Comedian Aurel Mertz „Hinter diesem Alpha-Gehabe steckt oft ein Mangel an Selbstliebe“

, aktualisiert am 08.04.2026 - 09:26 Uhr
Der Comedian Aurel Mertz beim Heimatbesuch in Stuttgart Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Von Manuel Hagel bis Donald Trump: Der Comedian und Autor Aurel Mertz zerlegt das Alpha-Männchen-Prinzip. Und er hat für seine alte Heimatstadt Stuttgart eine außergewöhnliche Idee.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Der aus Stuttgart stammende Komiker und Autor Aurel Mertz scheut keine klaren Worte, wenn es um die Mechanismen von Macht und Männlichkeit geht. In seinem Buch „Alpha Boys“ seziert er toxische Verhaltensmuster – von der Weltpolitik bis in den Alltag. Zwei Tage lang war der 36-Jährige jetzt in seiner alten Heimatstadt zu Besuch, trat am Dienstag im Theaterhaus mit seiner Stand-Up-Comedy „Nobody – Alpha Drift“ auf und war am Mittwoch beim Pop-Talk im Alten Schloss zu Gast.

 

Wir haben die Gelegenheit genutzt, um ihn zum Brezelessen in der Markthalle zu treffen. Im Interview spricht er über seine Abrechnung mit den „unfahrbaren“ Straßen Stuttgarts, den Umgang mit politischem Aufstieg und die überraschenden Erkenntnisse aus einem Männercamp auf Bali.

Herr Mertz, bei Ihrer Show im Theaterhaus haben Sie verraten, dass Sie sich zurzeit sehr über ihre Heimatstadt Stuttgart geärgert haben.

Es ist herrlich absurd. Ich bin hier mit einem Carsharing-Auto gefahren und dachte: Das ist die Stadt, die das Auto erfunden hat – und sie ist komplett unfahrbar. Ich bin eigentlich total gegen Autos, aber Stuttgart sollte der einzige Ort sein, an dem Autos Spaß machen dürfen. Stuttgart müsste wie so ein Go-Kart-Park sein. Bahnhof weg, Tiefgarage hin, direkt in den Zug fahren – perfekt.

Eher amüsiert haben Sie sich dagegen über die Landtagswahl in Baden-Württemberg und den CDU-Kandidaten Manuel Hagel.

Als Manuel Hagel das erste Mal den Mund aufgemacht hat, hat mich das Thema sofort gepackt. Auch dieser Dialekt. Da hatte ich sofort das Gefühl: Ich kenne solche Typen. Ich bin mit denen aufgewachsen. Und man muss schon sagen, dass das ein echter Geniestreich der CDU war, nach dem „Rehaugen“-Video zu sagen: Wir schicken den einfach noch mal in die Schule. Und dann ist er so dünnhäutig und fährt eine Lehrerin so an.

Passt der Fall Manuel Hagel auch zum Thema Ihres Buchs „Alpha Boys“?

Ich müsste da wahrscheinlich noch etwas recherchieren, aber ich habe mich schon gefragt, wie jemand so schnell so weit kommen kann. Ich habe bei Hagel keine besondere Exzellenz gesehen – weder rhetorisch noch inhaltlich. Und trotzdem ist er plötzlich da. Da denke ich mir manchmal: Wenn sich andere Männer mit dir identifizieren, kannst du als Mann extrem schnell aufsteigen, ohne besonders gut zu sein. Das ist ein Muster, das ich im Buch beschreibe.

Sie sprechen von toxischer Männlichkeit. Wo zeigt sich die konkret?

Zum Beispiel darin, wie wenig Verantwortung übernommen wird. Dieses „Schmutzkampagne!“-Rufen, wenn man kritisiert wird. Oder auch im Umgang mit anderen – gerade mit Frauen. Wenn jemand Ministerpräsident werden will, sollte er in der Lage sein, Contenance zu bewahren.

Ihr Musterbeispiel für toxische Männlichkeit ist aber Donald Trump.

Ja, er ist ein extremer Fall. Was da gerade passiert, ist wirklich gefährlich. Sein geistiger Zustand, der moralische Zustand der USA – das beschleunigt sich gerade massiv. Es werden Dinge normalisiert, die absolut nicht normal sind. Europa muss sich ernsthaft fragen, wie es damit umgehen will. Sonst werden wir zum Wurmfortsatz dieser Politik.

„Hinter diesem Alpha-Gehabe steckt oft ein Loch – ein Mangel an Selbstliebe“, sagt Aurel Mertz. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Ist Trump Ursache oder Symptom dieser Entwicklung?

Beides. Sein Erfolg sendet das Signal: Du kannst empathielos sein, egoistisch, nur auf deinen Vorteil bedacht – und trotzdem gewinnen. Das motiviert andere. Gleichzeitig gab es solche Strukturen schon vorher. Aber er hat sie verstärkt und salonfähig gemacht.

Sie sind für das Buch tief in die sogenannte Manosphere eingetaucht – zum Beispiel bei einem Retreat im balinesischen Dschungel. Hatten Sie Sorge, selbst von diesem Männlichkeitswahn angesteckt zu werden?

Ehrlich gesagt: nein. Ich bin durch die Comedy wahrscheinlich davor geschützt, mich zu ernst zu nehmen. Aber ich merke schon, wie oft das eigene Ego im Weg steht. Man merkt in Diskussionen manchmal drei Sätze zu spät: Ich liege falsch, aber rede weiter.

Beim Männercamp auf Bali wurden Sie aber trotzdem überrascht?

Ja, das war verrückt. Diese Männer waren unter sich teilweise gar nicht so schlimm, wirkten bescheiden. Da gab es keinen Status, nichts, womit man angeben konnte. Und dann hat mir einer gesagt: „Ich will so sein wie die, weil ich lernen will, mich selbst zu lieben.“ Das hat mich echt getroffen. Hinter diesem Alpha-Gehabe steckt oft ein Loch – ein Mangel an Selbstliebe.

Bösartig könnte man dann ja behaupten, dass Problem sind nicht die Männer, sondern die Frauen: Wenn Männer unter sich sind, ist alles gut.

Nein, schuld ist eine Gesellschaft, in der Status einfach alles ist. Es geht um Gier, um Macht, darum immer der Beste und Coolste zu sein. Viele dieser Typen kompensieren etwas. Muskeln, Dominanz, Geld – das ist oft nur Fassade. Und das macht es auch so gefährlich, weil echte Bedürfnisse auf falsche Weise beantwortet werden.

Zum Ausflug in die Manosphere wird bei Ihnen aber auch ein Besuch im Fußballstadion beim DFB-Pokalfinale des VfB Stuttgart gegen Arminia Bielefeld.

Was im Stadion passiert, ist laut und wild, das ist eine reine Entertainment-Party. Aber spannend ist der Funktionärsbereich drumherum. Diese Business-Typen, die Deals machen, sich mit festem Händedruck begrüßen – das ist pure Männerwelt. Da geht es um Macht, Einfluss, Geld. Das ist die eigentliche Manosphere.

Sie rechnen in Ihrem Buch mit Männern wie Trump, Bezos und Co. ab. Gibt es für Sie auch positive männliche Vorbilder?

Ja, zum Beispiel Zohran Mamdani in New York. Der steht für soziale Werte, ist rhetorisch stark, klar in seiner Haltung – aber ohne toxisch zu sein. Das zeigt: Man kann auch mit Empathie und Überzeugung erfolgreich sein. Wir haben nur verlernt, das „cool“ zu finden.

Ihr Buch klingt stellenweise ziemlich düster. Gibt es auch Hoffnung?

Meine Resilienz ist darauf eingestellt, dass es immer schlimmer wird als jetzt. Aber einfach aufgeben ist keine Option. Genau darauf setzen diese Machtstrukturen ja – dass wir müde werden. Dabei gäbe es eigentlich eine Mehrheit für ein sozialeres Zusammenleben. Wir müssen nur aufhören, uns einreden zu lassen, dass das nicht geht.

Und was heißt das konkret?

Im eigenen Umfeld anfangen. Haltung zeigen. Sich nicht einschüchtern lassen. Wenn wir das nicht tun, geben wir eine riesige Chance auf. Ich glaube schon, dass wir die Kurve kriegen können – aber von allein passiert das nicht.

Aurel Mertz: Termine

Aurel Mertz, 1989 in Stuttgart geboren, ist Comedian, Moderator, Schauspieler und Autor. Er hat in Wien und Istanbul studiert und lebt in Berlin.

Zurzeit ist er mit seinem Programm „Nobody Alpha Drift“ auf Tournee:

  • 19. März Köln
  • 24. März Leipzig
  • 28. März Berlin
  • 31. März Hamburg
  • 16. April Zürich
  • 17. April München
  • 18. April Friedrichshafen
  • 19. April Ulm

Infos und Tickets gibt es hier.

Aurel Mertz: Alpha Boys

Aurel Mertz: Alpha Boys Foto: Droemer Knaur

Aurel Mertz’ satirisches Sachbuch „Alpha Boys“ ist bei Droemer Knaur erschienen (256 Seiten, 20 Euro).

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