Seit kurzer Zeit sind Stadionbesuche wieder ohne Auflagen möglich. Viele Fans treibt aber die Frage nach dem Corona-Infektionsrisiko um. Wir haben mit dem CO2-Sensor nachgemessen.

Wie hoch ist das Risiko einer Corona-Infektion beim Stadionbesuch? Das fragen sich viele Fußballfans. Schließlich fanden seit Beginn der Pandemie viele Partien als Geisterspiele statt. Mit dem Ende der meisten Coronamaßnahmen Anfang April dürfen auch die Stadien wieder voll ausgelastet werden.

Sind die Tribünen ein Infektions-Hotspot? Das haben wir beispielhaft am Spiel des VfB Stuttgart gegen Borussia Dortmund vergangenen Freitag untersucht – mithilfe eines CO2-Messgeräts, das uns der Holzgerlinger Aktivist Guido Burger zur Verfügung gestellt hat. Er hat auch einen Bausatz für CO2-Ampeln entwickelt, der sehr oft und vor allem an Schulen nachgebaut wurde.

Die CO2-Konzentration in der Luft zu messen, gibt Hinweise auf das Infektionsrisiko an verschiedenen Orten. Sie ist ein Hinweis auf den Anteil der ausgeatmeten Luft und deshalb ein sogenannter Surrogat-Indikator für die Aerosol- und damit möglicherweise auch die Virenkonzentration im Raum. Steigt der Wert, steigt auch die Infektionsgefahr – jedenfalls, wenn mindestens eine ansteckende Person im Raum ist.

Messungen nicht nur im Stadion

Seit dem Ende der Maskenpflicht in vielen Räumen ist der Zusammenhang von CO2-Konzentration und Infektionsrisiko deutlich stärker. Vielen Menschen ist aber unklar, wie hoch das Infektionsrisiko bei Alltagssituationen in der Öffentlichkeit tatsächlich ist. Unsere Messung am Heimspieltag gegen Dortmund soll schließlich einen typischen Stadionbesuch umfassen – inklusive anschließendem Kneipenbesuch.

Los geht es an der S-Bahn-Station Schwabstraße, der CO2-Sensor hängt an einer Schnur um den Hals. Oben an der frischen Luft beträgt die CO2-Konzentration 400 Teilchen pro Million (ppm). In der Haltestelle liegt sie bei 700 – für einen Innenraum ein guter Wert: In den vielen Klassenzimmern, in denen seit der Pandemie ebenfalls solche Messungen durchgeführt werden, würde die CO2-Ampel bei dieser Konzentration noch nicht rot leuchten. Das wird bei 800-1000 ppm empfohlen. Bei 1500 ppm können sich Kinder nachweislich schlechter konzentrieren, jenseits von 2000 ppm ist die Luftqualität laut Umweltbundesamt bedenklich. 

Erhöhte Werte in der S-Bahn

Kurz nach Beginn der Messungen stellt sich eine größere Gruppe von Fans neben uns. Sie tragen keine Maske und sind auch sehr gesprächig – die CO2-Konzentration steigt auf über 900. Als sich die Gruppe wenig später entfernt, geht der Wert auf 700 zurück. Mit der Zeit füllt sich die Haltestelle mit Fans, der Pegel steigt langsam auf etwa 800 an. Dann steigen wir ein.

In der S-Bahn erhöht sich die Kohlendioxidkonzentration schnell auf 1200 ppm. Wäre dies ein Klassenzimmer, müsste bereits dringend gelüftet werden. Die Öffnung der Türen an den Haltestellen Feuersee und Stadtmitte bewirkt zwar, dass ein weiterer Anstieg ausbleibt – maßgeblich senken kann sie den CO2-Pegel aber nicht. Am Hauptbahnhof steigen dann noch einmal mehr Fans zu, viele von ihnen sind auch aus Dortmund angereist.

Der Zug ist jetzt ziemlich voll, man sieht das auch an den CO2-Werten. Sie steigen über 1800, in der Schule könnte man sich jetzt nicht mehr gut konzentrieren. Auch das Ansteckungsrisiko dürfte hier erhöht sein, weil Masken nicht alle Aerosole aus der Atemluft herausfiltern. Ein längerer Halt in Bad Cannstatt sorgt für offene Türen und Frischluft – die CO2-Konzentration fallt auf 1300. Beim Ausstieg am Neckarpark beträgt sie 1540.

CO2-Werte im Stadion sind besser

Auf dem Weg zum Stadion bleibt das Messgerät aus – es regnet in Strömen. Am Platz im Stadion bleiben die Werte zwischen 600 und 800 ppm. Wer am Platz sitzt, genießt also zumindest unter Infektionsaspekten eine durchaus gute Luftqualität. Spitzen ergeben sich immer dann, wenn man wie beim Verlassen der Tribüne unter Menschen ist. Ebenfalls auffällig ist die höchste Spitze in unserem Diagramm, um 21:35. Hier lag aber kein erhöhtes Corona-Risiko vor: Ein Mann in der Reihe vor uns hatte sich (verbotenerweise) eine Zigarette angezündet und unseren Sensor unabsichtlich mit Rauch verwirrt.

Die Werte in der Mercedes-Benz-Arena sind besser als in den meisten Klassenzimmern. Waren die coronabedingten Geisterspiele also unnötig? „Wir haben immer betont und auch gezeigt, dass die Stadien der Bundesliga keine Corona-Hotspots sind“, sagt der VfB-Vorstandsvorsitzende Alexander Wehrle nach dem Blick auf die Messungen. Zumindest die zweite Phase mit Geisterspielen sei „nach den Kriterien des Infektionsschutzes unnötig und hat den Clubs großen Schaden zugefügt.“. Hygienekonzepte könnten „sichere Stadionerlebnisse garantieren.“

Im Stadion selbst sind dem Test zufolge Ansteckungen also unwahrscheinlich – möglicherweise ist das aber bei der An- und Abreise oder dem anschließenden Besuch in der Kneipe anders.

Schlechte Luft in Bahn und Kneipe

Die S-Bahn Richtung Stadtmitte ist extrem voll. Die CO2-Konzentration steigt rasch an auf mehr als 2500. Auf diesem Niveau bleibt der Wert, von einem kurzen Halt am Hauptbahnhof abgesehen. Die S-Bahn als Coronahotspot?

„Alle Fahrzeuge der S-Bahn Stuttgart haben Klimaanlagen, die mit Frischluft arbeiten. Es kommt also immer Außenluft in die Züge“, sagt ein Sprecher der Bahn auf Anfrage und verweist auf das Lüftungskonzept: an jeder Haltestelle gehen alle Türen auf. Dass das etwas nützt, zeigt der kurzzeitige Rückgang der Werte gegen 22:57 beim Halt im Hauptbahnhof. Insgesamt sind die Werte dennoch sehr hoch, jedenfalls in der überfüllten Bahn nach dem VfB-Spiel.

Noch höher sind sie allerdings in der Kneipe, die wir zum Abschluss des Abends besuchen. Zu feiern gibt es wegen der 0:2-Niederlage nichts, aber das Spiel wird auch in der von uns besuchten Nichtraucherkneipe in Stuttgart-Mitte ausgiebig besprochen.

Der erste Eindruck einer verhältnismäßig guten Luft wird von den Messungen nicht gedeckt. Während des gesamten Aufenthalts liegt die CO2-Konzentration zwischen 2000 und 3400 ppm. Das liegt nicht mehr weit unter den 4000 ppm, für die das Umweltbundesamt vor Kopfschmerzen und eingeschränktem Gehörsinn warnt. Auch das Infektionsrisiko dürfte hier enorm sein, schließlich trägt niemand mehr eine Maske.

Der Wirt hat auf unsere Anfrage nicht reagiert. Gelüftet wurde während unseres Besuchs so gut wie nicht. Genau das wäre aber ein Mittel, um die CO2-Konzentration und damit das Ansteckungsrisiko zu senken – nach VfB-Spielen, aber auch an jedem anderen Abend.

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