Containerdorf am Killesberg Die Tränen hinter dem Lächeln

Issam  Abdul-Karim Foto: Eva Funke
Issam Abdul-Karim Foto: Eva Funke

Mit RED ist im am Killesberg eine Zeitung von, aber nicht nur für Flüchtlinge entstanden.

S-Nord - R ED: Der Name ist doppeldeutig. Er bedeutet Refugees (Flüchtlinge), Experiences (Erfahrungen) und Dreams (Träume), aber auch rot. Im Wohngebiet Rote Wand am Killesberg leben rund 130 Flüchtlinge in Containern. Einige von ihnen haben an der neuen Flüchtlingszeitung mitgewirkt, die jetzt unter dem Titel RED erstmals erschienen ist.

Einer der Autoren ist Abddullah Alabed. Als Jurist hatte der 42-jährige Syrer eine gute Position, war wohlhabend, konnte sich ein Auto und ein großes Haus leisten. Da er deutsche Literatur und klassische Musik liebt, plante er, irgendwann einmal nach Deutschland zu kommen – als Tourist. Seit gut 15 Monaten ist er in Deutschland – als Flüchtling. Statt auf 300 Quadratmetern wie in Syrien lebt er jetzt auf 13 Quadratmetern im Containerdorf , teilt sich das Zimmer mit zwei anderen Flüchtlingen. Unter der Schlagzeile „Die Hoffnung ist da, die Angst nicht weg“ erzählt er die Geschichte seiner Flucht: Alabed steht auf der Fahndungsliste des Islamischen Staats (IS), weil er sich kritisch über Selbstmordattentäter geäußert hatte. Die Alabeds verkaufen ihre Habe. Mit dem Geld besorgt sich Alabed einen Ausweis und bezahlt die Schleuser. Frau und Sohn lässt er zurück – zu gefährlich wäre die Flucht für sie. Sie halten sich derzeit in einem IS-freien Gebiet an der türkischen Grenze auf.

Alabed ist dankbar hier zu sein und hofft, seine Familie nachholen zu können. Er hat aber auch Angst vor der Abschiebung. Bei dem Zeitungsprojekt macht er mit, weil es ihm wichtig ist, dass die deutsche Nachbarschaft erfährt, dass er und viele seiner Leidensgenossen nicht nach Deutschland gekommen sind, um auf Kosten der Deutschen ein besser zu leben.

„Mir und meiner Familie ging es in der Heimat sehr gut. So gut wird es mir in Deutschland niemals gehen. Aber mit dem Einmarsch des IS musste ich täglich mit dem Tod rechnen“, sagt er. Er sagt es – und lächelt. Auf die Frage, wie er die Trennung von seiner Familie erlebt hat, versucht er noch immer zu lächeln, doch sein Mund spielt nicht mehr mit, und Tränen schießen in seine Augen.

In RED berichten Flüchtlinge über das, was sie erlebt haben, wovon sie träumen. Der 12-jährige Hassan, der aus dem Iran stammt, erst seit zehn Monaten in Deutschland ist, aber bereits Deutsch spricht, berichtet im Interview, wie er in der Schule klar kommt. Weil Mathematik sein Lieblingsfach ist, will er einmal ein großer Mathematiker werden. Adel Gharib träumt davon, in Deutschland studieren zu können. Er hat in Syrien mehrere Semester Wirtschaftswissenschaften studiert, kam vor einem Jahr in Deutschland an und wartet jetzt auf seine zweite Anhörung. Danach wird sich entscheiden, ob er zurück nach Syrien muss oder eine vorläufige Aufenthaltgenehmigung erhält. Und die Köchin Siham Ahmad verrät ihre Lieblingsrezepte aus der syrischen Heimat.

Die Erstausgabe von RED ist in einer Auflage von 1000 Exemplaren erschienen. Die rund 1000 Euro Kosten für Fotos und Druck hat der Flüchtlingsfreundeskreis Killesberg über Spenden finanziert. Ausgelegt wurde die Gratis-Zeitschrift in Gaststätten und einem Buchladen.

Da viele Mitwirkende an der neuen Zeitung noch kein oder nur wenig Deutsch können, hat Issam Abdul-Karim die Texte der Flüchtlinge aus dem Arabischen übersetzt. Der 46-Jährige Gastronom kam selbst als Flüchtling aus dem Libanon, weiß was in den Flüchtlingen vorgeht und engagiert sich im Freundeskreis Killesberg für sie. „Das Zeitungsprojekt“, sagt Abdul-Karim, „hat auch einen therapeutischen Effekt. Indem sie darüber berichten, können die Flüchtlinge ihre schrecklichen Erfahrungen verarbeiten.“

Die Idee für die Zeitung hatte Hans H. Greuter, der sich ebenfalls im Freundeskreis Killesberg für die Flüchtlinge im Containerdorf engagiert. „Ausgangspunkt für das Projekt war die Frage, was wir im Winter sinnvolles mit den Flüchtlingen machen können, wenn sie sich nicht mehr so lange draußen aufhalten können“, sagt der 69-Jährige. Für den freien Journalisten lag das Projekt nahe. „Da kenn ich mich aus und kann mein Wissen einbringen“, sagt er. Was ihn bei den Gesprächen mit den mitwirkenden Flüchtlingen besonders berührt hat: „Sie alle haben versucht, das Erlebte sachlich und ohne Wut zu erzählen. Und trotzdem kam es immer wieder vor, dass Tränen geflossen sind – die der Flüchtlinge, aber auch meine“, sagt Greuter. Das Ergebnis der Gespräche: Mit RED ist eine Zeitung entstanden, in der die Schicksale der Geflüchteten Namen und Gesichter bekommen haben.

Die nächste Ausgabe von RED soll im Februar erscheinen.

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