Climate Quitter aus Heiningen „Ich hatte das Gefühl, ich muss mich engagieren“

Viele Menschen wollen ihren Job wechseln, um sich fürs Klima einzusetzen. Foto: imago//Elisatim

Achim Hundsdörfer war fast zwei Jahrzehnte in seinem Job, hatte ein gutes Gehalt. Aber irgendwann wird ihm klar: Der Klimawandel wird immer offensichtlicher, und er macht in seinem Job nichts dagegen. Dann fängt er mit knapp 50 Jahren komplett neu an.

Psychologie/Partnerschaft: Florian Gann (fga)

Achim Hundsdörfer aus Heiningen im Kreis Göppingen hatte einen gut bezahlten Job als Projektmanager bei einem IT-Unternehmen in der Region Stuttgart. Er hätte dort einfach weitermachen können. Stattdessen machte er sich selbstständig und verkauft nun Photovoltaikanlagen und Stromspeicher, eine Aufgabe, die ihn mit Sinn erfüllt. Hier erzählt er, warum er das gemacht hat.

 

Herr Hundsdörfer, Sie sind ein sogenannter Climate Quitter, also jemand, der für das Klima seinen Job gekündigt hat. Das Thema bringt man normalerweise mit der Generation Z in Verbindung. Sie sind aber 52 Jahre alt. Sind Sie beeinflusst von der Fridays-for-Future-Generation?

Ich rede viel mit meinen Kindern über Klimathemen, die sagen schon immer, „hör mal auf“. Ich bin eher derjenige, der dieses Thema vorantreibt. Ich habe meine Kinder früher ermutigt, mal auf eine Fridays-for-Future-Demo zu gehen, aber bei ihnen waren eher Ängste da, wie sich das Schuleschwänzen auswirken könnte.

Wie kam es dann dazu, dass Klimaschutz und Nachhaltigkeit für Sie so wichtig wurden?

Ich würde sagen, die Entwicklung hat schon zwei, drei Jahre vor dem Jobwechsel eingesetzt. Die Medien spielten dabei eine Rolle, ich machte mir Gedanken über Klimawandel und Klimaschutz, erneuerbare Energien wurden immer präsenter. Ich habe mich privat in verschiedene Themen eingelesen, auch am Familientisch wurde über Nachhaltigkeitsthemen geredet, über unverpackt einkaufen zum Beispiel. Und ich hatte das Gefühl, ich muss mich noch mal engagieren in der Gesellschaft und meine Gedanken einbringen.

Achim Hundsdörfer bietet heute für Enerix Lösungen im Bereich der erneuerbaren Energien an. Foto: Enerix/Beate Knuth

Was hat den Ausschlag gegeben, dass Sie einen Neustart wagen?

Es gab in meinem alten Konzern 2020 eine Restrukturierung. Auch Angebote für eine Abfindung wurden unterbreitet, aber man hatte nicht viel Zeit zu überlegen, und es war mitten in Corona, also eine unsichere Zeit. Aber ich hatte den Gedanken: Ich will mit damals knapp 50 auch noch mal etwas anderes probieren. Das war die Chance, noch mal einen Reset zu machen und neue Dinge auszuprobieren. Ich hatte gemerkt, ich will nicht wieder in dieselbe Richtung gehen. Ich will etwas machen, wo ich etwas bewirken kann, wo ich einen Sinn schaffen kann. Das war die Hauptmotivation für mich.

Hätte Ihr alter Arbeitgeber etwas tun können, um Ihnen den Verbleib schmackhaft zu machen?

Der IT-Bereich könnte die Welt durchaus nachhaltiger machen, und es gab auch Dinge in diese Richtung, die umgesetzt wurden. Aber mein früherer Konzern hat sich nicht total nach diesen Themen ausgerichtet und ich habe damals auch nicht die Möglichkeit gesehen, in Sachen Nachhaltigkeit aktiv zu werden und mich einzubringen.

Was würden Sie Leuten raten, die in einer ähnlichen Situation sind wie Sie damals und in ihrem Job etwas fürs Klima bewirken wollen?

Ich würde zuerst raten, auf das eigene Bauchgefühl zu hören, dann anzufangen, Gleichgesinnte zu suchen und sich aus dem gewohnten Umfeld auch mal ein bisschen rauszuhalten. Vor allem, wenn man merkt, da gibt es Leute, die sind dagegen oder finden meine Klimathemen doof. Menschen, die ähnlich ticken, können dagegen Katalysatoren sein, die einen fördern den eigenen Weg zu gehen. Ich halte es auch für wichtig, sich aus der Komfortzone raus zu wagen und mal außerhalb seines Jobs zwei oder drei Wochen irgendwo in einem Bereich mitzuarbeiten, für den man sich interessiert. Ich habe schon Leute erlebt, die danach nicht mehr zurückgekehrt sind, weil sie ihren Weg gefunden haben.

Der Climate-Quitter

Unternehmer
Achim Hundsdörfer hat als Franchise-Unternehmer den Enerix-Ableger für die Region Fils-Neckar-Alb gegründet. Die Gründer von Enerix seien Überzeugungstäter, sagt Hundsdörfer, das habe auch ihn überzeugt. Zuvor hat er fast 20 Jahre für ein IT-Unternehmen in der Region Stuttgart gearbeitet.

Politiker
Neben dem beruflichen Neustart ist Hundsdörfer auch in die Politik gegangen. Seit 2019 sitzt er in Heiningen für die Grünen im Gemeinderat und ist Sprecher der Fraktion. (fga)

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