„Comics & Bier“ in Böblingen Ein wilder Brauer, vier Bildergeschichten und ein Kino

Steffen Marx im Film über seine kleine Brauerei, die es mit den Großen aufnahm. Der Film kam gut an, auch in Böblingen. Foto: /Stefanie Schlecht

Ein literarisches Quartett der besonderen Art: Die Experten von „Comics & Bier“ gastieren ausnahmsweise im Böblinger Filmzentrum Bären. Der Grund: Ein Bierrebell aus München und sein Film.

Vier sitzen vor der großen Leinwand, in bequemen roten Sesseln. Neben ihnen liegen Bücherstapel, neben ihnen werden sich, im Laufe des Abends, leere Bierflaschen ansammeln. Zum ersten Mal findet die Reihe „Comics & Bier“ im Böblinger Bärenkino statt. Der Grund: Ein Gast.

 

Steffen Marx, passionierter Trinker und Brauer, reiste an aus München, um seine Brauerei vorzustellen – er brachte mit sich eine Anzahl an Bieren und einen Film: „Straight Outta Giasing“ schildert den Aufstieg einer kleinen Brauerei in einer Stadt, die von kapitalen Großerzeugern beherrscht wird. Ein komischer, frecher und frischer Streifen, der großen Anklang findet, auch in Böblingen.

Immer auf der Suche nach Volltreffern

„Comics & Bier“ wird seit sechs Jahren organisiert von Steffen Volkmer aus Böblingen. Sein besonderes literarisches Quartett, das absolut nicht nüchtern bleiben möchte, tagt abwechselnd in Böblingen und in Stuttgart. Steffen Volkmer ist Journalist, Biersommelier, Comic-Redakteur, organisiert und moderiert die Abende, wählt Neuerscheinungen der Comicwelt zur Besprechung aus. „Manchmal liege ich dabei auch daneben“, sagt er, „aber öfter ist es ein Volltreffer.“ Volkmer besucht auch Bier-Conventions, Treffen der Brauer-Szene, knüpft Kontakt zu Kleinbrauereien, stellt für jede Show eine Bierliste zusammen.

Der Comic, oder, anspruchsvoller: die Graphic Novel fristet in Deutschland ein Nischendasein. Von den rund 140 Bänden, die monatlich erscheinen, wurden nur fünf Prozent im Lande verfasst und gezeichnet, bei allen anderen handelt es sich um Übersetzungen. Sehr stark wächst vor allem der Markt der japanischen Comics, der Mangas.

Mangas stehen nicht auf dem Programm, an diesem Montagabend im Bären-Kino, aber immerhin ein deutsches Werk – und das macht das Rennen, wird zuletzt einstimmig und klar von allen zur Leseempfehlung des Abends ernannt. Da sie zum ersten Mal in einem Kino beisammensitzen haben die vier Comic-Nerds beschlossen, nur über Comics zu sprechen, die mit dem Kino zu tun haben.

Von Hartmut Klotzbücher alias Haggi stammt der verhältnismäßig günstige Band „Der Hartmut get inz Kieno“. Klotzbücher zeichnet knapp und witzig, verweigert sich jeder Rechtschreibung und liefert auf 50 Seiten die sehr pointierte Inhaltsangabe zu 50 bekannten Filmen – ob nun von „Rambo“ oder „Ladykillers“.

Ein Abenteuer unbekannten Ausmaßes

Die Experten für Comic und Bier, die auf der Bühne neben Steffen Volkmer Platz sitzen, sind Rebecca Haar, Arnulf Wook und Carsten Girke. Die Comicbücher wandern von Hand zu Hand, die Kronkorken knallen, ein immer wieder neues Bier fließt ins Glas – jedes gebraut im Münchner Viertel Giesing von Steffen Marx und seinen Freunden.

Marx baute seine Brauerei aus einem Hinterhof heraus auf, erzählt im Film von den Problemen, auf die er traf, leert dabei ein ums andere Glas des eigenen Produktes und grinst immer breiter. Ein Münchner Bier, erfährt man, darf sich nur nennen, was aus Münchner Wasser gebraut wurde, nicht aus angeliefertem Leitungswasser. Dazu wird ein Tiefbrunnen benötigt, kein kleiner.

Steffen Marx und sein Team ließen sich auf das Abenteuer ein, ohne den Aufwand abschätzen zu können. Sie hatten Erfolg. Giesinger Bräu ist nun die siebte offizielle Münchner Biermarkte, behauptet sich neben den Branchenriesen. Für das Oktoberfest ist die Brauerei noch zu klein – vielleicht ändert sich das aber. „Ich muss mir noch kurz ein Bierchen holen“, sagt der Chef. „Und dann sehn mer mal weiter.“

Mit schwankendem Ernst zu neuen Werken

„Straight Outta Giasing“ ist der clevere, sympathische Imagefilm eines selbstbewussten Kleinunternehmers und lässt die Stimmung im Bärenkino steigen. Seltsame Analogien entstehen zwischen dem Brauer auf der Leinwand, der von Schluck zu Schluck bierseliger wird, und einem Publikum, dem derselbe Brauer, in Fleisch und Blut, eine um die andere seiner patentierten 0,33 Liter Mehrwegflaschen reicht.

Eine Comic-Version dieser Geschichte gibt es noch nicht. Aber man kann sie sich vorstellen, mühelos.

Steffen Marx mit den Comic-und Bier Experten, rechts im Sessel Initiator Steffen Volkmer /Stefanie Schlecht

Die aktuelle Comicrunde indes wendet sich mit schwankendem Ernst weiteren Werken zu. Der Franzose Pierre Alary schuf eine mehrbändige Comic-Adaption von Margaret Mitchells klassischem Südstaatenroman „Vom Winde verweht“, die erstaunlich großen Anklang findet, zugänglicher und differenzierter erscheint als Roman und Film. Die Comic-Biografie, die Amazing Améziane dem Regisseur Quentin Tarantino widmete, stößt in der Runde auch auf Skepsis (Carsten Girke schätzt Tarantino nicht besonders), beeindruckt aber durch ihre Akribie und die Fülle des Materials, das in sie eingearbeitet ist. „Jim Henson’s Tale of Sand“ schließlich ist ein Comic, der auf einem unveröffentlichten Drehbuch des großen Puppenspielers beruht, der auch die „Muppets Show“ und die „Sesamstraße“ schuf – ein Wirbel absurder, dynamischer, seltsamer Ereignisse, fast ohne Worte, ein Werk, von dem die Runde wiederum einhellig schwärmt.

Fortsetzung folgt. Bierselig versteht sich.

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