Colette Rückert-Hennen Warum die EnBW-Vorständin den Laden ihres Vaters als Vorbild sieht

Colette Rückert-Hennen krönt ihre Karriere mit einem Doppelressort im EnBW-Vorstand. Foto: EnBW/Catrin Moritz

Seit neun Monaten wird der Vertrieb der EnBW von einer Frau geleitet: Colette Rückert-Hennen. Sie hat den Posten zusätzlich zum Bereich Recht und Personal übernommen. Was sie antreibt, wie sie tickt.

Der Anfang war sehr übersichtlich. Im Geschäft des Vaters im Leverkusener Stadtteil Opladen gab es Fußbälle, Angelhaken, Turnschuhe, Luftgewehre und was man sonst noch zum Sporttreiben und Jagen braucht. Und mittendrin ein kleines rothaariges Mädchen, das mit zwölf Jahren schon hinterm Tresen stand und half. „Mein Vater hat uns Kinder immer auf Augenhöhe behandelt“, sagt Colette Rückert-Hennen – „das war oft mit Verantwortung verbunden, und dann übernimmt man mit zwölf natürlich auch schon mal Aufgaben, die andere in diesem Alter vielleicht noch nicht übernehmen.“ Sie lacht. „Und die Belastbarkeit wird auch nicht hinterfragt. Dadurch entwickelt man schon in frühen Jahren eine gewisse Reife und Standfestigkeit.“

 

Heute ist das Mädchen von damals 62 und verkauft immer noch. Aber in anderen Dimensionen: Denn heute ist Colette Rückert-Hennen im Vorstand der EnBW, zuständig für den Vertrieb von Strom und Gas, aber auch von Ladesäulen, Photovoltaiklösungen und Speichern. Und zugleich gehört zu ihr das Ressort Recht und Personal. Dass ihr das Freude bereitet und sie nicht überlegt hat, ob die Doppelbelastung ihr zu viel werden könnte, führt sie auch auf Vaters Laden zurück: Daher stamme ihr Unternehmer-Gen, deshalb habe sie auch Freude daran, wirtschaftlichen Erfolg zu haben und sei belastbar – manche im Energiekonzern sagen auch: ein Workaholic. Ein Titel, den die Tochter einer Nordirin durchaus nicht zurückweist. „Aber ich habe ja auch keine WG-Pflichten mehr und kann entsprechend meine Prioritäten setzen“, scherzt sie und meint damit, dass sie bis vor wenigen Jahren noch mit ihren zwei längst erwachsenen Töchtern zusammengelebt hat. Rückert-Hennens Mann, ein Kunsthistoriker und Galerist, ist bereits vor zehn Jahren verstorben.

Vor dreieinhalb Jahren kam die Managerin als neue Personalvorständin zur EnBW. Seither ist der Anteil von Frauen im Top-Management von null auf 11,1 Prozent und im oberen Management von 15,1 auf 23,1 gestiegen. Zugleich ist der Frauenanteil unter den 10,3 Prozent Teilzeitkräften des Konzerns von 82,2 auf 78,8 Prozent gesunken. Diversität, aber nicht zuletzt die Förderung von Frauen liegt Rückert-Hennen am Herzen. Dass sie eine Frau ist, die man hört und sieht, die sagt, dass sie stolz darauf ist, was sie erreicht hat und was sie sich zutraut, passt dazu.

Nicht zum ersten Mal an der Spitze des Vertriebs

Dass sie im Mai 2022 zusätzlich das Vertriebsressort übernommen hat, ging dennoch mitten in der Energiekrise unter. Übergegangen ist die Aufgabe auf sie vom damaligen EnBW-Chef Frank Mastiaux, der im September 2022 den Chefsessel geräumt hatte. Die Entscheidung dazu, betont Rückert-Hennen, sei aber schon im Mai 2019 gefallen – Wochen bevor Mastiaux sein Ausscheiden verkündete. „Ich denke, die Verantwortung für den Vertrieb hat auch einfach mein Lebenslauf nahe gelegt“, sagt die lebhafte Rheinländerin. In ihrer Karriere hat Rückert-Hennen sich immer wieder um Vertriebsthemen gekümmert – sei es als Geschäftsführerin der Thomas Cook Services AG oder als Vorständin Personal, Marke und IT bei Solarworld.

Inhaltlich sieht sie durchaus Zusammenhänge zwischen ihren beiden Zuständigkeiten Personal und Vertrieb: Bei beidem gehe es schließlich um den Menschen. Beim einen um den Mitarbeiter, beim anderen um den Kunden. Den würde sie gerne noch mehr ins Zentrum des EnBW-Vertriebs stellen und dabei zugleich die Angebote des Konzerns verzahnen. Wer sich für ein Smart Meter, eine intelligente Messeinrichtung für Strom, entscheide, sei vielleicht auch ein Kunde für eine Speicherlösung der Tochter Senec oder hat Interesse, von der erst kürzlich gänzlich übernommenen Hamburger DZ4 eine Solaranlage zu pachten. Dem bisherigen Vertriebschef Timo Sillober, der Ende vergangenen Jahres sein Ausscheiden angekündigt hat, stellt sie ein hervorragendes Zeugnis aus. „Timo hat einen tollen Job gemacht.“ Über Gerüchte, die Chemie zwischen ihr und ihm hätte nicht gestimmt, hätten sie gemeinsam herzlich gelacht.

Spruchreif sei von ihren Ideen noch nichts, sagt Rückert-Hennen und verweist auch darauf, dass der neue EnBW-Vorstandschef Andreas Schell schließlich erst Mitte November seinen Posten angetreten hat. Und die ersten Monate ihrer Vertriebstätigkeit seien sowieso von ganz anderen Themen bestimmt gewesen: Von massiven Preiserhöhungen, ständig neuen Vorgaben der Politik, aber auch von Konzernthemen wie der angeschlagenen Gastochter VNG. Denn zwischen dem Abgang Mastiaux’ und dem Antritt Schells war der vierköpfige Restvorstand auf sich alleine gestellt und damit gemeinsam für das große Ganze zuständig. „Wir sind gut als Team klar gekommen“, lautet Rückert-Hennens Fazit zu diesen sechs Wochen. „Kopflos durch die Krise war nicht“, kontert sie Kritik, die vor der cheflosen Zeit kursierte. Ob sie sich den Vorstandsvorsitz theoretisch für sich selbst hätte vorstellen können? „Ich kann mir eigentlich für mich so ziemlich alles vorstellen“, sagt sie und lacht ihr herzhaftes Lachen. „Aber mal im Ernst, auch theoretisch habe ich mir diese Frage nie gestellt, mal ganz abgesehen davon, dass ich dafür auch zu alt bin. Ich freue mich, dass ich noch bis 2027 weiter im Vorstand arbeiten kann. Und bis dahin habe ich noch einiges vor.“

Familienmensch mit Karriereambitionen

Karriere
Auch wenn sie als Kind und Jugendliche von einer Karriere als Musicalstar träumte, studierte Colette Rückert-Hennen Jura. Nach nur zwei Jahren in einer Anwaltskanzlei wechselte sie in die Wirtschaft und verlor ihr Herz zunächst an die Tourismusbranche. Nach 18 Jahren beim Reiseveranstalter Air Marin und dem Tourismuskonzern Thomas Cook, wo sie es bis zur Vorsitzenden der Geschäftsführung der Thomas Cook Service AG brachte, ging sie als Vorständin Personal, Marke und IT zum Photovoltaikunternehmen Solarworld, wo Rückert-Hennen bis zu dessen Insolvenz 2017 blieb. Nach einer Zwischenstation beim südwestfälischen Mittelständler Ejot kam sie 2019 schließlich zur EnBW.

Familie
Colette Rückert-Hennen ist ein Familienmensch. Sie erzählt gerne von ihren zahlreichen Verwandten in Nordirland, wo sie regelmäßig Ferien verbringt, aber auch von ihren beiden erwachsenen Töchtern, mit denen sie bis zum Umzug nach Baden-Württemberg in einer WG wohnte. Ihr 2012 verstorbener Mann Christian Hennen, Kunsthistoriker und Galerist, erzog die Kinder, während Rückert-Hennen im Auftrag von Thomas Cook durch die Welt reiste und zeitweise auch in der Schweiz wohnte. „Er hat immer gesagt: Jeder von uns soll tun, womit er sich wohlfühlt und entwickeln kann – das war unsere gemeinsame Überzeugung“, sagt sie. „Wenn er gefragt wurde, ob er es schwierig fände, mit einer erfolgreichen Frau verheiratet zu sein, antwortete er: ,Um Himmels willen, je erfolgreicher sie ist, desto besser! Desto unabhängiger bin ich!’“

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