Co-Parenting in Stuttgart Zwei Männer, Mutter, Kind – wie klappt das?

Alwin und Markus (v. li.) sind ein Paar, Markus und Nicole sind die Eltern von Marie. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Markus und Nicole haben ein gemeinsames Kind, sind aber kein Liebespaar. Sie waren auch nie eines, sondern haben sich für eine Co-Elternschaft entschieden. Und dann gibt es auch noch Alwin.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Die kleine Wohnung in Stuttgart ist vollgestapelt mit Kartons. Die Küche werde gerade neu gemacht, sagt Markus (39), der mit Baby Marie (*Name geändert) auf dem Arm die Haustür öffnet. Vor Kurzem sind er und sein Partner Alwin (33) dort eingezogen. Seit sechs Jahren sind sie ein Paar. Vor achteinhalb Monaten sind Nicole (35) und Marie in ihr Leben getreten. Seitdem ist alles etwas turbulenter. „Ich bezeichne es als neuen Lebensabschnitt“, sagt Alwin dazu recht trocken.

 

Vater, Mutter und Kind mal anders

Die vier haben eine ungewöhnliche Familienkonstellation, auch deshalb wollen sie ihre ganzen Namen nicht nennen. Alwin und Markus sind ein Paar; Nicole und Markus sind die biologischen Eltern von Marie. Sie haben sich gemeinsam für Marie entschieden und ziehen sie zusammen groß, aber sie sind kein Liebespaar. Sie führen eine Co-Elternschaft, darunter versteht man eine moderne Form der Familiengründung, bei der sich Erwachsene bewusst zusammentun, um ein Kind zu bekommen und gemeinsam aufzuziehen, ohne dabei aber eine Partnerschaft einzugehen.

Viele homosexuelle, männliche Paare adoptieren ein Kind oder nehmen ein Pflegekind auf. Auch Letzteres hatte sich Markus immer wieder überlegt. „Aber dann hatte ich Alwin kennengelernt und wollte das nicht gleich thematisieren“, sagt Markus.

Irgendwann hat er in seinem Freundeskreis offen davon gesprochen, dass er sich eine Co-Elternschaft vorstellen könnte. Etwa zur selben Zeit, knapp vierhundert Kilometer entfernt in Köln, hat sich dies Nicole ebenfalls überlegt. Auch sie hat sich unbedingt ein Kind gewünscht. Nur: Es hat ihr der passende Partner gefehlt. Ein gemeinsamer Freund hat die beiden dann zusammengebracht.

Das Baby hat mehrere enge Bezugspersonen

Das erste Treffen zwischen Markus und Nicole fand in Stuttgart statt. Sie wollten sich erst in Ruhe kennenlernen, schauen, ob es überhaupt passt mit ihnen beiden als Eltern. Fast ein Jahr lang haben sie sich häufig getroffen, mit dem gemeinsamen Bekannten und dessen Kinder sind sie sogar zusammen in den Urlaub gefahren. Weil sie im Urlaub herausfinden wollten, ob sie dieselben Werte teilen, was Erziehung angeht. Irgendwann hat Nicole aufgehört, einen Partner zu suchen. „Weil ich dann wusste: Ich will ein Kind, und ich will es mit Markus“, erzählt sie. Sie findet ihre kleine Regenbogenfamilie heute „total cool“.

Seit achteinhalb Monaten ist Marie auf der Welt. Die Elternzeit teilen sich Markus und Nicole fast gleichwertig auf. Marie wächst mit ihrer Mutter in Köln auf in deren Wohngemeinschaft, Markus hat inzwischen ein Zimmer dort in der Wohnung und pendelt zwischen Stuttgart und Köln. Seitdem Marie auf der Welt ist,besitzt er eine Bahncard 100 für die vielen Zugreisen. „Marie fährt nicht gerne Auto“, sagt Markus und lacht. Meistens ist er eine Woche in Köln und dann eine in Stuttgart, um zu arbeiten. Den Sommer haben sie teils alle vier – mit Alwin – gemeinsam im Urlaub verbracht. „Bisher klappt alles sehr gut zwischen uns allen. Wir haben kaum Konflikte“, sagt Nicole.

Braucht ein Kind Eltern, die ein Liebespaar sind? „Ich glaube, nicht die Liebe der Eltern zueinander ist entscheidend, sondern der wertschätzende, liebevolle Umgang miteinander und mit dem Kind“, sagt Nicole. Bis jetzt ist die bürgerliche Kleinfamilie das von vielen nach wie vor idealisierte Modell, obwohl inzwischen jeder fünfte Deutsche alleinerziehend ist, es Patchwork-, Regenbogen- und Co-Elternfamilien gibt. Viele Studien zum Thema Co-Parenting gibt es aber bislang nicht.

In der Elternforschung weiß man inzwischen: Für Kinder ist entscheidend, dass sie zwei enge Bezugspersonen haben, die dieselben bleiben. Kommen mehr dazu, ist dies eher ein Gewinn. Marie wächst in einer Gemeinschaft auf, zwar sind ihre Eltern Markus und Nicole, aber auch Alwin und Nicoles Mitbewohnerinnen sind enge Bezugspersonen.

Manche sehen Co-Parenting skeptisch

Alternative Familienmodelle werden von vielen mit Skepsis betrachtet. Rechtlich gibt es in Deutschland bislang keine Grundlage für Mehreltern-Familien. Die Sozialwissenschaftlerin Christine Wimbauer von der Humboldt-Universität zu Berlin hat sich ausführlich mit verschiedenen alternativen Familienformen beschäftigt: „Kulturpessimistische Stimmen fürchten eine familiale Dystopie durch Co-Elternschaft“, schreibt sie in ihrer Untersuchung „Co-Parenting und die Zukunft der Liebe. Über post-romantische Elternschaft“. Diese Elternform stelle das auf romantischer Liebe beruhende Modell der bürgerlichen Normalfamilie, welches lange Jahrzehnte in Deutschland vorherrschte, infrage.

Genau dort, also an diesem Ideal, setze doch aber die zentrale feministische Kritik an: Ist die romantische Liebe nicht nur ein schönes, aber unerfüllbares Ideal und eine machtvolle Erfindung des Bürgertums seit dem 18. Jahrhundert? „Gerade für Frauen bedeutet romantische Liebe, institutionalisiert im Ernährermodell, oft wirtschaftliche Abhängigkeit und Ungleichheiten“, gibt Wimbauer zu Bedenken. Frage man nach Beweggründen für die Co-Parenting sei in erster Linie ein starker Kinderwunsch der Grund.

Bei Nicole trifft beides zu. Der starke Kinderwunsch und dass ihr Modell mehr Freiheit mit sich bringt. Sie und Markus seien auf Augenhöhe und träfen die Entscheidungen gleichberechtigt. Für die beiden ist manches einfacher, weil sie kein Paar sind und daher weniger Erwartungen aneinander haben. Das bringe tatsächlich im Alltag weniger Konfliktpotenzial mit sich, sagt Nicole. Die Erwartung, gemeinsam mal wieder einen romantischen Abend im Kino zu verbringen und sowohl als Paar wie auch als Eltern zu funktionieren, sei ja gar nicht erst da. „Wir sind dadurch viel freier und können uns gegenseitig Auszeiten zur Erholung ermöglichen“, sagt Nicole.

Sie finden ihr Verhältnis gleichberechtigter und freier

Auch Markus schätzt an ihrer Konstellation, dass sie als Eltern keine Partnerschaftsdinge klären müssen, es mache einiges einfacher. „Aber wir haben natürlich insgesamt ein komplexeres Setting.“ Er beobachte bei befreundeten Paaren immer wieder, dass sie sich zwischen Kindern, Beruf und Paarsein aufreiben. Einige seien auf Dauer sehr erschöpft, reiben sich gegenseitig auf, der Schlaf fehlt, die Kinder quengeln. „Da können wir uns ganz gut abwechseln“, sagt Markus.

In der gemeinsamen Elternzeit ist oft Markus bis spätnachts mit Marie aufgeblieben und hat in der Küche gesessen, wenn sie nicht schlafen wollte. Er ist eher der Nachtmensch, Nicole nicht so. Inzwischen wechseln sie sich ab. Nachts schläft Marie erst bei Nicole, auch weil sie noch stillt. In den frühen Morgenstunden bringt Nicole das Baby dann zu Markus, sodass sie selbst noch ein paar Stunden schlafen kann.

„Das Tolle an unserem Modell ist, dass es stabil bleibt“, sagt Markus. Eine Trennung könne es ja nicht geben, weil sie kein Paar seien und sie sich beide einig sind, dass sie eine aktive Rolle in Maries Leben spielen wollen – als Mutter und als Vater. „Und wenn man eine Geburt zusammen durchgemacht hat, kennt man sich sehr gut“, sagt Markus.

Bisher sind sie in ihrem Umfeld hauptsächlich auf positive Resonanz gestoßen. „Meinen Eltern habe ich es aber erst gesagt, als ich schon schwanger war“, sagt sie. Das habe zunächst etwas zu Irritationen geführt und der Frage „Äh – von wem?“. Inzwischen haben ihre Eltern die ungewöhnliche Familiensituation aber gut angenommen.

Wenn der Partner plötzlich noch eine Familie dazubekommt

Die größere Herausforderung ist die neue Situation eher für Alwin. Als er Markus vor sechs Jahren kennengelernt und sich in ihn verliebt hat, wusste er schnell: Markus will unbedingt Kinder, selbst verspürt er aber keinen Kinderwunsch. Er war und ist beruflich sehr eingespannt. Ihm sei aber klar gewesen, wenn Markus ein Kind möchte, dann unterstütze er diesen Wunsch. „Und dass wir dann irgendwann mehr sein werden.“

Jetzt lebt Markus teils in Köln bei Nicole und dem Baby, während Alwin in Stuttgart bleibt. Die Entfernung findet er nicht ganz optimal, aber Markus und er hätten davor schon eine recht freie Beziehung geführt. Er sei es gewohnt, für sich zu sein. Aber plötzlich sind da halt noch zwei Personen mehr in seinem Leben. „Das war schon eine Umstellung für mich“, sagt er. Als zweiter Vater von Marie sieht er sich bislang nicht, vielleicht eher wie ein Onkel. Aber: „Es ist sehr schön, dass die Kleine jetzt da ist“, sagt Alwin.

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