Nach der Übergabe der Amtskette: Neu-OB Tobias Degode (li.), Vorgänger Martin Georg Cohn. Foto: Simon Granvillle
Geschichten des Jahres: Nach turbulenten Jahren unter Cohn schafft Tobias Degode direkt den Einzug ins Rathaus. Eine zentrale Frage bleibt: Was wird aus Josefa von Hohenzollern?
Es ist kurz nach halb acht am Abend des 28. November, der Freitag vor dem ersten Advent. Martin Georg Cohn hängt Tobias Degode eine schwere Kette um, das ein wenig nostalgisch anmutende Signum für Amt und Würden eines Oberbürgermeisters. Dieses Amt hatte Cohn acht Jahre inne, nun gibt es der 59-Jährige an den mehr als 20 Jahre Jüngeren ab. Der symbolische Akt ist der Schlusspunkt einer mehr als turbulent verlaufenen Amtszeit, in der am Ende mehr das Trennende als das Verbindende dominiert hatte.
Der Tiefpunkt dieser „Eiszeit im Rathaus“, wie unsere Zeitung seinerzeit geschrieben hatte, liegt tatsächlich schon mehr als ein Jahr zurück. Der OB und seine von ihm mit einem Dienstverbot belegte Stellvertreterin Josefa von Hohenzollern liegen im Rechtsstreit miteinander, im Gemeinderat ist das Klima äußerst angespannt. In dieser Phase verkündet Cohn im September 2024 das, womit die Wenigsten gerechnet hatten: seinen Verzicht auf eine weitere Amtszeit.
Debatte um Cohn-Nachfolge startet sofort
Nach einer Mischung aus Anerkennung und Erleichterung über diesen Schritt setzt sehr schnell die Diskussion über die Nachfolge ein. Josefa von Hohenzollern lässt durchblicken, einer Kandidatur nicht abgeneigt zu sein. Die Erste Bürgermeisterin befindet sich seit mehr als zwei Jahren im Zwangsurlaub. Sie bekommt zwar ihre vollen Bezüge, doch das verordnete Nichtstun ist nichts für die machtbewusste Kommunalpolitikerin.
Der Leonberger Gemeinderat, der mit dem Begriff „heterogen“ noch freundlich beschrieben ist, will unter dem Eindruck der vergangenen konfliktreichen Jahre zunächst gemeinsame Sache bei der Suche nach einer geeigneten Nachfolge machen. Doch wird klar, dass dies ein aussichtsloses Unterfangen ist. Stattdessen führen CDU und Freie Wähler, die beiden Mehrheitsfraktionen im Rat, zusammen Sondierungsgespräche mit Aspiranten. Und auch Josefa von Hohenzollern kokettiert immer wieder mit der Möglichkeit einer Kandidatur.
Geschafft: Tobias Degode betritt am Wahlabend das Rathaus. Foto: Simon Granville
Im kommunalpolitischen Alltag passiert derweil nicht mehr viel. Das große Entwicklungsprojekt in der Innenstadt, das Postareal, kommt nicht voran. Und auch Cohns Vision einer „Stadt für morgen“, geprägt von einem Zentrum mit viel Grün und wenig Autos, bleibt bei Worten. Es zeichnet sich schnell ab, dass bis zur OB-Wahl, die auf den 28. September terminiert ist, kaum noch etwas laufen wird.
Bei den Feiern rund um den 1. Mai taucht in den politischen Runden erstmals ein Name auf: Tobias Degode aus Düsseldorf. Tatsächlich sind Oliver Zander und Stephan Schwarz, die Chefs von CDU und Freien Wählern, auf einen jungen Finanzexperten gestoßen, der sich in Fachforen für höhere Aufgaben empfohlen hatte. Zu diesem Zeitpunkt leitet der 38-Jährige die Verwaltungsabteilung im Kulturamt der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt: eine große Behörde mit einem 100-Millionen-Euro-Etat.
Ihr Ergebnis blieb unter den Erwartungen: Josefa von Hohenzollern. Foto: Simon Granville
Zwischenzeitlich hat auch von Hohenzollern Nägel mit Köpfen gemacht und ihre Kandidatur erklärt. Während aber die frühere Josefa Schmid weitgehend auf sich allein gestellt ist, kann Degode insbesondere in der heißen Wahlkampfphase nach den Sommerferien mit massiver personeller Unterstützung aus den Reihen von CDU und Freien Wählern rechnen. Und eine weitere ernsthafte Konkurrentin steigt in den Wahlkampf ein: Marion Beck, Kulturamtsleiterin in Herrenberg, wird von den Grünen und der SALZ-Fraktion aufs Schild gehoben. Als Weil der Städterin spielt sie in den Folgewochen vor allem die lokale Karte.
Die ersten Schlagzeilen gehören allerdings Josefa von Hohenzollern, wenn auch aus einem tragischen Grund: Ihr Ehemann, den sie nicht einmal ein Jahr zuvor geheiratet hatte, stirbt völlig überraschend. Im Alter von nur 63 Jahren bricht Harald von Hohenzollern, ein Schmuckhändler, in Namibia bei einem Herzanfall einfach zusammen. Seine hochschwangere Witwe sagt alle Termine ab und nimmt sich eine Auszeit.
Kaum ein Regisseur hätte solch eine Dramaturgie ersinnen können: Auch weil dies der Wille ihres Mannes gewesen sei, kehrt Josefa von Hohenzollern in die Wahlarena zurück. Und bringt kurz danach ihren Sohn Leopold zur Welt: demonstrativ im Leonberger Krankenhaus, dessen Gynäkologie auf der Schließungsliste des Klinikverbundes steht.
Es gibt noch andere Kandidaten. Doch dass der Kampf um den Chefsessel im Leonberger Rathaus zwischen Marion Beck, Tobias Degode und Josefa von Hohenzollern entschieden wird, zeichnet sich sehr schnell ab. Bei einem Talk unserer Zeitung und der offiziellen Kandidaten-Präsentation der Stadt ist die Stadthalle jeweils brechend voll. Die Bewerber gehen fair miteinander um. Eine Stichwahl wird allgemein erwartet.
Gleich an seinem zweiten Arbeitstag ist Tobias Degode als Helfer des Weihnachtsmannes im Einsatz. Foto: Simon Granville
Doch am Wahlabend kommt es anders. Tobias Degode knackt die 50-Prozent-Marke und wird im ersten Anlauf gewählt. Marion Beck kommt auf 32,4 Prozent. Dass Josefa vom Hohenzollern lediglich elf Prozent holt, hatte kaum jemand erwartet, sie selbst wohl am wenigsten. Auffällig war während des Wahlkampfes allerdings, dass sie sich etliche kritische Fragen anhören musste, wie sie ihre Mutterschaft und die Belastungen des Amtes in Einklang bringen wolle.
Und jetzt? Die ersten Auftritte des jungen Oberbürgermeisters sind überzeugend, vom Verwaltungspersonal wird er mit offenen Armen aufgenommen. Selbst der Gemeinderat gibt sich alle Mühe, dem neuen Rathauschef einen guten Start zu bereiten. Kurz vor Weihnachten beschließen sie den Haushalt nahezu einmütig und ohne kritische Aussprache.
Bliebe noch der Blick auf die Erste Bürgermeisterin. Josefa von Hohenzollern hatte kurz nach der Wahl sogleich erklärt, den künftigen OB bei dem von ihm versprochenen Neustart tatkräftig unterstützen zu wollen. Das setzt voraus, dass der neue Chef ihren Zwangsurlaub beendet. Die von Cohn kaltgestellte Rathausvize, so sagt sie, will lieber heute als morgen wieder arbeiten.
Wie geht es mit Josefa von Hohenzollern weiter?
Tobias Degode schließt das nicht aus, will aber zunächst abwarten, wie das Regierungspräsidium als kommunale Aufsichtsbehörde abschließend den Gesamtfall bewertet. Seine Zurückhaltung hat wohl auch mit dem politischen Druck zu tun, der von CDU und SPD aufgebaut wird. Beide sprechen sich gegen eine Wiedereinsetzung von Josefa von Hohenzollern aus. Zumindest direkt nach dem Jahreswechsel dürfte es keine Rückkehr der Ersten Bürgermeisterin ins Leonberger Rathaus geben.
Und der bisherige OB? Martin Georg Cohn hat sich bei einer Verabschiedung im großen Stil mit namhaften Gästen wie Christoph Sonntag oder Boris Palmer von einem ihm gewogenen Publikum feiern lassen. Seine frühere Wirkungsstätte will er nun als normaler Bürger neu erfahren. Ob dies wirklich so kommt, darüber gehen die Meinungen freilich auseinander.