Stuttgart - Lucky Luke ist ein netter Kerl. Der netteste, der je einen Revolver trug. Den zieht Luke nicht nur schneller als sein eigener Schatten, er handhabt ihn auch virtuoser als irgendwer im Wilden Westen. Nie verletzt er jemanden, jedenfalls nicht ernstlich. Er schießt seinen Gegnern nur die Waffe aus der Hand oder den Revolvergurt von der Hüfte. Was dieser altgediente, aber lässig jung gebliebene Comicheld in seinem neuesten Abenteuer tut, hätte er also gewiss auch schon früher gemacht. Als er eine große Baumwollplantage in den Südstaaten erbt, reitet er die 900 Meilen nach Louisiana nur, um seinen neuen Besitz unter den ehemaligen Sklaven und jetzigen armen Landarbeitern aufzuteilen.
Ein schwarzer Marshall
Trotzdem wird das aktuelle Album „Fackeln im Baumwollfeld“ als großer Sprung in eine sensiblere Moderne begrüßt. Der Szenarist Jul (bürgerlicher Name Julien Lucien Berjeaut) und der Zeichner Achdé (Hervé Darmenton) konfrontieren Luke nicht nur mit dem Rassismus in den Südstaaten. Sie geben auch dem schwarzen Marshall Bass Reeves eine wichtige Rolle, einem jener afroamerikanischen Westmänner, von denen Hollywood kaum je erzählt hat. Achdé, so wird allenthalben gelobt, geht dabei viel behutsamer bei der Karikierung afroamerikanischer Figuren vor als einst Morris, der Erfinder von Lucky Luke. Man kann „Fackeln im Baumwollfeld“ als erstes Luke-Album der Black-Lives-matter-Ära deuten. Das ist keine schlechte Auszeichnung.
Achdé ist ein begnadeter Zeichner, er baut wie Morris um fröhlich übertriebene Figuren herum stimmige historische Kulissen auf. Auch der lebendige Strich des reifen Morris ist da, nebst ein paar eigenen Akzenten von Achdé. Das Anschauen der Einzelbilder bereitet Freude. Die Geschichte als Ganzes aber – achtsam und auf Wissensvermittlung bedacht – bleibt ein wenig schwunglos hinter den klassischen Lucky-Luke-Alben zurück.
In den Kutten des Ku Klux Klan
Historische Figuren und Ereignisse sind in diese Serie schon lange eingebettet, mal ein wenig realistischer, mal dreist frei. Diesmal spürt man den Willen, nichts falsch zu machen, den moralisch korrekten Blick auf den Süden zu vermitteln. Die Sklaverei ist durch den Sieg der Nordstaaten zwar beendet worden. Die Lage vieler Schwarzer aber hat das nur wenig verbessert. Sollten sie von ihrer Freiheit wirklich Gebrauch machen wollen, drohen ihnen wüste Sanktionen – bis hin zum Gelynchtwerden.
Jul und Achdé ziehen ein paar Phasen des Südens zusammen. Die reichen Großgrundbesitzer gockeln hier auch nach dem Krieg wie nur je Londoner oder Pariser Salongecken umher. Das stellt jenes angebliche Vorkriegsparadies nach, dem extrem konservative Südstaatler heute noch nachtrauern. Zugleich reiten und stapfen weiße Herren und Knechte aber schon in den Kutten des Ku Klux Klan umher und üben Selbstjustiz zur Aufrechterhaltung von Rassentrennung und weißer Vorherrschaft. In den schwarzen Hütten aber gärt die Bereitschaft, sich das nicht mehr gefallen zu lassen.
Ein leiser Tadel
Es gibt ein paar herrlich böse Momente. Einmal etwa betteln die Kinder an der vornehmen Tafel darum, dabei sein zu dürfen, wenn wieder ein schwarzer Bediensteter ausgepeitscht wird. Jul und Achdé geben da eigentlich zu, dass Lucky Luke nichts wirklich ändern können wird. Die nächste Generation fieser Rassisten steht schon parat. Aber solche galligen Panels sind eingebettet in etwas, das man als grundanständigen Grundkurs „Wurzeln der heutigen Spannungen in den USA“ bezeichnen könnte.
Geht von diesem besonnenen, stets auf die historische Wirklichkeit wie auf die heutigen Empfindlichkeiten bedachten Album da (ein schwarzer Junge, knapp der Sklaverei entkommen, träumt davon, US-Präsident zu werden: yes, we can) also nicht auch ein leiser Tadel für frühere Lucky-Luke-Alben aus? Als seien diese Comics einer Verpflichtung zur akkuraten Geschichtsdarstellung und zum gerechten Umgang mit allen Ethnien nicht nachgekommen?
Mythen und Klischees
Tatsächlich ist die 1946 gestartete Serie einerseits sehr am realen Westen interessiert gewesen, andererseits aber kaum. Sowohl Morris als auch der „Asterix“-Autor René Goscinny, der ab 1955 bis zu seinem Tod im Jahr 1977 Szenarien geliefert hatte, mixten sauber recherchierte Historie mit den Mythen, Motiven und Klischees des Kinos, der TV-Serien, der Heftchenromane. Damals war das noch keine Beschäftigung mit einer Nische der Popkultur. Der Western hat US-Fantasien lange so bestimmt wie das heute Hollywoods Superheldenfilme tun.
Man kann „Lucky Luke“ also vorwerfen, die Bilder und Geschichten verzerrten – ganz wie die großen und kleinen Kinowestern - die Wirklichkeit. Zweifellos zeichnete die Reihe den Westen bislang zu einem vornehmlich weißen Lebensraum um, blendete die Rolle der Afroamerikaner und Mexikaner weitgehend aus, obwohl die einen Großteil der Cowboy-Mannschaften stellten. Und auch die Indianer nahmen Morris & Co. am liebsten als skurrile Figuren wahr. Glaubt man, dieser Comic werde distanzlos als Reportageblatt aus der Vergangenheit gelesen, darf man nun erleichtert aufseufzen: „Höchste Zeit, dass die Macher von Lucky Luke ihrer Verantwortung für unser Geschichtsbild bewusst geworden sind.“
Schöne Märchenwelt
Aber war nicht „Lucky Luke“ immer schon mehr die ebenso liebevolle wie durchdringende Ironisierung des Kinowesterns – und keine Verklärung des realen Westens? Hat diese Reihe nicht stets darauf aufmerksam gemacht, dass „wir“ – also alle Menschen mit einer Affinität zu US-Mythen – uns da eine schöne Märchenwelt zusammengefabelt haben?
Hat „Lucky Luke“ nicht immer schon im Einverständnis mit den Lesern das Absurde, Überhöhte und Verklärte des Westerns durchsichtig gemacht? Hat der Comic nicht gerade dadurch, dass er historische Figuren jeder Couleur in der Welt des schlauen, kommentarfreudigen Pferdes Jolly Jumper und des unterbelichtet vor sich hindenkenden Hundes Rantanplan auftreten ließ, jede Realitätsverwechslung verhindert? Hat „Lucky Luke“ nicht öfter zwei, drei historische Informationen zugefüttert, dafür aber beständig jede Menge vermeintlicher Gewissheiten über den Wilden Westen unterminiert?
Ein kleiner Rückschritt
Glauben wir wirklich noch an die Kinolegende, dass im Westen eine sportliche Duellfähigkeit der Revolverartisten über Recht und Unrecht, Fortkommen und Zukunft entschied, wenn im Comic der Gewährsmann dafür jemand ist, der schneller zieht als sein Schatten? Und der das winzigste Ziel zuverlässiger trifft als ein fallender Apfel den Boden?
Wenn „Lucky Luke“ schon lange ein durchschaubares Spiel mit Wunschträumen ist, dann stellt „Fackeln im Baumwollfeld“ einen Rückschritt dar, eine Einengung der Möglichkeiten. Der Weg historischer Korrektheit ist jedenfalls ein heikler für eine Comic-Komödie. Nimmt „Lucky Luke“ den historischen Westen ernst – mit Völkermord, Landraub, Kulturzerstörung, Raubbau an der Natur, Rassismus etc. – dann wird der Raum für Fröhlichkeit sehr eng. Als All-Ages-Strip würde das nicht mehr funktionieren – nur noch als bittere oder surreale Komödie für abgebrühte erwachsene Leser.
Zu Änderungen bereit
Bei einer Karikatur ist immer wichtig, ob sie für sich steht oder ob sie – ganz ungewollt – an real wirksame rassistische oder sexistische Stereotype andockt. Da hat Achdé wirklich eine feine Balance zwischen Witz und Respekt gefunden. Im Plot aber schneiden Jul und er unnötig oft auf die Dalton-Brüder, die in einer Standard-Erzähllinie mal wieder Lucky Luke erledigen wollen. Das wirkt ein bisschen so, als seien die beiden Erzähler froh, über die abgesichert didaktischen Momente hinaus nicht allzu viel vom Leben auf der schwarzen Seite der Plantage und von Lukes Einmischung erzählen zu müssen – es könnte ja was ins Unkorrekte verrutschen.
Um das jetzt nicht allzu negativ klingen zu lassen: Nach 74 Jahren Reiten, Schießen, Daltons-Fängerei ist Lucky Luke immer noch in Bewegung, auf der Suche, zu Änderungen bereit. Nicht schlecht für einen alten Cowboy, auch wenn er sich hier ruhig ein bisschen mehr darauf verlassen könnte, dass wir ihn als Comic-Figur aus einem Comic-Universum erkennen.
Jul/Achdé. „Lucky Luke – Fackeln im Baumwollfeld“. Egmont Ehapa, Berlin. Aus dem Französischen von Klaus Jöken. 48 Seiten. Broschiert 6,90 Euro, als Hardcover 12 Euro, als E-book 6,49 Euro.