Cornelius Meister in der Stuttgarter Liederhalle Mit großen Gefühlen
Das Staatsorchester unter Cornelius Meister hat in der Liederhalle Tschaikowsky gespielt – und für Beifallsstürme gesorgt.
Das Staatsorchester unter Cornelius Meister hat in der Liederhalle Tschaikowsky gespielt – und für Beifallsstürme gesorgt.
Die Frage nach der Substanz von Musik ist so alt wie die Musik selbst. Die Antworten darauf bewegen sich zwischen zwei extremen Positionen. Den einen ist sie, wie es der Musikwissenschaftler Eduard Hanslick einst ausdrückte, „tönend bewegte Form“ – objektives thematisches Material also, das vom Komponisten in eine wie immer geartete künstlerische Gestalt gebracht wird. Seine extremste Ausprägung hat diese Haltung in den abstrakten Kompositionen der Serialisten gefunden, aber auch die Sinfonik von Anton Bruckner weist schon in diese Richtung. Andere dagegen begreifen Musik in erster Linie subjektiv, als Ausdruck von Emotionen, und das trifft auf wenige Komponisten so stark zu wie auf Peter Tschaikowsky. Obwohl seine Sinfonien rein formal stringent gearbeitet sind, wird man ihrem Gehalt durch pure Analyse nicht nahekommen. Man muss die großen Gefühle schon nachempfinden – den Schmerz, die Verzweiflung, aber auch die Freude und den Jubel.
Wer sich nun als Dirigent an Tschaikowskys Werke macht, sollte also keine Scheu vor Gefühlen haben, es mit dem Ausstellen der Leidenschaften aber auch nicht übertreiben. Denn Kitschgefahr lauert an manchen Stellen durchaus – Vordergründigkeit und Effekthascherei sind Vorwürfe, die Tschaikowsky immer begleitet haben. Wie dessen Musik in ihrer radikalen Emotionalität groß, aber gleichzeitig echt und aufrichtig klingen kann, konnte man nun beim Sinfoniekonzert des Staatsorchesters unter der Leitung von Cornelius Meister erleben.
Zwei Sinfonien standen auf dem Programm. Die Erste, ein Werk des 26-Jährigen, und die 20 Jahre später entstandene Fünfte mit dem am Ende ins strahlende Dur sich wandelnden Schicksalsthema. Doch so verschieden beide Werke sind, so ähnlich sind sie sich in ihrer assoziativen Bildhaftigkeit, die Meister mit ungemeiner Plastizität ausspielen ließ. „Traum von einer Winterreise“ ist der Kopfsatz der Ersten überschrieben, und es war ein Leichtes, hier das Bild einer Kutschfahrt im Schneetreiben zu imaginieren, der dann im zweiten Satz das wunderbar geblasene, sich aus den Nebelflächen der sordinierten Streicher herausschälende Oboensolo wie ein Sonnenstrahl folgte. Dem heiter gelösten dritten Satz folgte das Finale als Jubeltanz, den das Publikum im Beethovensaal in einen Beifallssturm umleitete.
Nach der Pause dann eine weitere Demonstration der Qualitäten des Staatsorchesters, dessen Kontrabassfraktion Meister am hinteren Rand des Podiums platziert hatte – mit erstaunlich klangmächtigem Resultat. Die Horngruppe hatte ihre Exzellenz schon in der Ersten mit butterweichen Einsätzen bewiesen, im zweiten Satz der Fünften intonierte Pablo Neva Collazo das Solohornthema dann mit einer Innigkeit, die herzzerreißend war. Doch so viele schöne Stellen und wunderbar ausgespielte Melodien es da auch gab, nie verlor Cornelius Meister den dramaturgischen roten Faden. Am Ende, völlig berechtigt, Ovationen.