Colours-Tanzfestival Hofesh Shechter baut dem Träumen ein Theater

Diffuses Bühnenlicht verwandelt das Geschehen in vage Erinnerung: Szene aus Hofesh Shechters „Theatre of Dreams“ Foto: Tom Visser

Auf Überwältigung angelegt ist Hofesh Shechters Tanzstück „Theatre of Dreams“. Beim Colours-Festival reißt man die Augen auf, um keine Millisekunde zu verpassen.

„Theatre of Dreams“ flasht! Und zwar total! Nach einem stillen, fast unbemerkten Beginn ist Hofesh Shechters 2024 entstandenes und in Paris uraufgeführtes 90-Minuten-Stück ganz auf Überwältigung angelegt.

 

Dafür sorgt der an- und abschwellende Klangrhythmus, der als hochaktiver Puls eines kollektiven Herzens regelrecht erlebbar ist. Dieser unerbittlich treibende Sound stammt vom israelischen Choreografen und Kompaniechef selbst. Er ist als Artist in Residence eng mit Gauthier Dance und dem Theaterhaus verbunden und hat mit „Grand Finale“ 2017 schon einmal einen Höhepunkt zum Colours-Festival beigetragen.

Vereinnahmend wirkt auch das meist diffuse Bühnenlicht, das die teils wimpernschlagkurzen Auftritte hinter den gestaffelten, sich mal schmal, mal weit öffnenden Vorhängen oft nur streift und erahnen lässt. So ist das Geschehen bereits vages Erinnern. Und man ertappt sich dabei, die Augen aufgerissen zu halten, um ja keine Millisekunde dieses facettenreichen, zugleich wirkungsvoll gebauten Stücks zu verpassen. Zur Suggestionskraft tragen nicht zuletzt die tanzenden und live auf der Bühne musizierenden Protagonisten dieser wie unter Starkstrom stehenden Truppe aus unterscheidbaren Persönlichkeiten bei.

Szene aus „Theatre of Dreams“ Foto: Todd MacDonald

Coolness und der Groove aus der Clubkultur treffen hier auf Muskeln, so flink wie Kolibriflügel, fähig dazu, aus einer banalen Bewegung heraus eine Gestalt durch die Luft zu wirbeln. Irrwitzig auch, wie die Tänzerinnen und Tänzer mit ihrer Mimik durch einen Katalog an Emotionen zappen, als ob das Leben rasend schnell durch sie hindurchlaufe. Durch den Zusammenprall oft gegensätzlicher Codes im Bruchteil einer Sekunde changiert dieses Theater der Träume zwischen Sehnsuchtsort und Albtraum.

Verbeugung vor dem Sog der Bühnenkunst

Und doch ist „Theatre of Dreams“ vor allem eine Verbeugung vor der Sogwirkung der Bühnenkunst. Darauf verweist schon der Beginn. Während das Publikum in der ausverkauften Halle tuschelt und Handys verstaut, nähert sich im Parkett eine männliche Figur dem geschlossenen Bühnenvorhang, der bald eine dreieckige Öffnung zeigt. Ein Sprung, und schon taucht der Mann aus dem Publikum ein in eine andere Welt.

Später lässt Shechters Team nicht nur Fragmente von Ballett, Streetdance, Slapstick und Revue aufblitzen. Im Schneidersitz hockend werden sie selbst zu staunenden Zuschauern und schenken dem Publikum rare Momente der Reflexion. Ein grandioser Abend, der lange nachhallen wird.

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