Co-Parenting-Portal „Familyship“ Ungewöhnliche Familien in Stuttgart besonders gefragt

Christine Wagner ist Ärztin und lebt in Berlin. Sie hat „Familyship“ gegründet, um für sich selbst ein Problem zu lösen. Foto: Familyship

Auf „Familyship“ bilden sich unkonventionelle Familien – zum Beispiel zwei Lesben mit einem Mann oder zwei Pärchen zu viert. Gründerin Christine Wagner sagt im Interview, warum sich derzeit viele Männer Mitte 40 anmelden – und weshalb Stuttgart so stark vertreten ist.

Stuttgart - Der Nutzer „Lichtspiel“ aus Stuttgart will die Vater-Rolle übernehmen. Weitere Details hat er noch nicht gepostet. Alfred und Stefano aus München sind seit sieben Jahren ein Paar. Sie suchen eine „Mutter mit Tantenfunktion“. „Loraine3520“ aus Berlin möchte ihren Kinderwunsch erfüllen, aber ihr Partner kann keine Kinder bekommen.

 

All diese Menschen haben sich bei „Familyship“ angemeldet. Auf dem Online-Portal finden sich Nutzer in unterschiedlichen Konstellationen zusammen, um gemeinsam eine Familie zu gründen. „Ob Co-Elternschaft, Regenbogenfamilie, Mehrelternschaft oder alleinerziehend: gründe die Familie, die zu dir passt!“, wirbt das Portal auf seiner Startseite. Die Ärztin Christine Wagner hat das Portal vor einigen Jahren gemeinsam mit ihrer damaligen Partnerin gegründet. Was sich seitdem verändert hat und warum es auf „Familyship“ viele Stuttgarter gibt, erklärt Wagner im Interview.

Frau Wagner, warum haben Sie „Familyship“ gegründet?

Die Idee entstand als Hilfe zur Selbsthilfe. 2011 war ich in einer Partnerschaft mit einer Frau. Wir wollten ein Kind und wir suchten nach einem aktiven Vater, der auch sozial als Papa in Erscheinung tritt. Einen reinen Samenspender wollten wir nicht. Wir haben uns im Netz umgesehen, weil wir dachten, im Internet gibt’s doch eigentlich alles. Aber ein Portal wie „Familyship“ gab es tatsächlich noch nicht. Anfangs sind wir davon ausgegangen, dass wir ein Angebot für Schwule und Lesben machen. Dann haben wir uns gewundert, dass sich immer mehr Hetero-Frauen angemeldet haben. Meist waren es Single-Frauen, die nach einem Mann zur Familiengründung suchten, mit dem sie aber keine Liebesbeziehung wollen.

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Sind seitdem neue Nutzergruppen hinzu gekommen?

Ja, es wird immer diverser. In letzter Zeit melden sich zum Beispiel häufiger Hetero-Männer Anfang oder Mitte 40. Oft haben deren Frauen schon Kinder aus einer früheren Beziehung und wollen keine weiteren Kinder, sie selbst aber schon. Ich habe den Eindruck, dass Männer im Schnitt stärker als früher wirklich als Väter involviert sein wollen. Im Gegenzug gibt es auf unserem Portal zunehmend Frauen, die den Vater früh in die Beziehung zum Kind einbinden – die zum Beispiel auch bei einem Säugling schon ganz früh sagen: Jetzt bist du dran, ich nehme mich zurück und arbeite heute Nachmittag. Generell wird es immer bunter bei uns. Viele melden sich an, ohne bereits eine konkrete Vorstellung zu haben, wie genau ihre Familie aussehen soll. Diese Nutzer merken nur, dass sie mit ihrem Kinderwunsch gerade nicht weiterkommen und wollen sich einfach erst einmal orientieren, was möglich ist.

Was kommt am häufigsten vor?

Die typischste Konstellation sind Single-Frauen Mitte oder Ende 30, die gemeinsam mit einem schwulen Paar eine Familie gründen. Oder zwei lesbische Frauen, die einen Vater „mit Onkelfunktion“ suchen. Es gibt aber auch Viererkonstellationen, zum Beispiel zwei schwule Männer und zwei lesbische Frauen, die teilweise auch mehrere Kinder zusammen haben.  

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Welche regionalen Unterschiede gibt es?

Generell gibt es mehr Nutzer aus dem Südwesten als aus dem Nordosten Deutschlands. Stuttgart ist extrem stark vertreten. Die schwul-lesbische Vereinigung in der Stadt ist recht aktiv, aber es gibt auch viele Hetero-Frauen aus Stuttgart auf „Familyship“. So richtig habe ich dafür keine Erklärung. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass es in Stuttgart viele gut bezahlte Jobs gibt. Ich denke, es gibt eine Korrelation zwischen einem hohen Gehalt und der Offenheit für alternative Familienmodelle.

Sind Familienmodelle, die von der Norm abweichen, für Kinder schwieriger?

Aus meiner Sicht ist das Wichtigste für Kinder eine gute Beziehung zwischen den Erwachsenen. Warum sollte es in einer Ehe automatisch harmonischer zugehen als in unkonventionellen Konstellationen? Die Kinder von „Familyship“-Nutzern haben ja auch feste Bezugspersonen, nur wohnen die Erwachsenen vielleicht nicht alle zusammen. Dass es gut klappen kann, zeigt auch meine eigene Geschichte. Meine Ex-Freundin und ich haben zusammen mit einem Mann eine Familie gegründet. Räumlich lebe ich mit dem Vater meiner Tochter zusammen. Sie hat aber auch noch Kontakt zu meiner Ex-Freundin. Wenn meine Tochter ihre Großeltern sieht, wünscht sie sich jetzt interessanterweise auch manchmal einen reinen „Opa-Tag“ oder einen „Oma-Tag“, weil sie das von mir und ihrem Vater so kennt. Am Ende kann natürlich alles scheitern und es gibt kein Patentrezept. Aber vielleicht geht Co-Parenting im Schnitt weniger schnell in die Brüche, weil man sich nicht ganz so nah ist und nicht so viele Erwartungen da sind wie in einer Liebesbeziehung. Die Verbindung ist eher freundschaftlich.

 Das Bundesjustizministerium will das Abstammungsrecht reformieren. Das geltende Recht werde der heutigen Gesellschaft nicht mehr gerecht. Der Grundsatz, dass ein Kind juristisch gesehen nur zwei Eltern haben kann, soll aber bleiben. Wie beurteilen Sie das?

Aus meiner Sicht macht das Zwei-Eltern-Prinzip heutzutage keinen Sinn mehr. Natürlich muss man ausschließen, dass ein Kind als Erwachsener zum Beispiel für drei oder vier alte Menschen finanziell aufkommen muss. Aber das ließe sich ja auch auf anderem Wege vermeiden. Am sinnvollsten fände ich es, wenn bei jeder Familiengründung individuell eine Erklärung abgegeben wird, wer welche Rechte und Pflichten haben soll. Das wäre dann eine Art Familienvertrag und der könnte ja auch notariell beglaubigt werden. Aber ein striktes Festhalten am Zwei-Eltern-Prinzip bildet die gesellschaftliche Realität aus meiner Sicht nicht ab.

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