Comicverfilmung: „Deadpool“ Kein Held wie jeder andere

Deadpool (Ryan Reynolds) fühlt sich nicht wie mancher andere kostümierte Tausendsassa an die Regeln der Fairness und des Edelmuts gebunden. Foto:  
Deadpool (Ryan Reynolds) fühlt sich nicht wie mancher andere kostümierte Tausendsassa an die Regeln der Fairness und des Edelmuts gebunden. Foto:  

Er ist brutaler als andere Comicstars, zynischer, aber vielleicht auch schlauer: Deadpool nimmt die ganze Superheldenwelt nicht ernst. Sein erster Großauftritt im Kino wird denn auch eine vergnüglich verwirrende Angelegenheit.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)
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Stuttgart - Der handelsübliche Superheld trägt ein gutes Herz unter einem knallbunten Kostüm. Allenfalls verbirgt er unter einem dunklen Kostüm den verbissenen Vorsatz, dem Licht zum Sieg über das Dunkel zu verhelfen, so wie Batman. Der täuschend genretreu in einem rot und blau gefärbten Gymnastikanzug mit Vollmaske auftretende Deadpool ist ein wenig anders. Unter seinem kecken Kostüm wabert das moralische Chaos. Der Mann ist ein Killer, ein Zyniker, ein Nihilist. Er schert sich wenig um Fairness und fühlt sich keinesfalls für den Schutz der leidenden Allgemeinheit zuständig. Er arbeitet als Auftragsmörder.

Dass man ihn trotzdem nicht den Superschurken zurechnen muss, verdankt die Welt vermutlich Deadpools irritierendem Sinn für Humor. Er findet Großverbrecher genauso lächerlich und nervtötend wie Superhelden, was letztlich dazu führt, dass er sich in wüstes Treiben stürzt, aus dem dann doch Gutes hervorgeht. So zeigt ihn auch die erste Hollywood-Produktion, in der er im Mittelpunkt steht.

Wenig Plot, viel Action

Der Plot von „Deadpool“ könnte, wenn man ihn mit Zuckerwasser auf eine Glasplatte schriebe, keine Fruchtfliege zehn Minuten lang satt halten. Deadpool (Ryan Reynolds) gerät mit dem Superfiesling Ajax (Ed Skrein) aneinander, der seine Ex-Freundin (Morena Baccarin aus „Homeland“) entführt. Rückblenden zeigen, wie weit die Feindschaft zurückgeht, und liefern die Ursprungsgeschichte, wie aus ­Wade Wilson Deadpool wurde. Unheilbar krebskrank, machte Wilson beim Mutationsforschungsprogramm einiger zwielichtiger Typen unter Leitung von Ajax mit, das sich als wahrer Folterparcours erwies.

Aber man schaut sich Superheldenfilme ja nicht wegen des Plots an. „Deadpool“ beginnt mit einer jener 3-D-Sequenzen, in denen sich die virtuelle Kamera durch eine eingefrorene Welt bewegt. Die begehbare Fotografie zeigt den Höhepunkt einer Action-Eskalation, die Fahrt der Kamera provoziert die Zuschauer damit, dass zunächst nur Elemente eines nicht fassbaren Bildes zu sehen sind. Ein schon schwer demoliertes Auto scheint da in der Luft zu hängen, mehrere Personen interagieren höchst gewaltsam, Waffen speien Feuer und Verderben, ein fliegendes Motorrad wird auch erkennbar. Der Regisseur Tim Miller, wen wundert’s, ist von Haus aus Spezialist für digitale Effekte und Spiele-Trailer („Halo“).

Deadpools Verrücktheiten

Es braucht eine Weile, bis sich die große Frage „Was ist da eigentlich los auf der Leinwand?“ in die noch größere verwandelt: „Wie konnte es denn so weit kommen?“ Das macht durchaus Spaß und gibt das Thema des Kinobesuchs vor. Wir müssen in der Folge versuchen, Verrücktheit zu ordnen und zu bewerten.

Aus dem Folterprogramm von Ajax hat Wilson zwar Selbstheilungskräfte mitgebracht, die Schusswunden wegputzen wie Schuhbürste Schlammspritzer, aber die Mutation hat ihn auch schlimm entstellt. Seine Deadpool-Maske dient nicht nur der Anonymität. Und vielleicht spiegelt die äußere Verwüstung die innere. Man hält Deadpools Drohen und Höhnen so lange für lustiges Macho-Gehabe, bis man ihn im Kampf sieht. Der Kerl, der Schusswaffen, Granaten und Samuraischwerter nutzt, köpft, durchlöchert und zerfetzt seine Gegner. Und hat gleich wieder einen Spruch auf Lager.




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