Comedian Aurel Mertz über Stuttgart Von der schwäbischen Beschaulichkeit zur politischen Provokation

Aurel Mertz macht Comedy für die Millennial-Generation. Foto: Maximilian Motel

Der Comedian Aurel Mertz nimmt Politik, soziale Gerechtigkeit und Rassismus ins Visier – und ist damit zum Internetphänomen geworden. Was treibt den gebürtigen Stuttgarter an?

Digital Desk: Simon Koenigsdorff (sko)

Berlin/Stuttgart - Wer mit Aurel Mertz spricht, der bekommt nicht den Eindruck, dass der Komiker auf Krawall gebürstet ist. Kann dieser freundliche, lustige 32-Jährige in Wirklichkeit ein Staatszersetzer sein? Das jedenfalls warf ihm im Sommer 2020 der CDU-Innenpolitiker Christoph de Vries vor. Stein des Anstoßes war ein Video für das öffentlich-rechtliche Jugendangebot Funk, in dem der gebürtige Stuttgarter und Wahlberliner Polizeirassismus anprangerte und damit bundesweite Reaktionen hervorrief. In dem Video wird er wegen seiner Hautfarbe fälschlich für einen Fahrraddieb gehalten und von Polizisten erschossen. Er müsse „den Finger in die Wunde legen“, argumentierte er damals, mitten in einer Debatte über eine Rassismus-Studie bei der deutschen Polizei und die Black-Lives-Matter-Proteste in den USA.

 

Heute, über ein Jahr später, ist er sich nicht sicher, ob er als Einzelner tatsächlich etwas verändern konnte. „Aber es ist schön, wenn man ein Bewusstsein für solche Themen schaffen kann“, sagt Mertz. „Wenn man Leute zu einer Auseinandersetzung bewegt, die das vielleicht sonst nie getan hätten.“ Aurel Mertz zeigt, wie Comedy für viele junge Menschen heute funktioniert: Seine Themen sind oft politisch. Er tritt nach oben und nicht nach unten. Seine Bühne ist das Internet, von gelegentlichen Liveauftritten abgesehen. Mehr als 120 000 Menschen folgen auf Twitter seinen Witzen über das Tagesgeschehen, mehr als 90 000 seiner Instagram-Show für Funk, in der er Sketche über alltägliche Probleme der jungen Generation („Wenn du keinen Alkohol trinkst“) bis zur großen Politik („Merkel, verlass uns nicht!“) spielt.

Das Lustige im Unlustigen finden

Dazu kommen ein Podcast und seit September die „Aurel Original Show“ für die ZDF-Mediathek, in der er Themen wie steigende Mieten oder Rassismus in der Medizin aufarbeitet. Zwar auch mit eingestreuten Witzen, aber einem erheblichen Anteil an Erklärung und Fakten – eine Rolle, die manchmal noch ungewohnt scheint. Dennoch glaubt Mertz: Es brauche nicht „die hundertste Dödel-Comedy“, sondern gesellschaftlich relevante Themen. „Comedian zu sein geht heute darüber hinaus, Leute zum Lachen zu bringen, sondern heißt, das Lustige im Unlustigen zu finden“, sagt er. „Das Ziel muss sein, dass man nicht die Leichtigkeit verliert. Du willst ja nicht in einer Welt, in der es um harte Themen geht, nur noch zynisch werden.“

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Interview mit Micky Beisenherz – „Zynismus ist Kapitulation“

Dass Mertz diesen Weg einschlagen würde, stand während seiner Kinder- und Jugendzeit noch alles andere als fest. Mertz wuchs in Stuttgart auf, wo sich seine Eltern an der Merz-Akademie kennengelernt hatten. Statt auf Bühnen zog es den Sohn in den Leistungssport, 100-Meter-Sprint. „Stuttgart macht einen wahnsinnig ehrgeizig“, ist sich Mertz rückblickend sicher. „Es ist eine Stadt, in der dir unter die Nase gerieben wird, wie wichtig Wohlstand ist. Beim Aufwachsen fand ich das teilweise bedrückend.“ Trotzdem blickt er ohne Groll zurück. „Ich habe in Mitte gelebt und war trotzdem schnell im Wald“, erinnert er sich. „Das ist toll als Kind.“ Sein Lieblingsort: Das Teehaus im Weißenburgpark. „Dort habe ich zum ersten Mal ohne meine Eltern Silvester gefeiert. Der Blick über die Stadt ist komplett absurd.“

Raus aus der schwäbischen Beschaulichkeit

Nach dem Abitur am Mörikegymnasium verließ Mertz die schwäbische Beschaulichkeit: Zum Publizistikstudium nach Wien und später nach Berlin. Das Studium begann er noch mit dem Vorsatz, Fernsehjournalist zu werden. Während eines Praktikums bei einer Produktionsfirma bekam er die Zusage der „Frank Elstner Masterclass“, wo er 2013 als Moderationstalent ausgebildet wurde. Doch statt Nachrichten drehte er mit seinen Mitschülern lieber Sketche. „Man hat uns trotzdem in unserer Entwicklung unterstützt“, betont Mertz. Und so landete er bereits zu Beginn seiner Karriere als Moderator der Late-Night-Sendung „Boomarama“ auf dem Privatsender Tele 5.

Mit diesem raschen Aufstieg im Rücken kann Mertz heute sagen: „Mir ist Fernsehen völlig egal.“ Online kommt er seiner Zielgruppe sowieso näher als in einer Fernsehproduktion. In seinem Podcast „Alarma Pyjama“ spricht Mertz über aktuelle Themen, aber auch über seinen Alltag, selbst die penetrant helle Balkonbeleuchtung seines Nachbarn. „Anstatt zu twittern, kann ich auch einfach einen 10-Minuten-Podcast aufzeichnen und den Leuten Kontext geben“, sagt er. „Es wirkt wie ein einseitiger Monolog, aber ich nehme dabei Bezug auf die Fragen, die mich in den sozialen Netzwerken erreichen.“

Wie ernst nimmt sich Stuttgart selbst?

Mertz‘ Leben verfolgen konnten seine Twitter-Fans auch im Oktober, als er zuletzt Stuttgart besuchte und sich augenzwinkernd über seine Geburtsstadt ausließ: Die vielen Baustellen, der Dialekt, der Oberbürgermeister Frank Nopper, den Mertz „Dr. Nöbbels“ nennt. „Ich teste immer wieder gerne, ob der Stuttgarter oder die Stuttgarterin sich mittlerweile nicht mehr ganz so ernst nimmt“, sagt Mertz und lacht. Auch wenn er den Besuch genossen habe – dauerhaft zurückkehren möchte er nicht. Dafür vielleicht auf der Bühne, nachdem sein Stand-up-Auftritt im Stuttgarter Theaterhaus im März 2020 Corona zum Opfer fiel.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Wie Aurel Mertz seinen Stuttgart-Besuch auf Twitter kommentierte

Junge Comedy

Aurel Mertz
 Der Comedian wurde 1989 in Stuttgart geboren. Von 2015 bis 2017 war er Moderator der Late-Night-Sendung „Boomarama“ auf Tele5. Seit 2019 ist er der Protagonist eines nach ihm benannten Videoformats im sozialen Netzwerk Instagram, das zum öffentlich-rechtlichen Jugendangebot Funk gehört.

Funk
 Unter dem Namen „Funk“ haben ARD und ZDF 2016 ein Angebot für 14- bis 29-Jährige ins Leben gerufen, das aus rund 70 Formaten besteht. Die Inhalte werden hauptsächlich über soziale Medien wie Instagram, Youtube oder Facebook verbreitet.  

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Comedian Stuttgart