Passender Song vor passender Kulisse für einen guten Zweck: Nathan singt für seinen Chor, das Collegium Iuvenum Stuttgart. Dort begann er mit vier Jahren in der musikalischen Früherziehung, vergangenen Sommer wurde er im Konzertchor aufgenommen, dem Hauptchor mit Solistenpotenzial. „Für die Rettung der Knabenchöre“, ist auf einem selbst gestalteten Poster zu lesen, das neben Pfingstrose, Flyer und Hut auf den Pflastersteinen liegt. „Kulturgut“, steht da, und „Wir suchen dich! Sing mit im Knabenchor Collegium Iuvenum“.
Ausgehungert nach Kultur
„Wir wollen Menschen eine Freude machen, sie sind ausgehungert nach Kultur“, betont Nathan. „Und wir wollen den Nachwuchs fördern!“ In der Coronapandemie erging und ergeht es ihm wie vielen Kunstschaffenden: keine Auftritte – bis auf ein kurzes Intermezzo vergangenen Sommer –, Chorproben online, Stimmbildung online. Wer beim Collegium Iuvenum vorsingen will, kann das online tun. Nathan vermisste Proben und Performances. „Ich musste was tun“, so der Blondschopf. Er holte seinen Schulfreund Pavel – beide besuchen das Ebelu, das Eberhard-Ludwigs-Gymnasium – ins musikalische Boot und startete „an einem Samstag im März“. „Wenn wir nicht drinnen auftreten können, warum nicht draußen in der Stadt, dachte ich mir.“
Nathan telefonierte mit der Polizei, erfuhr vom Merkblatt Straßenmusik der Stadt Stuttgart. „Alle sagten Sie zu mir, die dachten wohl, ich sei älter.“ Nathan imitiert lachend die Telefonate, bevor er erklärt: „Musizieren darf man nur an bestimmten Stellen, etwa am Schlossplatz, auf der Königstraße bei St. Eberhard oder in der Kronprinzstraße beim Brunnen – immer nur eine halbe Stunde lang.“ Er organisierte alles allein, nur in Sachen „Presse und Öffentlichkeit“ fragte er seine Eltern. „Meine Mutter suchte mir E-Mail-Adressen raus, die ich anschrieb.“
Begeisterte Passanten spenden Geld
Schon am Sonntag danach konzertierten Pavel und er erstmals in der Kronprinzstraße ihr Repertoire, an einem weiteren Tag vor St. Eberhard und am Schlossplatz. Ein Riesenerfolg! Begeisterte Passanten und Polizisten – so kamen im Hut der Künstler 200 Euro zusammen, die der junge Sänger seinem Knabenchor spendete. „Wir waren sehr überrascht“, freut sich Andreas Roßkopf, Geschäftsführer des Collegium Iuvenum. „Ein unglaubliches Engagement, das ich in dieser Form noch nicht erlebt habe.“ Zwar habe der Chor noch genügend Sänger, aber Nachwuchs sei essenziell. Je länger Corona dauere, umso herausfordernder sei es, die jungen Chöre auf Livekonzerte vorzubereiten, erklärt Roßkopf.
Nathan und Pavel sind nun zum dritten Mal unterwegs, und sie wollen so weitermachen, drei- bis viermal im Monat. „Wir spielen meist an zwei Orten hintereinander, wollen ja nicht immer dasselbe präsentieren wie alte Hüte“, erklärt Nathan, bevor die beiden „Mein gläubiges Herze“ aus der Bach Cantata BWV 68 und das spätromantische Volkslied „Komm lieber Mai und mache“ gefühlvoll intonieren. Das lockt einige Flaneure an, den kühlen Temperaturen zum Trotz. „Wunderbare Stimme“, ist zu hören. „Das berührt mich sehr!“ An der Leidenschaft der jungen Musiker kommt keiner vorbei. Er wolle Opernsänger werden, freiberuflicher, sagt Nathan. „Ich mag es, verschiedene Stile zu singen. Eines meiner Vorbilder ist Max Raabe.“
Der Sohn hat klassische Musik in die Familie gebracht
Weiter geht es zum zweiten Spielort in der Kronprinzstraße. „Unserem Geburtsort“, flachst Nathan. Auch dort nur Zustimmung für das musikalische Programm: Ein Vater bleibt mit seinem kleinen Sohn stehen, der Kleine wirft einen Obolus in den Hut. „Wäre Singen was für dich?“, fragt ihn Ralph Thomas, Nathans Vater, seine Mutter Alexandra beantwortet Fragen inspirierter Passanten. Seine Mutter habe ihm früher Gutenachtlieder gesungen, erzählt Nathan, während Alexandra betont, dass ihr Sohn die klassische Musik in die Familie gebracht habe. „Nun läuft sie fast ständig im Radio.“ Ihr Mann ergänzt, auf das Spontanpublikum verweisend: „Es ist unglaublich, wie Nathan und Pavel mit ihrer Musik die Herzen der Menschen erreichen.“