Commando Cannstatt sagt Nein zu Wolfgang Dietrich Die VfB-Stimmungskanonen sind geladen

Von Jörg Nauke 

Die Ultra-Gruppierung Commando Cannstatt lehnt den Ex-Stuttgart-21-Sprecher Wolfgang Dietrich als Präsidenten ab. Sie bezeichnen ihn als „Spalter“ und halten sein Firmengebilde für „undurchsichtig“. Der Verein spricht von „Unterstellungen“.

Das Commando Cannstatt hat im Pokalspiel gegen Homburg Position zur Personalie Wolfgang Dietrich bezogen. Foto: Avanti
Das Commando Cannstatt hat im Pokalspiel gegen Homburg Position zur Personalie Wolfgang Dietrich bezogen. Foto: Avanti

Stuttgart - Es ist so leicht, Fußballfan zu sein, sofern man den FC Bayern liebt. Er kann die meisten Spiele genießen und sogar die Mitgliederversammlungen, er applaudiert den Kickern und den Funktionären. Sehr viel schwerer scheint es dagegen, Teil der VfB-Familie zu sein, zumal für engagierte Mitglieder wie die der Ultra-Gruppierung Commando Cannstatt (CC). Der jahrelange Abstiegskampf, die ständigen Wechsel an den Schaltstellen und die Debatte um die Ausgliederung der Profiabteilung stellen aus deren Sicht eine „historische Krise“ dar.

Und es ist kein Ende in Sicht, im Gegenteil, jetzt wird es lokalpolitisch: Die Ankündigung des ungeliebten Aufsichtsrats, im Oktober ausgerechnet den Ex-S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich als einzigen Präsidentschaftskandidaten zu präsentieren, wird als neue Eskalationsstufe bewertet. Bei jeder Bürgermeisterwahl habe man mehr Kandidaten, „nur beim VfB heißt es: friss oder stirb“, so ein CC-Sprecher.

Gruppe lehnt das pauschale Verbot von Feuerwerk ab

Rund 100 feste Anhänger und einen Förderkreis von 1500 Mitgliedern zählt die 1997 gegründete Cannstatter Gruppierung, die im Stadion mit ihren Choreografien und Gesängen für Stimmung und Unterstützung sorgen – auch mit verbotener Pyrotechnik, weshalb die Traditionalisten auch in der Kritik stehen. Die Gruppe lehnt das pauschale Verbot von Feuerwerk ab. Sie hat dafür Argumente, vorgetragen von Mitgliedern, für die es kein Widerspruch ist, ihr Team lautstark nach vorne zu treiben und gleichzeitig differenziert ihre Meinung zu Themen wie der zunehmenden Kommerzialisierung zu äußern.

Klare Kante zeigt das „CC“ nun in der Personalie Dietrich: Ein Sprecher stellt klar, dass die Gruppe den Unternehmer aus Leonberg unter anderem wegen dessen Tätigkeit als Sprecher des umstrittenen Bahnprojekts Stuttgart 21 für ungeeignet hält – und dass sich an der Haltung nichts ändern würde, falls er – wie erwartet – zum Präsidenten gewählt würde. Die Folge daraus: Das Zusammenspiel zwischen Fans und Funktionären auf der Arbeitsebene könnte darunter leiden. Der Kandidat will am Montag im Fanausschuss versuchen, die Vorbehalte auszuräumen.

Es gehe den Fans nicht darum, dass sich Dietrich mit vollem Elan für das Projekt eingesetzt hat, dabei die umstrittenen Baumfällungen und den Abriss der Bahnhofsflügel gegen allen Protest verteidigt hat: „Wir sind nicht politisch aktiv, sprechen uns als Commando Cannstatt nicht für oder gegen Stuttgart 21 aus, es gibt schließlich auch bei uns Befürworter und Gegner“, sagt ein Sprecher. Ursächlich für die Ablehnung ist demnach, wie Dietrich aus Sicht der Öffentlichkeit seine Aufgabe wahrgenommen hat. Nach alldem, was man über den Kandidaten in Erfahrung gebracht habe, drohten beim VfB ähnlich unversöhnliche Lager wie beim Streit um den Tiefbahnhof.

Tatsächlich wurde Dietrich von S-21-Projektkritikern vorgeworfen, einseitig Bahninteressen verfolgt, die Gegner nicht ernst genommen, bauliche Nachteile geleugnet und Probleme mit Kosten- und Zeitplänen erst veröffentlicht zu haben, wenn sie nicht mehr zu verheimlichen gewesen seien. Zumindest für den grünen Teil der Landesregierung und OB Fritz Kuhn ist Dietrich ein rotes Tuch. Seine Ablösung forderten sie allerdings vergeblich.

Kritik an Dietrichs Firmengeflecht

Unlängst beim DFB-Pokalspiel in Homburg hatten die Ultras das Wort „Spalter“ in Form eines Stempels über Dietrichs Konterfei gelegt – im Netz wurde ihnen prompt vorgeworfen, sie hätten ihn ins Fadenkreuz genommen. „Echter Neuanfang statt Spaltung“ prangte auf einem Transparent. Die Anhänger sagen, sie rechneten damit, ihren Widerstand als Fortschrittsfeindlichkeit ausgelegt zu bekommen. Auf einen Einspruch Dietrichs können sie nicht hoffen: Als Projektsprecher rief er bei Podiumsdiskussionen: „Gnade uns Gott“, falls es mit dem „Zukunftsprojekt „ S 21 nichts würde.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Cannstatter Fans zu S 21 äußern. Wenige Tage nach dem „Schwarzen Donnerstag“ 2010 im Schlossgarten hatten sie getextet: „Wenn Polizisten Kinder schlagen, zeigt der Staat sein wahres Gesicht.“ VfB-Fans hatten den vom Gericht als „unverhältnismäßig“ bewerteten Einsatz von Wasserwerfern hautnah miterlebt. Das Commando Cannstatt vertrat damals eine andere Auffassung als Wolfgang Dietrich: Er hatte seinerzeit die Protestierer für die Eskalation verantwortlich gemacht.

So kritisch wie seine Sprecherfunktion sieht das „CC“ auch Dietrichs Firmengeflecht, das sich auch mit der Darlehensvergabe an Fußballclubs beschäftigt – unter anderen an direkte VfB-Konkurrenten. „Ohne die Quattrex Sports AG wäre Heidenheim nicht in der zweiten Liga“, sagt etwa der VfB-Rechtsanwalt Jan Räker über den Freitagsgegner. Dietrich hat laut Verein betont, aus Geschäftsführung und Aufsichtsrat ausgeschieden und die Verantwortung an den Sohn weitergegeben zu haben. Eine Anfrage an den VfB zu den Eigentumsverhältnissen der Quattrex Sports AG ergab aber, dass Dietrich noch Minderheitsgesellschafter ist. Das sei aber unschädlich, so Räker. Die Veräußerung seiner Anteile lehne Dietrich derzeit aus steuerlichen Gründen noch ab.

Es drehe sich beim VfB wieder alles um Transparenz und Vertrauen, erklärt das „CC“, das die Firmengruppe für „undurchsichtig“ hält. Ein mittelbarer Einfluss von Dietrich auf seinen Sohn sei nicht auszuschließen. „Gegen solche Unterstellungen sind wir machtlos, sie entbehren aber jeder Grundlage“, sagt VfB-Vorstand Stefan Heim. Der VfB und die Fußball-Liga hätten Kreditverträge geprüft. Fazit des Vereins: Dietrich habe überzeugend dargelegt, klar Schiff gemacht zu haben. Mit einem wasserdichten Vertrag im Falle seiner Wahl sehe sich der VfB auf der sicheren Seite.