Comic-Meister Flix kommt in die Stadtbibliothek Spirou und Fantasio in der DDR

Flix schickt Spirou und Fantasio nach Berlin, ins Jahr 1989 – noch steht die Mauer, noch hat die Stasi Macht.Foto:Carlsen Foto:  
Flix schickt Spirou und Fantasio nach Berlin, ins Jahr 1989 – noch steht die Mauer, noch hat die Stasi Macht. Foto:Carlsen

Die Abenteuer von Spirou und Fantasio gehören zu den großen Schätzen der franko-belgischen Comic-Kunst. Mit Flix hat nun erstmals ein Deutscher ein Spirou-Abenteuer beitragen dürfen. In Stuttgart stellt der Künstler das Album vor, an dessen Realisierung er selbst lange nicht geglaubt hat.

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Stuttgart - Es ist eine Sensation in der Comic-Welt, ein nie dagewesenes und bislang schlichtweg undenkbares Ereignis: Mit dem Berliner Zeichner Flix darf erstmals ein deutscher Künstler einen Band der legendären franko-belgischen Comic-Reihe „Spirou und Fantasio“ verantworten. Inhaltlich und visuell. Das ist ungefähr Ritterschlag, Lottogewinn und der Fund des Bernsteinzimmers zusammen. Schließlich genießen die Abenteuer des detektivischen Hotelpagen Spirou und seiner Gefährten im Reich der gezeichneten Bilder ähnlich kultische Verehrung wie „Asterix“, „Tim und Struppi“ oder „Lucky Luke“.

„Aus franko-belgischer Sicht ist Deutschland eine Comic-Diaspora“, findet Flix dann auch sehr direkte Worte. „Frankreich ist Europas Comic-Hochburg, die großen Serien waren bisher also immer fest in franko-belgischer Hand.“ In diesem Jahr wird Spirou aber nun mal 80 Jahre alt. Und der Dupuis-Verlag, in dem die Comics seit Tag eins erscheinen, wollte den wackeren Hotelpagen gern mit einem weiteren Sonderband ehren.

Mehr als skeptische Belgier

„Man schaute also mal, in welchem Land Spirou bislang noch nicht unterwegs war“, so Flix, „und kam relativ schnell auf Deutschland beziehungsweise auf Berlin.“ Der Carlsen-Verlag, der die deutschen Ausgaben von Spirous Geschichten betreut und mehrere Bände von Flix veröffentlicht hat, warf ein, ein Abenteuer in Deutschland könne doch auch von einem deutschen Künstler gezeichnet werden. „Anfangs war Dupuis mehr als skeptisch. Man konnte sich nicht vorstellen, dass dazu überhaupt jemand in der Lage wäre“, erinnert sich Flix. Irgendwann brachte Carlsen dann ihn ins Spiel, immerhin einer der verkaufsstärksten Zeichner des Verlags, der auch für die FAZ den Pinsel schwingt. Der Rest ist schon jetzt Comic-Geschichte. „Dass uns aber genau das erlaubt wurde, ist mehr als ungewöhnlich und wäre noch vor zehn Jahren nicht denkbar gewesen.“

Für diese Öffnung gibt es einen guten Grund. „Die Serien werden langsam alle so alt, dass die Erfinder sie abgeben und die Verlage sich überlegen müssen, wie sie sie weiterführen wollen. Weil „Spirou“ immer schon wechselnde Zeichner hatte, öffnete man dieses Universum und ergänzt die Hauptserie seither um Spezialbände.“ Diesmal eben einen deutschen – ein schönes Bild für ein geeintes Europa. Flix nickt. „Mir war klar: Wenn wir grünes Licht bekommen, dann ist das ein europäisches Projekt. Das beeinflusste letztlich auch die Themenwahl.“

Die letzten Tage der DDR

Erstmals in ihrer Geschichte verschlägt es Spirou und Fantasio nämlich nach Berlin, nicht ganz zufällig die Heimat des Zeichners. Die beiden irren allerdings nicht etwa durch ein Berlin des BER-Flughafens, der veganen Restaurants und Latte-Macchiatto-Muttis. Stattdessen entwirft Flix ein von historischer Akkuratesse und schrägem Humor geprägtes Berlin des Sommers 1989. Die letzten Tage der DDR, eingefangen in einem klassischen „Spirou“-Abenteuer voller Spionage, Entführungen und wilder Verfolgungsjagden. „Vieles, was gerade in Berlin passiert, gibt es so oder so ähnlich auch in anderen Städten. Von unfertigen Bauprojekten kann Stuttgart zumindest ein ganz ähnliches Lied singen wie Berlin.“

Der Druck dieser Aufgabe, er verschonte auch einen versierten, erfolgreichen und zigfach preisgekrönten Zeichner wie Flix nicht. „Natürlich einerseits, weil ich schon als jugendlicher Zeichner von genau so etwas träumte, es aber für ähnlich unerreichbar hielt wie den Mars“, sagt er. „Und andererseits, weil mir bei bislang keinem Comic-Projekt so viele Leute über die Schulter geschaut haben. Bei dem so oft von einem Mitspracherecht Gebrauch gemacht wurde. Aber ich verstehe das. Ich bin mit André Franquin groß geworden“, erwähnt er den franko-belgischen Künstler, der ab den fünfziger Jahren für den ganz großen Erfolg der Serie verantwortlich zeichnete – im wahrsten Sinne des Wortes. „Und auf einmal zeichnete ich sein Universum, sollte darin eine eigene Geschichte erzählen.“

Drei Jahre lang Spannung

Deswegen war die größte Herausforderung auch nicht handwerklicher Natur, wie er betont. „Natürlich habe ich mir große Mühe gegeben, viel recherchiert und weitaus mehr Hintergründe gezeichnet als sonst üblich. Viel schwieriger war es jedoch, über diesen langen Zeitraum von insgesamt drei Jahren die Spannung aufrecht zu erhalten und mit der Ungewissheit klarzukommen. Ich wusste ja lange nicht, wie es aufgenommen und ob es überhaupt jemals veröffentlicht werden würde.“

Seit einigen Wochen steht fest: „Spirou in Berlin“ (Carlsen-Verlag, 64 Seiten, 16 Euro) wird in Deutschland überwiegend euphorisch goutiert. „Das hätte ich niemals für möglich gehalten“, sagt Flix. „Ich dachte, den einen sind bestimmt meine erfundenen Affen zu albern, den anderen vielleicht diese eine Folterszene zu nah an der DDR-Realität.“

Auch möglich: Berlin als Sumpf

Von wegen: Seine freche Affenbande ersetzt das aus rechtlichen Gründen nicht erscheinende Fantasiewesen Marsupilami mehr als adäquat. Die düsteren Zwischentöne sorgen für ein gesteigertes Maß an Spannung und Dringlichkeit, das der explosiven, temporeich gezeichneten Story Tiefe verleiht. In der schleichen sich Spirou und Fantasio über die Grenze nach Ostberlin, um den von der Stasi entführten Grafen von Rummelsdorf zu befreien. Hilfe bekommen sie von der Aktivistin Momo und ihren Affen. Momo bringt die beiden auf die Spur eines aberwitzigen Plans, die DDR vor der Pleite zu bewahren.

Kongenial setzt Flix das alles um, bleibt dem Herz der Serie treu und verewigt seinen Stil dennoch in den herrlichen Bildern. Da darf es als nächstes gern auch „Asterix“ sein. In Berlin vielleicht sogar? „Das würde mich schon reizen“, lacht er. „50 vor Christus war die Gegend um Berlin einfach nur ein Sumpf, da gab es nicht mal eine Römersiedlung. Ich stelle mir da zwei Germanen vor, die den Sumpf in West und Ost aufgeteilt haben...“ Die Ideen, sie werden ihm so schnell nicht ausgehen.

Termin: Der Comic-Zeichner Flix ist am Mittwoch, 26. September 2018, in Stuttgart zu Gast. Um 16 Uhr signiert er bei Wittwer seine Bücher. Um 19.30 Uhr präsentiert er seinen Comic-Band in der Stadtbibliothek.




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