Herr Hinkel, bevor wir auf die belgische Nationalmannschaft und die EM zu sprechen kommen, lassen Sie uns kurz über den VfB Stuttgart reden. Vermutlich ist Ihnen da zuletzt einiges bekannt vorgekommen.
Absolut, ich erkenne eine Parallelität zu meiner Anfangszeit in der Bundesliga-Mannschaft des VfB.
Inwiefern?
Die damalige VfB-Mannschaft wäre in der Saison 2000/2001 beinahe aus der Bundesliga abgestiegen. So, wie es auch in den vergangenen beiden Jahren der Fall war. Aber dann ging es zügig nach oben.
Der VfB der Saison 2023/2024 stürmte von der Relegation zur Vizemeisterschaft und in die Champions League.
Ganz so schnell ging es bei uns nicht. Aber nach einem stabilen Zwischenjahr landeten wir in der Saison 2002/2003 ebenfalls auf Platz zwei und spielten anschließend in der Königsklasse. Die Doppelbelastung haben wir dann eigentlich ganz gut gemeistert und in der Gruppenphase unter anderem gegen Manchester United gewonnen.
In der Bundesliga konnte sich der Club in der oberen Hälfte halten, wurde 2004 Vierter, 2005 Fünfter, 2007 folgte die Meisterschaft. Welche Perspektiven sehen Sie nun?
Zunächst einmal haben sie es in dieser Saison überragend gemacht. Das gilt allen voran natürlich für Sebastian Hoeneß, den Trainer. Ich habe mit ihm zusammen einst den deutschen Meistertitel mit den B-Junioren des VfB gewonnen. Und ich habe schon seine Arbeit als Coach in Hoffenheim als sehr gut empfunden. Ihn zu holen, war eine Tope ntscheidung.
Warum der VfB ein „Gigant“ ist
Er hat seinen Vertrag wie einige Stammspieler verlängert ...
... und nun wird es darauf ankommen, dass man weitere gute Entscheidungen trifft. Ich wünsche mir, dass sich da jetzt auch langfristig etwas entwickelt. Das Potenzial, diesen Ausschlag nach oben zu nutzen, hat der Club. Der VfB ist ein Gigant.
Das sagte man in den vergangenen Jahren so ähnlich auch über die vermeintlich Goldene Generation in der belgischen Nationalmannschaft.
Entsprechend hoch sind zum Teil jetzt vor der EM auch die Erwartungen im Land. Allerdings gilt ja auch: Belgien hat noch nie einen großen Fußball-Titel gewonnen, weshalb die Erwartungen dann eben doch nicht ganz so groß sind wie in anderen großen Nationen wie Frankreich, Italien und auch Deutschland. Und: Unsere belgische Mannschaft befindet sich auch ein Stück weit im Umbruch, da nicht mehr alle Spieler der angesprochenen Generation noch aktiv sind.
Wie also gehen Sie im Trainerteam mit Domenico Tedesco in die EM?
Vor allem mit einer sehr großen Vorfreude. Ich durfte 2004 ja schon erfahren, wie es ist, bei einer EM für ein Nationalteam aktiv dabei zu sein. Das ist schon etwas ganz Spezielles.
Spüren Sie als Teil des Trainerteams auch eine noch größere Verantwortung – nicht nur für einen Verein, eine Stadt, eine Region. Sondern für ein ganzes Fußball-Land?
Natürlich realisieren wir, wie wichtig die Nationalmannschaft für ganz Belgien ist. Der Besuch des Königs im Trainingslager tut da sein Übriges.
Wie haben Sie und Domenico Tedesco nach Jahren als Trainerduo in Vereinen denn im vergangenen Jahr reingefunden in die Arbeit als Nationalcoaches?
Es waren unterschiedliche Phasen, die wir durchlaufen haben. Zunächst ging es darum, dass wir uns ein umfassendes Bild machen. Dazu gehörte es, sehr viele Spieler und Spiele zu beobachten sowie Gespräche mit den Führungsspielern zu führen. Dann begannen die ersten Trainingscamps, in denen wir in Summe fast 50 Spieler dabei hatten und diese im Trainingsbetrieb kennenlernen konnten. Nach diesen Camps haben wir dann unsere Strukturen und Abläufe jeweils nachjustiert und nach und nach die Vereine unserer Nationalspieler besucht.
Immer zu zweit?
Nein, das haben Domenico und ich uns oft aufgeteilt. Ich war, zum Beispiel, beim FC Sevilla, für den ich einst selbst gespielt habe. Dort spielt unser Stürmer Dodi Lukebakio. Ich war auch in Bremen und in Eindhoven, wo ein früherer Mitspieler aus meiner Zeit bei Celtic Glasgow tätig ist. Domenico war dagegen viel bei den italienischen Vereinen unserer Spieler unterwegs.
Die Arbeitsteilung im belgischen Trainerteam
Wie teilen Sie beide sich ansonsten die Arbeit?
Domenico ist ganz klar der Frontmann, er trifft am Ende die Entscheidungen – die wir davor allerdings immer im Detail gemeinsam besprechen. Entsprechend unserer Philosophie, die wir im Lauf unserer gemeinsamen Stationen in den vergangenen Jahren entwickelt haben. Ansonsten ist jeder im Trainerteam federführend für einen bestimmten Bereich zuständig, bei mir ist das die Trainingsarbeit auf dem Platz.
Nun kommen Sie mit dem belgischen Nationalteam zur EM ausgerechnet in die Region Stuttgart, wo Sie beide leben und Ihre Wurzeln haben.
(Lacht) Ja, das ist eigentlich Wahnsinn. Eine EM mit diesen starken Spielern ausgerechnet in Deutschland spielen zu dürfen, dann auch noch mit einem Gruppenspiel vor der eigenen Haustür – da mache ich keinen Hehl draus: Das ist etwas ganz Besonderes.
Zumal es ja noch besser kommt: Das Teamquartier liegt in Ludwigsburg ...
... wo Domenico einst geheiratet hat. (Lacht)
Und Sie trainieren auf dem Gelände in Freiberg ...
... wo ich erst kürzlich gewesen bin, weil meine Kinder dort mit ihrer Jugendmannschaft gegen den SGV gespielt haben. Wie gesagt: Das ist schon speziell – und war so natürlich niemals vorhersehbar. Auch, wenn wir in den kommenden Wochen voll im Arbeitsmodus sein werden, müssen wir auch versuchen, das zu genießen.
Haben Sie sich denn für Ludwigsburg als Basislager starkgemacht?
Nein, das hat vor allem der Verband forciert. Wir hatten uns zwar überlegt, nach Süddeutschland zu gehen, ins Allgäu, in den Schwarzwald oder an den Bodensee. Stuttgart oder Ludwigsburg waren zu Beginn nicht Teil der Planungen. Nach der Auslosung war Ludwigsburg aber absolut sinnvoll.
Andreas Hinkel
Spieler
Der spätere Rechtsverteidiger wurde 1982 in Backnang geboren, mit dem Fußballspielen begann er beim TSV Leutenbach. 1992 wechselte er in die Nachwuchsabteilung des VfB Stuttgart. 1999 feierte er mit dem Club die deutsche Meisterschaft der B-Junioren, anschließend reifte er vollends zum Profi. Bis 2006 spielte er für den VfB, dann setzte er seine Karriere beim FC Sevilla, bei Celtic Glasgow und beim SC Freiburg fort.
Trainer
2013 startete der frühere Nationalspieler (21 Länderspiele, EM-Teilnahme 2004) seine Trainerkarriere in der VfB-Jugend. Seit Jahren bildet er ein Trainerteam mit Domenico Tedesco, dem er nicht nur beim VfB, sondern auch bei Spartak Moskau und bei RB Leipzig assistierte. Seit März 2023 ist das Duo für die belgische Nationalmannschaft tätig.