Container-City-Festival an den Wagenhallen Nicht die letzte Abschiedsfeier?

Schauen und staunen in und vor den Wagenhallen und in der Container City – unter anderem über eine Großskulptur von Stefan Rohrer mit einem aufgeschnittenen Auto. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Plötzlich kommt alles anders – auch für die Container-City am Wagenhallen-Areal? Kurz vor Start des Container-City-Festival am vergangenen Wochenende ändert die Stadt ihren Zeitplan für die Neubebauung.

Es gibt doppelt Grund zur Freude an diesem Wochenende. Eigentlich wäre das Festival in der Container City an diesem Wochenende so etwas wie ein Leichenschmaus und eine Trauerfeier geworden.

 

Der Abschied von den Containern vor der Wagenhalle wegen des Baus der Interimsoper war beschlossene Sache. Bis am Donnerstag ein Schreiben der Stadt einging: Es ergebe sich die Möglichkeit, „dass durch eine zeitlich optimierte Organisation für einen großen Teil der Flächen der Container City (ausgenommen sind die Flächen der Lagerhalle von Dundu und der nördliche Teil des Stadtackers) eine Verlängerung der Nutzungsmöglichkeit bis 30. September 2024 möglich sein wird“.

Noch ein Jahr länger dürfen also die Künstler draußen vor der Halle bleiben. Einstmals waren sie wegen der Sanierung der Wagenhalle für 25 Millionen Euro nach draußen gezogen. Und weil es eine lange Warteliste von Menschen gibt, die gerne ein Atelier in den Hallen hätten oder dort ein Projekt verwirklichen wollen.

Willkommen im „Kulturschutzgebiet“

Eine gute Nachricht, die am Wochenende dann auch entsprechend gefeiert wurde. Alissa (23) und ihre Freundin sind jedenfalls fasziniert. Mit dem Smartphone machen sie Bilder von einem großen, innen ausgehöhlten Fuß aus Holz und anderen Gliedmaßen am Wegesrand. Teile von Skulpturen. „Hat die jemand entsorgt?“, fragt sie und fügt hinzu: „Das sieht ja fast aus wie eine Installation.“ Die beiden sind am Samstagabend zum Container-City-Festival des Kunstvereins Wagenhalle gekommen – und auf ihrem ersten Rundgang durch das mit einer Warhol-Banane ausgeschilderte Kulturschutzgebiet: ein Terrain auf dem Ausstellungs- und Schaffensraum, Kunst und Natur ineinander übergehen. Aus dem Verschwimmen der Grenzen entsteht ein eigener Reiz.

Das sieht auch Ella so. „Ich finde, dieser Ort hat etwas, das Stuttgart sonst weitgehend fehlt“, sagt sie. „Flair.“ Veranstaltungen in der Innenstadt seien oft „zu geleckt“, so die 25-Jährige. Offenbar füllt das Festival in der Containerstadt mit seinem lockeren Ambiente eine Lücke im kulturellen Angebot. Das zieht eine Menge gerade jüngerer Leute an. Trotz durchwachsenen Wetters ist die Veranstaltung mit Filmvorführungen, Ausstellungen, Straßentheater und Konzerten ausgesprochen gut besucht. Dass zwischendurch Niederschlag einsetzt, vermag die Stimmung nicht zu trüben. „Stellt euch einfach vor, es sei ein Glücksregen“, schlägt Esther Falk vom Ensemble Figurenkombinat dem Publikum vor, das sich vor der kleinen Bühne versammelt hat, um „Pandora’s Kitchen“ zu erleben – ein Stück mit Suppe und musikalischen Einlagen.

Das neue Schlussdatum: September 2024

Schon 2022 hatte man eigentlich den Abschied von der Container City begangen. Die Neubebauung verzögerte sich – ein willkommener Aufschub, der nun ein weiteres buntes Lebewohl-Wochenende möglich macht.

Vielleicht nicht das letzte. Die Geschichte könnte sich wiederholen. „Wir haben vor wenigen Tagen erfahren, dass wir wohl doch bis 2024 hier bleiben können“, zeigt sich Sigrun Kilger von den Materialtheater-Kammerspielen erfreut. Es sei schade, das man auf dem Gelände schon mit dem Rückbau begonnen habe. Nun bis September 2024 weiter das schmucke ehemalige Bühnenbildlager mit 30 Plätzen bespielen zu können, sei aber großartig. Kilger empfindet das unausweichliche Ende der Container City als Verlust. Das Miteinander und der Austausch unter Künstlern unterschiedlichster Couleur sei sehr inspirierend.

Kunst als Ideenmotor

Keramikerin Ute Beck, deren Gefäßobjekte in einem der offenen Ateliers zu sehen sind, hofft, dass sich Spuren des kreativen Geistes auch dann erhalten, wenn die geplanten Wohngebäude das Kunstareal ersetzt haben werden. Die Künstler und Künstlerinnen, die – wie sie – dauerhaft in ihren Arbeitsräumen hinter den Hallentoren bleiben könnten, würden inzwischen als Ideenträger wahrgenommen, glaubt sie. Denkbar wären Beiträge rund um die Gestaltung der künftigen Bauten. Verloren aber geht ihrer Meinung nach neben dem etwas anarchischen kreativen Freiraum der Container City aber auch eine Anlaufstelle für Jugendliche. Viele kämen abends auf das Gelände, um sich zu treffen, etwas zu trinken, zusammenzusitzen: entspannt und friedlich.

Das Besondere, das Stuttgart oft fehlt

Jasmin studiert Innenarchitektur in Rosenheim und ist für ein Praxissemester in Stuttgart. Gemeinsam mit ihrem Kommilitonen Simon ist sie zwischen den Kulturcontainern auf Entdeckungstour. „Als wir gesehen haben, dass dieses Festival stattfindet, war klar: Da müssen wir hin“, sagt sie. Stuttgart stehe nicht unbedingt im Ruf, besonders aufregend zu sein. Das Gelände an den Wagenhallen aber sei etwas ganz Besonderes.

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