalereien aus dem Jahr 1000 seien extrem anfällig, wenn sie Feuchtigkeit ausgesetzt werden.

Genau das ist der Fall, wenn Radfahrer, die mal eben vorbeiflitzen, die Basilika betreten und für einige Minuten an den Wänden hochsehen, um dann wieder zu verschwinden. Touristen schwitzen, schwatzen, der Schweiß kriecht die Wände hoch und zehrt an der Substanz der mittelalterlichen Bilder. „Deshalb die Sperrung“, erklärt Wolf freundlich und doch bestimmt. Die Gemeinde habe sich mit der Vorgabe inzwischen angefreundet. Konservieren geht in diesem Fall vor dem schnellen Konsum von Kultur.

Manche Dinge werden ja auch dadurch interessant, dass man sie nicht sieht. Die Wandbilder, die sich mit den Wundern Jesu beschäftigen, sind jedenfalls einem überbordenden Interesse entzogen. Von „Overtourism“ spricht bisher keine Touristikerin, kein Hotelier am Bodensee. Sie setzen weiter auf unbegrenztes Wachstum. Nur Wolf und seine Leute warnen davor: Das Prinzip des „immer mehr“ schadet den kostbaren Gegenständen.

Baden-Württemberg ist mit Altem gesegnet –ob steinzeitliche Werkzeuge, Armreife der Kelten oder sehenswerte Häuser aus der Nachkriegszeit. „Stuttgart hat einen wichtigen Bestand an Bauten aus den 50er und 60er Jahren“, sagt Wolf. Auch hier wacht der Denkmalschutz. Als herausragende Altstädte im Land greift der Präsident Konstanz und Esslingen heraus – „beides wichtige Orte für Mittelalter-Archäologen.“ Mit ihren großen Münstern scheinen ihm Ulm und Freiburg wichtig. Die Burg Hohenzollern ahmt das gotische Mittelalter nach – und ist bedeutsam als Rekonstruktion einer Epoche zur höheren Ehre einer Dynastie. Zwei Abteien stehen auf Wolfs Top-Liste: Bronnbach in Mainfranken. Und das Kloster Maulbronn, in dem Hermann Hesse unglücklich lernte.

Er promovierte über die Menschen in den Pfahlhütten der Bronzezeit

Sein Herz schlägt freilich woanders. Als Student war er im Bereich zwischen Wasser und Land unterwegs. „Mit Feuchtarchäologie habe ich angefangen“, erzählt er. Nicht nur am Bodensee, auch am Federsee oder an Schweizer Binnengewässern besiedelten Menschen der Jungsteinzeit den Ufersaum. Lange vergessen, wurden die Reste der Pfahlbauten im vergangenen Jahrhundert nach und nach geborgen. In Unteruhldingen öffnete 1924 das erste Pfahlbaumuseum, dessen hölzerne Hütten auf Stelzen freilich nachgebaut sind. Die Einheimischen staunten. Was sie nicht ahnten: Die Aufbereitung einer Zivilisation, die fast 5000 Jahre zurückliegt, zog schnell Besucher an. Heute zählen die Pfahlbauten von Unteruhldingen zu den beliebtesten Zielen am Bodensee.

Über die Menschen in den Pfahlhütten und ihre verfeinerten Kulturtechniken promovierte Claus Wolf dann auch. Und doch bleibt selbst für Fachleute vieles im Dunkeln. „Wir wissen nicht einmal, wo sie ihre Toten bestatteten.“ Er vermutet, dass sie auf den See hinausgefahren wurden. Auffällig bei den Resten der Uferbauten ist auch, dass sie alle annähernd gleich groß sind. Sie erinnern an Reihenhäuser, was nach Einschätzung der Experten darauf hinweist, dass diese Gesellschaft keine auffälligen sozialen Unterschiede kannte. Auch hier fehlt es an einer plausiblen Erklärung, ebenso für die Größe und Bedeutung der Siedlungen.

Wie wurde oben und unten geregelt? Gab es Häuptlinge oder Sippenälteste, die exponiert residierten? Wenn Wolf über diese offenen Fragen räsoniert, wird deutlich: Am liebsten würde er seinen Schreibtisch in Esslingen mit einem provisorischen Unterstand am Rand eines Sees vertauschen. „Meine Tätigkeit hat nichts mehr mit dem zu tun, was ich einmal studiert und gelernt habe“, sagt er. Als Amtschef lässt er graben, er steht nicht mehr in der Grube oder im Schlick. Mittlerweile ist er Treuhänder des historischen Erbes. Und Lobbyist für die Altertümer der Regierung gegenüber.

Wolf setzt zu einer Lobrede an. Er spricht über den früheren Ministerpräsidenten Lothar Späth, der „ein Freund der Archäologie“ gewesen sei und und in dessen Amtszeit „sich der Denkmalschutz gewaltig entwickelt“ habe. Die Präsentation des Keltenfürsten von Hochdorf entwickelte sich damals zum leuchtenden Ereignis. Das war 1985. Selten hat ein Fund mehr Menschen für eine Ausstellung begeistert. Die Archäologie profitierte enorm davon. Der keltische Großkrieger brach auch für seine Ausgräber eine Lanze.

Sein Liebling ist der Löwenmensch

Ins Schwärmen gerät Claus Wolf über Funde, die zeitlich noch weiter zurückliegen. Sein Liebling ist der sogenannte Löwenmensch, dessen Bruchstücke 1939 auf der Schwäbischen Alb am Hohlenstein gefunden wurden. Erst nach dem Krieg wurde das Fabelwesen zusammengesetzt. Die Alb und ihre Höhlen sind das gebirgige Gegenstück zu den Pfahlbauten im Süden des Landes. Menschengestalten, Tiere sowie einfache Musikinstrumente aus dem Elfenbein eines Mammuts waren in den Höhlen gefunden worden. Dass die Funde in sechs verschiedenen Museen aufbewahrt werden, versteht er bis heute nicht. Der Ehrgeiz von einzelnen Gemeinden wie Blaubeuren oder Tübingen sei eben größer als der Wille, diese kleinen frühen Meisterwerke an einem einzigen Ort unter einem Dach zu zeigen. Die Politik, man ahnt es, fängt schon bei der Steinzeit an.

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