Colours-Tanzfestival in Stuttgart Wie Tanz von alten Mustern entfesselt

Tanz trifft Akrobatik in „Set of Sets“. Foto: Alfred Mauve

Beim Colours-Festival sind zwei Produktionen zu Gast, die den Tanz als entfesselndes Medium zeigen: „Sonoma“ befreit Frauen aus einengenden Riten, „Set of Sets“ feiert den Wandel.

Das ist schade: Während das Colours-Festival am Dienstag mit intensiven Bühnenmomenten erste Höhepunkte erlebte, blieben die Zuschauerreihen weniger dicht besetzt, als man das vom Tanz im Theaterhaus gewohnt ist. Hält das Virus selbst oder die Angst vor ihm das Publikum zurück? Wohl beides, am fünften Festivalabend fehlte auch Gastgeber Eric Gauthier infektionsbedingt. Er verpasste zwei energiegeladene Aufführungen, die zum Teil selbst von einer Art Infiziertsein handelten: In Marcos Moraus „Sonoma“ befreien sich Frauen von einer sie einschränkenden Religiosität, die sie am Anfang zu puppenhaften, um ein riesiges Kreuz wuselnden Automaten macht. „Set of Sets“ von Guy Nader und Maria Campos hebt das Zeitgefühl auf.

 

Marcos Morau und seine Kompanie La Veronal kommen aus einem Land, in dem Religion durchaus eine Last sein kann. Mädchen werden von ihren katholischen Familien mit Namen wie Immaculada (die Unbefleckte) befrachtet; an Ostern ziehen Prozessionen zu dumpfen Trommelschlägen schwer beladen durch die engen Gassen. An diese düsteren Rituale erinnert „Sonoma“, wenn Moraus Tänzerinnen, von schwarzen Kopftüchern gesichtslos und von schweren Röcken körperlos gemacht, über die Bühne huschen, als hätten sie Räder an den Füßen. Reihum dürfen die neun das Wort ergreifen für eine Litanei an Segnungen, die von Dinos bis zu „von den Geschichtsbüchern vergessenen Frauen“ reichen und Worte zu Waffen machen.

Mit jeder Kleiderschicht weniger kommt mehr Emanzipation zutage

Wie ein vielköpfiger, vielbeiniger Organismus tanzen die Frauen, sie sind mal Trauerzug, mal Greisinnen am Rand von Grab und Sarg, die hier als Rollkoffer auftreten. Morau gelingt auf allen Ebenen ein verblüffender Mix aus Alt und Neu: Treibende Beats überlagern Klassisches, in ritualisierte Bewegungen fährt immer wieder ein Zucken wie ein Zeichen moderner Unruhe. Und mit jeder Kleiderschicht, die sie ablegen, emanzipieren sich die neun, machen sich ein Stück mehr frei von bedrückenden Einschränkungen und bizarrem Kopfschmuck, der von riesigen Oma-Köpfen bis zu federschmuckartigen Blumenkronen reicht.

Immer stärker fordern ihre Gesten und Bewegungen Individualität ein, bis schließlich ein Trupp fröhlicher Mädchen leichte, weiße Kleider in flotten Drehungen zum Fliegen bringt. Weil Morau in „Sonoma“ den Weg der Frauen von alt nach jung erzählt, gelingt ihm eine Geschichte der Befreiung, bis sich seine Protagonistinnen auf Trommeln am Ende selbst den Takt schlagen und ihre Wut rausbrüllen dürfen. Das Publikum folgt ihnen gebannt, kein Szenenapplaus unterbricht ihr Ritual, das erst beim letzten Trommelschlag laut bejubelt wird.

Elektrosounds und Akrobatik aus Barcelona

Eine Reise ins Licht ist auch „Set of Sets“. Im Halbdunkel zieht ein Mann Kreise wie ein Planet in seiner Umlaufbahn, am Schlagzeug vorbei und an weißen Stoffbahnen, die wie aufgeblähte Segel die Szene einfassen. Einsam, unbeirrt schreitet er voran, bis nacheinander weitere Personen die Bühne und ihren eigenen Orbit betreten. Drei Frauen und vier Männer gehen schließlich ihre Runden, das Licht wird heller, an den Drums legt Musiker Miguel Marín los. Und „Set of Sets“ von GN | MC, die barcelonische Kompanie des Libanesen Guy Nader und der Spanierin Maria Campos, geht in die heiße Phase! Ein faszinierendes Spiel am Schnittpunkt von zeitgenössischem Tanz, Kontaktimprovisation, Akrobatik und Kampfkunst, bei dem die Choreografen selbst mitmischen: Kreuzen sich die Bahnen, reagieren die Tänzerinnen und Tänzer aufeinander mit eigenen, sich wiederholenden Bewegungen, die weitere auslösen, bis ein Geflecht aus fließenden Moves entsteht. Zu Maríns knisternden Elektroklangteppichen und furiosen Rhythmen wird hart gekickt und sanft gebogen, rollen, springen Körper aufeinander, werfen sich durch die Luft, balancieren verschlungen, drehen sich rasant zu dritt – ineinander verhakt.

Das alles geschieht achtsam, mitunter fast maschinell, als ob es gelte, die Ordnung des Universums aufrechtzuerhalten. Auch aufbegehrt wird, immer wieder bricht jemand mit der Kette der Ereignisse. Naders und Campos’ packende Szenen können für die Kreisläufe des Lebens stehen. Vor allem aber für die Verknüpfung der Dinge, die Beziehung von Individuum und Gruppe – und die Chancen von Wandel.

Termine

Serie
 Auch an den nächsten Abenden gibt Gauthier Dance mit „Kamuyot“ in der Theaterhaus-Sporthalle jeweils um 19 Uhr die Vorgruppe fürs Festival. Ohad Naharins Tanzspaß für „Kinder von 6 bis 90 Jahren“ ist vom 7. bis 9. und 13. bis 16. Juli zu sehen.

Termine
 Am Donnerstag und Freitag lässt Adonis Foniadakis in „Salema Revisted“ Musik und Folklore Kretas mit modernem Tanz zusammentreffen (jeweils um 20.30 Uhr). In „Pink Unicorn“ tanzt der Kubaner Alexis Fernández mit seinem Sohn und zeigt, wie sich ein Vater um Verständnis für die nächste Generation müht – am Do um 20.15 Uhr, am Fr um 11 und 20.15 Uhr.

Das ganze Programm gibt es unter: https://www.coloursdancefestival.com/

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