Conscious Quitting ist ein Trend, der die Arbeitswelt fortan beschäftigen wird. Er beschreibt den Umstand, dass Menschen ihren Arbeitsplatz kündigen und wechseln, weil er nicht (mehr) mit ihren Wertevorstellungen vereinbar ist. Wolfgang Grupp does not like it, that we can tell. Aber: Vor allem junge Generationen sind nicht mehr bereit, Jobs nachzugehen, die nicht mit ihren Werten in Einklang zu bringen sind. Wir haben mit Stuttgarter:innen gesprochen, die ihre Jobs und Ausbildungen aus Gewissensgründen gekündigt haben.
Kim L. hatte eine Ausbildung bei der Krankenkasse begonnen. Doch die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind so gesteckt, dass die Stuttgarterin einigen Menschen, denen sie gerne geholfen hätte, nicht helfen konnte. Das war der jungen Frau auf Dauer zu viel:
„Ich hatte mich auf die Ausbildung bei einer Krankenkasse beworben, als ich im Ausland war. Als ich die Ausbildung dann angefangen habe, war das schon ein Jahr her gewesen. Ich habe dann doch merken müssen, dass sie nicht so ganz gepasst hat und nicht wirklich kompatibel ist mit den Werten, für die ich einstehe. Die Gesetzeslage ist natürlich die Grundlage, mit der man als Angestellte bei der Krankenkasse arbeitet, das verstehe ich, aber mir persönlich hat da der Spielraum gefehlt. Manchmal kamen Leute rein, die dringend etwas gebraucht haben, das habe ich gemerkt. Etwa eine Person, die einen neuen Rollator gebraucht hat, weil ihr alter nach dem Umzug nicht mehr durch die neue Wohnungstür gepasst hat. In einem solchen Fall waren mir aber trotzdem die Hände gebunden, denn auf dem Papier war die Person im Besitz eines Rollators und würde keinen zweiten brauchen. Auch Menschen, die innerhalb weniger Monate ihre nicht geringen Beitragsschulden zurückzahlen mussten und bei denen ich gemerkt habe, dass das ein großes Problem für sie sein wird.
Der Spielraum in einem Arbeitsbereich, in dem es um die Sorgen und Probleme von Menschen geht, war mir zu klein, oft konnte ich nicht helfen, wo ich gerne geholfen hätte. Das Feste und Stringente hat mir nicht getaugt, ich wollte nicht die Person sein, die Hilfe bei ganz grundsätzlichen Dingen ablehnen muss, und habe nach acht Monaten die Ausbildung abgebrochen. Danach habe ich ein ausbildungsorientiertes Studium in der Physiotherapie angefangen – die Richtung, die ich eingeschlagen hatte, war also nicht falsch gewesen. Ich wollte weiterhin mit Menschen arbeiten und ihnen helfen. Mittlerweile bin ich dabei ein Masterstudium in Public Health zu absolvieren. In Zukunft möchte ich gerne beides verbinden: Einzelpersonen helfen, aber auch die Bevölkerungsgesundheit im Großen und Ganzen verbessern.“
Brust-OPs und Po-Implantate am laufenden Band
Sabrina Bauer* hat schon immer im Gesundheitsbereich gearbeitet. Den Job-Wechsel in eine Schönheitsklinik hat sie aber schnell bereut: Brustvergrößerungen an sehr jungen Frauen dominierten der Alltag. Sie hat die Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit hinterfragt und nach kurzer Zeit gekündigt:
„Ich habe in Stuttgart gewohnt und Regensburg gearbeitet, und habe mich dann der Liebe und Family wegen entschieden, mir eine Arbeit in Stuttgart zu suchen. Ich war schon immer im Gesundheitsmanagement tätig und habe mich bei einer Schönheitsklinik, die praktischerweise auch in der Nähe meines Wohnorts war, beworben. Ich hatte auch direkt eine Zusage und habe dann dort angefangen zu arbeiten und die Kolleg:innen und Patient:innen kennenzulernen. Und da fiel mir relativ schnell schon der Unterschied zwischen einer medizinischen Einrichtung und der Schönheitsklinik auf: Die Menschen, die in die Schönheitsklinik kommen, haben selten ein medizinisches Problem. Ich verurteile niemanden, der in die Schönheitsklinik geht und etwas machen lässt, weil er oder sie mit sich nicht zufrieden ist, aber mir ist bei meinem Beruf wichtig, dass ich dahinterstehen kann.
Und wenn da das dritte junge Mädchen am Tag mit ihrer Mutter und einem Gucci-Täschchen reinkommt, um sich die Brüste vergrößern zu lassen, dann fällt mir persönlich das schon schwer, den Sinn hinter meiner Arbeit zu sehen. Und es kam eine nach der anderen rein: junge Frauen, die sich mit 18 zum Abi haben die Brüste machen lassen. Oder Männer, die sich zum Wasen haben Po-Implantate einsetzen lassen. Viele Frauen mit Schamlippenverkleinerungen. Und dafür so ein gesundheitliches Risiko auf sich zu nehmen, sich mit einer Vollnarkose und allem auf den OP-Tisch zu legen – das waren Entscheidungen, die konnte ich nicht nachvollziehen und auch medizinisch nicht dahinterstehen. Diese Patient:innen zu beraten und auf ihrem Weg zu begleiten, hat nicht zu mir und meinen Werten gepasst. Deswegen habe ich nach drei Monaten dann wieder den Job gewechselt. Ich bin aber im Gesundheitswesen geblieben und arbeite in einer Reha-Einrichtung, wo ich wirklich bedürftigen Patient:innen dabei helfen kann, ihre Lebensqualität zu verbessern, das passt viel besser zu mir.“
*Name von der Red. geändert
„Was habe ich heute eigentlich Wertvolles gemacht?!“
Diese Frage konnte sich Nathalie Felkel oft nicht beantworten, nachdem sie abends nach der Arbeit ins Bett gefallen ist – und hat daher den Schlussstrich gezogen. Raus aus dem Marketing, rein in die Filmbranche:
„Ich komme ursprünglich nicht aus Stuttgart und habe in meiner kleinen Heimatstadt bei einem Schmierstoffhersteller meine Ausbildung gemacht. Insgesamt habe ich sechs Jahre dort gearbeitet, im Marketingbereich. Auch wenn der Betrieb eigentlich toll war und ich mich wohlgefühlt habe, musste ich im Laufe der Jahre feststellen, dass der Job mich nicht ausgefüllt hat. Mein Berufsalltag waren PR und Marketing, ich habe Social Media betreut, Produktmarketing betrieben und mich intensiv mit der Firma auseinandergesetzt. Leider hatte ich zunehmend aber viele Tage, an denen ich nach Hause gekommen bin und mich ‚Was habe ich heute eigentlich Wertvolles gemacht?‘ gefragt habe. Wenn man in den 20ern ist und in einem so traditionellen Unternehmen arbeitet, hat man natürlich begrenzt Möglichkeiten, sich da kreativ zu entfalten, auch wenn ich einen tollen Chef hatte, bei dem ich mich im Rahmen des Möglichen ausprobieren konnte. Es war einfach nicht das, wofür mein Herz gebrannt hat.
Der Neuanfang war mit viel Angst verbunden
Bei einem der Drehs für die Firma habe ich dann Studierende von der Hochschule der Medien (HdM) kennengelernt, deren Arbeit mir echt gut gefallen hat. Ich bin dann zum Info-Tag der HdM gegangen, habe mich beworben und auch direkt eine Zusage für das Studium der Audiovisuellen Medien bekommen. Bis zum letzten Tag der Frist habe ich aber mit der Zusage gewartet, denn der Neuanfang war für mich mit super viel Angst verbunden: Ich hatte in dem Ort, von dem ich plante wegzugehen, um an der HdM zu studieren, immerhin 27 Jahre meines Lebens verbracht. Aber es war eine sehr gute Entscheidung gewesen. Ich studiere und arbeite jetzt auf das Ziel hin, in einem Job zu arbeiten, der mich erfüllt.
In meinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt es einige Mittzwanziger, die auch im Zwiespalt sind und damit hadern, was sie aktuell beruflich machen. Denen kann ich nur Mut machen, sich umzuorientieren: Auch ich habe mit Mitte 20 was ganz Neues angefangen. Und euer Job ist immerhin, was ihr acht Stunden am Tag noch für viele Jahre machen werdet – die Zeit ist doch viel zu schade, um sie mit etwas zu verbringen, was man schrecklich findet. Mir ist natürlich bewusst, dass nicht allen diese Freiheit zuteil ist, den Job noch mal zu wechseln, ob nun aus finanziellen oder sozialen Gründen. Aber aus dem Arbeitgebermarkt ist mittlerweile ein Arbeitnehmermarkt geworden, das erzeugt für Menschen, die sich umorientieren möchten, gute Chancen und Möglichkeiten.“
20 Minuten Zeit für Patient:innen sind zu wenig
Der Beruf der Physiotherapeutin hat Danica* während ihrer Ausbildung sehr gut gefallen. Doch in der Praxis sah das Ganze dann anders aus: viel zu wenig Zeit für die Patient:innen, falsche verschriebene Therapien, bloße Linderung der Symptome statt der Ursachen.
„Ich habe von 2016 bis 2019 eine Ausbildung zur Physiotherapeutin gemacht. Während der Ausbildung fand ich den Beruf ziemlich gut und sinnhaft, ich konnte mir genügend Zeit für die Patient:innen nehmen. 2020 ging’s dann aber in die Praxis und ich habe schnell gemerkt: Mir fehlt die Zeit für Patient:innen und mir wird vom Arzt oder der Ärztin vorgegeben, welche Therapie ich anzuwenden habe – denn nur so kann ich sie auch abrechnen – und das, obwohl ich oft etwas anderes empfohlen hätte. Diese sechs mal 20 Minuten die Woche sind nicht viel, meistens nicht genug, um das Leiden der Patient:innen nachhaltig zu lindern. Es war ein ewiger Struggle zwischen eigene Grenzen ziehen und den eigenen Ansprüchen genügen. Zum Beispiel: Ein Patient kam mit Skoliose und einer Fehlhaltung zu mir und das einzige, was auf dem Rezept stand, war: Rückenschmerzen, Massage. Laut Rezept hätte ich ihn einfach nur massieren sollen. Die Symptome zu behandeln hilft ihm vielleicht einen Tag, längerfristig tut es aber nichts für ihn.
Ein Gefühl wie Fließbandarbeit
Nach den ersten paar Wochen in der Praxis habe ich mich bei einer anderen Stelle beim Gesundheitsministerium beworben, die etwas innovativer klang, um dem Beruf noch eine Chance zu geben, wurde aber nicht genommen. Ich habe also gekündigt und stattdessen ein Studium begonnen. Bei den meisten Therapeut:innen stößt man auf großes Verständnis, wenn man sagt ‚Ich kann nicht mehr, weil die Arbeitsbedingungen so schlecht sind und es sich wie Fließbandarbeit anfühlt‘. Denn gleichzeitig verdient man auch noch schlecht. The Way of Working ist nicht mehr zeitgemäß und viele Therapeut:innen sind unzufrieden. Nur ein Bruchteil der Absolvent:innen bleibt dem physiotherapeutischen Berufsbild treu. Ich studiere jetzt stattdessen Informationsdesign an der HdM. Das ist ein Bereich, der sich der Schnittstelle zwischen Technik und Mensch widmet. Ich bin jetzt autonom und die Rahmenbedingungen sind freier gestaltbar. Und ich habe das Gefühl, Veränderungen nachhaltig bewirken zu können, statt mich in einer ganz beengten Dienstleistungsrolle zu befinden.“
*Nachname anonymisiert